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Medien und Gesellschaft

Alexander von Streit
Digitale Schreibmaschine mit anarchistischem Ansatz und bürgerlicher Lebensform
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piqer: Alexander von Streit
Montag, 25.07.2016

„Wir sind Teil des Rauschens, das wir bekämpfen"

Die großen und tragischen Nachrichtenereignisse der letzten Tage und Wochen haben auch die Diskussion über die Rolle der Journalisten bei der Live-Berichterstattung über Terror und Gewalt neu entfacht: Wie sollten Medien mit solchen Situationen umgehen, in denen erst einmal nichts klar ist, aber umgehend berichtet wird? Wenn sich die Berichterstattung, wie in einem Möbiusband gefangen, in einer Endlosschleife aus ersten Fakten, unbestätigten Hinweisen und dem Anspruch der Leser (und Nachrichtenmedien) auf schnelle Informationen dreht? Jochen Wegner, Chefredakteur von Zeit Online, beleuchtet diese Untiefe des (Online-)Journalismus in einem reflektierenden Text: „Einige der Probleme, die dabei regelmäßig zutage treten, sind systembedingt. Sie rühren von Paradoxien her, die sich kaum auflösen lassen." 

Er nennt fünf dieser Paradoxien:

  • Wir können nicht nicht kommunizieren.
  • Wir sind Teil des Rauschens, das wir bekämpfen.
  • Wir spielen mit bei einer Inszenierung, die wir durchschauen.
  • Es ging uns noch nie so gut, es war noch nie so dramatisch.
  • Unsere eigene Medienkritik denken wir bereits mit.

Tatsächlich bilden diese selbstkritischen Punkte sehr gut das Dilemma ab, in dem Nachrichtenmedien stecken. Nicht zu berichten, wäre das Gegenteil ihrer Aufgabe – aber wenn sie es tun, werden sie Teil des Problems, im schlimmsten Fall sogar Instrumente einer Inszenierung des Terrors. Und sie zeigen die Problematik auf, „dass wir um viele unserer Fehler wissen, und sie doch täglich neu begehen, weil sie unvermeidbar sind oder uns so scheinen." 

Es ist wichtig, das alles zu reflektieren und sich Gedanken darüber zu machen, wie Journalisten besser mit diesen Widersprüchen umgehen können. Dieser Text ist ein erster Schritt.

„Wir sind Teil des Rauschens, das wir bekämpfen"
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Kommentare 11
  1. Bernd Oswald
    Bernd Oswald · vor mehr als einem Jahr

    gute Überhöhung und Selbstreflexion. Was mich allerdings gar nicht überzeugt, ist Argument 1: Wir können nicht nicht berichten. Begründung: Die anderen tun es ja auch. Irgendeiner muss anfangen, sich zurückzunehmen. Was daran bigott sein sollte, erschließt sich mir überhaupt nicht.

    1. Alexander von Streit
      Alexander von Streit · vor mehr als einem Jahr

      Ja, dieses Zurücknehmen könnte man gerade von Zeit Online natürlich erwarten – sie definieren sich ja eher als Slow Media. Trotzdem spielen sie das Spiel der Live-Berichterstattung mit. Denn die Nutzer einer Nachrichtenseite wollen in so einer Situation schnelle Informationen. Das wirkliche Problem steckt aber im System: Nachrichtenseiten leben von Reichweite (=Klicks), es ist am Ende ein Geschäft mit der Aufmerksamkeit.

    2. Bernd Oswald
      Bernd Oswald · vor mehr als einem Jahr

      @Alexander von Streit so sehe ich es auch. Wenn was bigott ist, dann die Haltung "Wir-wollen-ja-eigentlich-gar-nicht-so-viel-berichten-brauchen-aber-die-klicks"

  2. Marcus von Jordan
    Marcus von Jordan · vor mehr als einem Jahr

    ich war ein wenig enttäuscht von dem Text. Etwas prätentiös und vor allem sehr unkonkret. Interessante Ankündigung immerhin, dass ZON positive Meldungen "pushen" will. Aber sonst: ich sehe das Problem gar nicht bei den Online Auftritten der BigFive. Manchmal strategisch noch etwas ungelenk, manchmal rutscht ihnen was durch, aber insgesamt war das doch ziemlich gut. Sogar Bild.de war stark am Freitag. Problematisch ist, wie Journalisten damit umgehen, wie Nicht-Journalisten mit ihren social-accounts umgehen. Das fehlt mir. Und das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat glaube ich eine dringende Selbstfindung vor sich im Umgang mit solchen "Lagen".

