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Medien und Gesellschaft

Sprachforscher kritisieren Genderpraxis in der ARD, dem ZDF und DLF

Dirk Liesemer
Autor und Reporter
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Dirk LiesemerDienstag, 02.08.2022

Der Konflikt ums Gendern geht in die nächste Runde, was auch nicht verwunderlich ist, weil man mit Argumenten nicht weiterkommt. Mich hat schon immer gewundert, wie sich nicht wenige Kollegen in dieser Frage positioniert haben. Geht es ihnen ansonsten um Wissenschaftlichkeit, lassen sie sich hier von Gefühl und Moral leiten. Der Medienjournalist Stefan Winterbauer hat dazu dieser Tage auf ein traurig-lustiges Video aus dem BR hingewiesen, das die ganze Debatte perfekt auf den Punkt bringt.

Dass Gendern mit Wissenschaft wenig zu tun hat, schreibt nun eine recht große Riege von Sprachforschern, darunter zahlreiche Frauen. Zugleich fordern sie eine Neubewertung des Genderns im öffentlichen-rechtlichen Rundfunk auf wissenschaftlicher Basis.

Mehr Geschlechtergerechtigkeit im Sprachgebrauch sei legitim und begrüßenswert, schreiben sie auf Lingustik vs. Gendern, nicht jedoch ideologische oder moralische Argumente. Als "unausgewogen" und "vielfach tendentiös" beurteilen sie die Debatten ums Gendern in den öffentlich-rechtlichen Medien (ein Vorwurf, der durch Winterbauers Videotipp bestens illustriert wird).

Die Sprachforscher lehnen nicht zuletzt die von Genderbefürwortern gern zitierten psycholinguistischen Studien ab. Diese lieferten keinen belastbaren Beleg dafür, dass generische Maskulina mental vorrangig "Bilder von Männern" erzeugen.

Vielmehr zeigt sich, dass die Kontextbindung, die zur Unterscheidung eines generischen von einem spezifischen Maskulinum entscheidend ist, in solchen Studien in wissenschaftlich unzulässiger Weise ausgeblendet wird. Es kann mithin aufgrund fehlerhafter Studiendesigns nicht als empirisch gesichert gelten, dass generische Maskulina (Genus) vorrangig im Sinne von “männlich” (Sexus) gelesen werden (Zifonun 2018, Payr 2022, Kurfer 2022). Die pauschalisierende Bewertung des generischen Maskulinums als grundsätzlich diskriminierende Sprachform ist auf wissenschaftlicher Basis nicht begründbar.

Gepiqd habe unten einen kürzlich veröffentlichten, freizugänglichen Text der Sprachforscher Ewa Trutkowski und Helmut Weiß. Darin geht es um die historische Entwicklung des generischen Maskulinums. Der Text ist so verständlich wie unterhaltsam. Weiß ist Professor für historische Linguistik in Frankfurt und Mitunterzeichner des Aufrufs.

Noch eine kleine Spitze: Während die öffentlich-rechtlichen Medien bei den Gebühren kein Pardon kennen, gehen sie mit dem amtlichen Regelwerk für Rechtschreibung sehr lässig um. Sprich: ist ihnen schnuppe. Mit anderen Worten: Auf Regeln wird nur dann geachtet, wenn es in den Kram passt. Wenn dass mal nicht auf Dauer am Zuspruch des ÖRR kratzt.

Sprachforscher kritisieren Genderpraxis in der ARD, dem ZDF und DLF

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Kommentare 56
  1. Gabriele Feile
    Gabriele Feile · vor 3 Monaten

    Im ÖRR (SWR) gab es gestern eine gut aufgemachte Sendung zu Thema. Ich habe sie hier gepiqt https://www.piqd.de/me... .Das lohnt sich anzuschauen, egal, ob man für oder gegen das Gendern ist. Denn hier gibt es echt was zu lernen.

  2. Gabriele Holzner
    Gabriele Holzner · vor 6 Monaten

    Dazu gibt es ein spannendes und sehr differenziertes Interview , quasi als Antwort auf die öffentliche Kritik der Wissenschaftler an der Genderpraxis: https://zeitung.faz.ne...

    1. Dirk Liesemer
      Dirk Liesemer · vor 6 Monaten · bearbeitet vor 6 Monaten

      Simon Hurtz hatte das auch hier schon vorgestellt, wobei das Interview ein wenig an der Kritik vorbeigeht https://www.piqd.de/su...

