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Medien und Gesellschaft

Mangelnde Diversität macht Journalismus unglaubwürdig

Simon Hurtz
Journalist, Dozent, SZ, Social Media Watchblog

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Simon HurtzMontag, 19.12.2022

Ich bin ein weißer Mann, meine Eltern haben beide einen akademischen Abschluss und keinen Migrationshintergrund. Sie haben ein Haus im Münchner Umland gebaut, meine Freundïnnen in der Schulzeit spielten Tennis und Golf. Mehr deutsches Bürgertum ist kaum möglich – und damit bin ich ziemlich repräsentativ für einen Gutteil der Menschen, die den Weg in den Journalismus wählen.

Zumindest in einer Hinsicht stehe ich für eine Minderheit: Ich habe mein Studium abgebrochen und nie beendet. Bei einer Befragung der Ludwig-Maximilians-Universität München sagten mehr als 60 Prozent der Journalistïnnen, dass sie einen Master- oder Magisterabschluss besitzen. Weniger als fünf Prozent haben kein Abitur.

Journalismus in Deutschland ist also nach wie vor stark akademisch geprägt, vielen Medien mangelt es an sozialer, kultureller und ethnischer Diversität. Das ist ein Problem:

Das macht den Journalismus unglaubwürdig. Denn wie soll eine Redaktion vielfältige Perspektiven abbilden, wenn sie so einseitig besetzt ist?

Diese Frage stellt Mina Marschall, die als Erste in ihrer Familie eine Universität besuchte und ihr Studium selbst finanzierte. Heute arbeitet die 28-Jährige als freie Journalistin unter anderem für den SWR und die FAZ. Sie hat also geschafft, woran viele andere Menschen scheitern – oder es gar nicht erst versuchen.

Das liege auch an den Strukturen im Journalismus, sagt Marschall:

[Sie] fordert, dass der Zugang zum Journalismus offener gestaltet werden sollte. Bislang gelingt der Einstieg vor allem über Studium und Volontariat oder über teure Journalistenschulen. „Menschen ohne finanzielle Unterstützung oder ohne Netzwerk müssen Glück haben, um es als Journalisten zu schaffen“, meint Marschall. Das Narrativ „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ ist hier realitätsfremd: „Es gibt natürlich Beispiele von Einzelnen, die es schaffen. Was wir aber nicht sehen, sind die vielen, die es nicht schaffen oder gar nicht erst versuchen.“

Ich teile diese Einschätzung. In meiner Klasse an der Deutschen Journalistenschule in München kamen fast alle Mitschülerïnnen aus Akademikerfamilien. Das spiegelt sich in Redaktionen wider, wo Arbeiterkinder selten sind. Der Weg in den Journalismus dauert oft lang, man muss frei nebenher jobben – und das muss man sich leisten können. Das schreckt viele Menschen ab, die nicht auf die finanzielle Unterstützung ihrer Eltern zählen können.

Und selbst wenn man sich trotzdem traut und einen Job findet, lasse sich die soziale Herkunft nicht so einfach abschütteln, sagt Marschall:

„Ich glaube, da wird oft vergessen, dass es Generationen dauert, bis die Dimension der sozialen Herkunft nicht mehr spürbar ist“, sagt sie. „Einfach, weil man keine Rücklagen hat, Schulden abbezahlt und sich oft weniger traut.“ Denn obwohl sie inzwischen im Beruf ihrer Wahl angekommen ist, spürt sie immer noch diesen Mangel an Sicherheit, der gar nicht nur mit dem Geld zusammenhängt. Denn bei der sozialen Herkunft geht es um viel mehr als ums Monetäre. Es geht um das Wissen, darum, wie man sich in bestimmten sozialen Kontexten bewegt und um den Zugang zu Netzwerken. Es ist diese schwer zu fassende Dimension von sozialer Herkunft, mit der Marschall sich besonders auseinandersetzt und wegen der sie für diversere Ausbildungswege plädiert.

Marschall wünscht sich deshalb, dass Redaktionen sich für Menschen ohne Studium oder Volontariat öffnen. Beim SWR kann man sich etwa mit einem Realschulabschluss und beruflicher Erfahrung oder mit Abitur ohne Hochschulabschluss für Volontariate bewerben. Das ist die Ausnahme – aber immerhin ein Anfang.

Mangelnde Diversität macht Journalismus unglaubwürdig

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Kommentare 13
  1. Bernd Bauche
    Bernd Bauche · vor einem Monat

    Die Ansichten / Erfahrungen von Frau Marshall würde ich unterschreiben und unterstützen (als studierter Alter Weisser Mann aus einer Akademikerfamilie, der allerdings niemals Journalist war oder auch nur den Wunsch verspürt hat, auf diesem Feld tätig zu werden). Die Perspektive von Herrn Hurtz scheint mir allerdings etwas eingeschränkt - wenn künftig mehr "bunte" Lebenswege in den Journalismus führen, wird sich die Diversität nicht auf migrantische, queere und sonstige angesagte Minderheiten beschränken, sondern es werden auch mehr "schmuddelige" Gestalten auftauchen, die bürgerlichen Standpunkten, nationalen Interessen oder sogar völkische Perspektiven das Wort reden. Im Hinblick auf Glaubwürdigkeit in deutschen Mehrheitsmillieus muss das kein Nachteil sein.........

    1. Omar Adam Ayaita
      Omar Adam Ayaita · vor einem Monat

      "migrantische, queere und sonstige angesagte Minderheiten": mit Verlaub, geht's noch? Menschen mit Migrationshintergrund und nicht-heterosexuelle Menschen sind einfach Teil der Gesellschaft. Sie *müssen* in einer diskriminierungsfreien Gesellschaft gleiche Zugangschancen haben. Das impliziert nicht, dass Menschen mit verfassungswidrigen Auffassungen oder Verhaltensweisen eingestellt werden müssten. Denn nicht jede Ungleichbehandlung sollte gleich bewertet werden. Vgl. auch Art. 3 GG und das AGG.