    1. Alexander von Streit
      Alexander von Streit · vor mehr als einem Jahr

      Ja, der Text bietet so noch wenig Lösungsvorschläge. Aber zum aktuellen Zeitpunkt einen Start in eine wichtige Diskussion – und es ist gut, dass ein Chefredakteur diese auf seiner Seite anstößt und nicht in einem Branchenportal. Und ja, das Dilemma der TV-Sender ist noch größer, da hier das Bildproblem noch stärker aufschlägt. Aber wie gesagt: Es ist ein Anfang. Aber was meinst du konkret mit: "Problematisch ist, wie Journalisten damit umgehen, wie Nicht-Journalisten mit ihren social-accounts umgehen."?

    2. Marcus von Jordan
      Marcus von Jordan · vor mehr als einem Jahr

      @Alexander von Streit ...nun die omniurbane Vollpanik wurde am Freitag ausgelöst durch die Verbreitung von Gerüchten über private social accounts (oder?). Und diese Gerüchte fanden teilweise eben Einzug in die journalistische Berichterstattung. Das hab ich nur gemeint - social rumour ist keine Quelle und ist aber natürlich manchmal schwer zu ignorieren.

    3. Gurdi (Krauti)
      Gurdi (Krauti) · vor mehr als einem Jahr

      @Marcus von Jordan Einer der Haupt-Falschmeldungen an dem Abend kam von einem Chefredakteur der Schüsse in der Nähe seiner Redaktion gemeldet hat. Insofern ergreift wohl die Hysterie bei Leibe nicht nur Otto Normal und Social Media.

    4. Alexander von Streit
      Alexander von Streit · vor mehr als einem Jahr

      @Marcus von Jordan Ja, das sehe ich auch als zentralen Punkt.

    5. Alexander von Streit
      Alexander von Streit · vor mehr als einem Jahr

      @Alexander von Streit Die wichtigsten Online-Texte in der aktuellen Berichterstattung zu diesen Ereignissen sind übrigens für mich die "Waswirwissenundwasnicht"-Formate, die alle inzwischen fahren, also Verifikation. Davon schreibt Jochen Wegner ja auch in seinem Text. Alles andere könnten sich die Nachrichtenmedien in so einem Moment eigentlich sparen.

    6. Bernd Oswald
      Bernd Oswald · vor mehr als einem Jahr

      @Alexander von Streit mit den "Waswirwissenundwasnicht"-Formaten ist es auch so eine Sache. Ist transparent, ja, wirklich weiter bringt es den Leser auch nicht. Wolfgang Michal hat sich lesenswert damit auseinandergesetzt: www.wolfgangmichal.de/2016/07/d...

    7. Alexander von Streit
      Alexander von Streit · vor mehr als einem Jahr

      @Bernd Oswald Michael hat das schon gut aufgeschrieben und seine Punkte sind richtig. Aber es gibt da noch eine andere Perspektive:
      1) Er sagt ganz richtig, dass diese Formate auch Gerüchte transportieren. Aber man kann das auch als Funktion sehen: Mir verschaffen sie während eines solchen Ereignissen Orientierung - gerade wenn ich die vielen Gerüchte über Social Media gelesen. Denn dann sagt mir eine Marke, der ich im Zweifel vertraue: Das ist gesichert, das hier nicht, und das hier ist falsch. Das hilft mir.
      2) Michal sagt, dass die Transparenz des Rechercheprozesses/Wissenstandes kontraproduktiv zur journalistischen Glaubwürdigkeit ist. Ich behaupte das Gegenteil.