  3. Meike Leopold
    Meike Leopold · vor 6 Monaten

    Es gibt viele Gründe, den ÖRR zu kritisieren bzw. viele Dinge, die dieser ändern sollte. Aber das ausgerechnet das Gendern nun der Untergang sein soll?

    1. Dirk Liesemer
      Dirk Liesemer · vor 6 Monaten

      Hallo Meike, klar, gibt es viele Gründe, den ÖRR zu kritisieren, aber wenn es Forscher gibt, die sich über eine tendentiöse Berichterstattung auf ihrem Gebiet beschweren, sollte man das zumindest nicht ganz übergehen. - Dirk

    2. Cornelia Gliem
      Cornelia Gliem · vor 3 Monaten

      @Dirk Liesemer Das scheint mir ein Missverständnis zu sein:

      gendern im ÖRR gehört mitnichten zum Gebiet Linguistik - es gehört zur Sozialwissenschaft.
      Insofern argumentieren diese Wissenschaftler am Anwendungsthema vorbei...

  4. Cornelia Gliem
    Cornelia Gliem · vor 6 Monaten · bearbeitet vor 6 Monaten

    schon seltsam dass den "Vertretern" des Gendern (=was ja eigentlich Genderneutrales bzw. Gendergerechtes Sprechen meint, schließlich gendern das generische Maskulinum ja besonders!) sich so oft über die Aufregung mokieren, über das "Haben wir keine anderen Probleme" etc.
    und dabei selbst ihrerseits große Aufregung produzieren.
    wenn die ganze Diskussion doch so egal wären wenn Sprache so unwichtig wären und Sternchen und Genetisches Femiminum keinen Einfluss hätten, wieso dann die Aufregung? Also die der Gender-"Gegner"?
    Da bleibt dann oft nur das Argument "Verhunzen der Sprache" und "unLesbarkeit" übrig.
    Dies sollte dann aber 1. Jedem selbst überlassen werden und 2. etwa auch auf andere Bereiche angewendet werden wie zb Amtsdeutsch.

    Ach ja: 3. wird ja wie hier im o.g. Text auch behauptet, daß Gendern würde vorgeschrieben bzw. generisches Maskulinum verboten.
    Das ist einfach nicht wahr.
    selbst die internen Regeln des ÖRR sind ja keine Gesetze.

    aber okay:
    wäre das generische neutral, dann benutzen wir doch zusätzlich zur weiblichen Variante eine spezielle männliche.

    zb Bäcker generisch und Bäckerin und BÄCKERER.
    und gern einen neutralen Artikel dazu: dey, die, der...

    Aber dazu brauchen wir vielleicht dreihundert weitere Jahre anderen Sprachgebrauch.

    1. Gabriele Feile
      Gabriele Feile · vor 6 Monaten

      Dazu passt dieser Auszug aus einem Kommentar auf meinem YouTube-Kanal: "Dafür gibt es bereits einen als MO4= (movier gleich) bezeichneten Vorschlag, einfach mal nach "gleichgestellte Movierung" googlen. Wenn männliche Lehrer als "Lehrerannen" bezeichnet werden, genau wie weibliche als "Lehrerinnen", gibt es keinen Grund mehr, sich unter "Lehrer" vorwiegend Männer vorzustellen."
      Für mich war das neu. Ich kann nicht einschätzen, ob sich das durchsetzt.
      Das Video, unter dem der ausführliche Kommentar (und andere) erschien ist übrigens dieses hier: Gendern - was soll das? https://youtu.be/AqTdC...

  5. Daniela Becker
    Daniela Becker · vor 6 Monaten

    "Wir schütteln alle nur den Kopf darüber"
    https://zeitung.faz.ne...

    1. Dirk Liesemer
      Dirk Liesemer · vor 6 Monaten

      Danke für den Link, schaue ich mir gerne an!

    2. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 6 Monaten · bearbeitet vor 6 Monaten

      Der Aufruf bezieht sich aber auf die Diskussion in den Medien und besonders in den ÖR, weniger in der Linguistik. Insofern vertreten die Unterzeichner in der Beziehung genau die Meinung von Frau Nübling:

      "Um mit dem ersten Vorwurf zu beginnen, dem, dass Genus und Sexus vermengt würden: Das ist nicht der Fall. Interessanterweise werden nie Arbeiten genannt, die das angeblich tun. Die Genderlinguistik unterscheidet diese Kategorien genauestens und bezieht dabei Gender, das soziale Geschlecht, als wichtige dritte Kategorie mit ein."

      Die Vermengung findet also im Feuilleton statt, eher nicht in der Wissenschaft.

      Was an der Wissenschaft kritisiert wird, sind die psycholinguistischen Studien (deren Design), die - so der Vorwurf - Kontexte ausblenden. Aber zu diesem Vorwurf nimmt die Vertreterin solcher Studien genau keine Stellung. Sie meint in ihrer verständlichen Verteidigung ihrer Arbeit, die Ergebnisse der Psycholinguistik würden pauschal vom Tisch gewischt. Das diese Community meint "wir schütteln nur den Kopf" ist nachvollziehbar - aber kein Beweis. Sicher muß man da genauer hinsehen. Aber in den letzten Jahren hat es ja intensive Diskussion über sozio-psychologische Experimente/Studien gegeben. Und die waren alle recht pessimistisch, was die Reproduktion und Verlässlichkeit der Ergebnisse betrifft. Trafen wohl aber oft die Erwartungen der Forschenden?

    3. Dirk Liesemer
      Dirk Liesemer · vor 6 Monaten · bearbeitet vor 6 Monaten

      @Thomas Wahl Ich finde das Interview interessant, es ist gut, wenn sich die Linguisten zu Wort melden, sie haben sich lange Zeit zurückgehalten, und man muss der FAZ wirklich dankbar sein, dass sie Diskussionen viel breiter abgebildet als viele andere Medien, eben nicht zuletzt der öffentlich-rechtliche Rundfunk. @Thomas: Es stimmt, den Unterzeichnern des Aufrufes (darunter sind sehr wohl Professoren für Linguistik, Helmut Weiß etwa, Manfred Krifka oder Katerina Stathi) geht es weniger um die Debatten in der Lingusitik als in den Medien, weshalb Beispiele verlinkt wurden. Ansonsten nehme ich einiges aus dem Interview mit, das Daniela verlinkt hat. Allerdings werden die Erkenntnisse der Psycholinguistik kritischer diskutiert als es darin anklingt, siehe etwa diesen FAZ-Text des Sozialpsychologen Stefan Beher https://www.faz.net/ak...

    4. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 6 Monaten

      @Dirk Liesemer Ja, das sehe ich auch so.

    5. Gabriele Feile
      Gabriele Feile · vor 6 Monaten

      Gibt's jetzt auch als piq von @Simon Hurtz: https://www.piqd.de/su...

  6. Charly Kowalczyk
    Charly Kowalczyk · vor 6 Monaten

    Warum Sprache sich nicht ändern soll, ist mir ein Rätsel. Es geht gar nicht um irgendein perfektes Gendern. Doch Sprache ist immer auch Macht. Dass das generische Maskulinum schon ziemlich alt ist, ja klar, ist es deswegen richtig, dass es sich durchgesetzt hat? Überzeugt mich nicht.
    Dieser Artikel aus der "Welt" finde ich ehrlich gesagt langweilig. Und die Spitze dazu auch. Die Vermischung von Gendern und Gebühren bei den Öffentlich-Rechtlichen finde ich richtig nervig, populistisch und polemisch.

    1. Dirk Liesemer
      Dirk Liesemer · vor 6 Monaten · bearbeitet vor 6 Monaten

      Okay, vielleicht habe ich es mit der Spitze übertrieben. Dass Sprache sich nicht ändern soll, sagt aber niemand, es wird ja mehr darüber gestritten, welche Änderungen okay sind und welche nicht. Nervig ist halt, dass die Kritiker des generischen Maskulinums mit Argumenten hantieren, die bei genauerem Hinsehen nicht überzeugen, sondern ideologisch sind. Ich will hier auch nicht besserwisserisch sein, vielmehr geht es mir um die Debatte, deswegen noch eine Erwiderung: Das generische Maskulinum hat sich nicht "durchgesetzt" (etwa gegen ein generisches Femininum), sondern es war schon sehr früh da und wurde eben als generisch verstanden. Übrigens im Plural ist das Maskulinum ohnehin neutralisiert, nicht zuletzt durch den weiblichen Artikel "die".

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