    2. Bernd Bauche
      Bernd Bauche · vor einem Monat

      @Omar Adam Ayaita Danke für die Nachfrage; mir geht es noch ganz gut; ich genieße meine Privilegien - aber im Ernst: natürlich gehören Migranten und Queere dazu, aber was ist mit Menschen die Rechts von der der Mitte (und vielleicht auch von der CSU), zu Hause sind - sollen die aus der Gesellschaft oder von Sichtbarkeit in den Medien ausgeschlossen werden? Da gibt es einen weiten Bereich, in dem ich 10% bis 20% der Bevölkerung verorten würde, der aber definitiv noch kein Fall für den Verfassungsschutz ist (warum soll der Wunsch eines Konservativen nach einer homogenen Gesellschaft weniger legitim sein, als der Wunsch eines Migranten, sich nicht assimilieren zu müssen?). Wenn man findet, dass das aller Perverse sind, die man von der Teilhabe ausschliessen sollte, muss man das offen sagen - ich halte dafür, dass man in einer Demokratie üner alles reden können muss.

    3. Omar Adam Ayaita
      Omar Adam Ayaita · vor einem Monat

      @Bernd Bauche Natürlich kann man weitere Gruppen einbeziehen. Das wird auch getan; es gibt genügend konservative Medien. Das alles ändert aber nichts daran, dass Personen mit Migrationshintergrund gleiche Zugangschancen haben *müssen*, wenn keine unrechtmäßige Diskriminierung herrschen soll. Denn Ungleichbehandlung auf Grund der Abstammung ist eben rassistische Diskriminierung. Ebenso ist Ungleichbehandlung auf Grund der sexuellen Orientierung eine unrechtmäßige Diskriminierung. Übrigens ist die Forderung nach einer "homogenen Gesellschaft", in der es z.B. keine Nicht-Weißen und keine Homosexuellen gibt, natürlich *nicht* legitim. Denn eine solche Gesellschaft wäre nur möglich, wenn Nicht-Weiße und Homosexuelle getötet oder deportiert werden würden, was eine massive Diskriminierung darstellen würde. Da sehen Sie schon, was Sie - mit Verlaub - für einen Unsinn geschrieben haben. Besonders in Deutschland sollte man auf solche Ideen eigentlich nicht mehr kommen.

    4. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor einem Monat

      @Omar Adam Ayaita Eigentlich ist jede Diskriminierung - ob wegen politischen Meinungen, der kulturellen, familiären oder religiösen Abstammung, wegen der Vermögensverhältnisse, wegen des Bildungsniveaus, des Alters, oder ob man groß /klein, schön/häßlich ist. Es kann also nicht nur um die im Vordergrund stehende "rassistische" Diskriminierung gehen. Eine wirklich homogene Gesellschaft ist in der Tat unmöglich. Da müßten Sie wirklich sehr viele Menschen verschwinden lassen. Das will aber hier und mehrheitlich im Lande keiner. Obwohl es wie in jedem Land auch bei uns radikale Idioten gibt, die vom idealen Menschen nach ihren Vorstellungen träumen ….

      Je mehr sich eine Gesellschaft relativ ausgeglichenen Verhältnissen nähert, um so mehr scheinen sich kleiner werdende Unterschiede irgendwie ins Gewaltige zu vergrößern. Und Kommunikation wird immer schwieriger.

    5. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor einem Monat

      @Omar Adam Ayaita Niemand ist einfach Teil der Gesellschaft. Reale Gesellschaften sind auch nie wirklich diskriminierungsfrei und Zugangschancen nie wirklich gleich. Was immer "gleiche Zugangschancen" auch bedeuten soll. Was man erreichen kann, ist die Unterschiede zu verkleinern. Was von allen Seiten großer Anstrengungen bedarf.

    6. Omar Adam Ayaita
      Omar Adam Ayaita · vor einem Monat

      @Thomas Wahl Mit "Teil der Gesellschaft" meine ich natürlich, dass queere Menschen und Menschen mit Migrationshintergrund hier leben und (jedenfalls im Falle der deutschen Staatsangehörigkeit) volle Rechte haben. Dort, wo diese vollen Rechte noch nicht in Wirklichkeit umgesetzt werden, besteht Veränderungsbedarf.

    7. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor einem Monat

      @Omar Adam Ayaita Was sind denn volle Rechte? Ich dachte, sie haben gleiche Rechte und Pflichten wie alle? Veränderungsbedarf besteht natürlich immer und für alle. Was oder wer ist schon vollkommen?

  2. Marcus von Jordan
    Marcus von Jordan · vor 2 Monaten

    Finde das meiste richtig und wünschenswert. Es kommt mir allerdings vor, dass ich diesen Beitrag seit Jahren immer wieder lese. Muss wohl auch so sein, damit was weitergeht.

    Ich kenne eine ganze Reihe Menschen, die ohne "Rückenwind" im Journalismus erfolgreich geworden sind. Und noch viel mehr, die in anderen Branchen hart kämpfen mussten, weil sie keine Privilegien hatten. Scheint mir alles nicht so "journalismusspezifisch" zu sein oder?

    Wie sieht es denn vom Ergebnis aus betrachtet aus? Also ist das, was in Deutschland durch Journalist`innen produziert wird, divers genug? Das wäre erstmal für mich die interessantere Frage.
    Diversität kann ja nicht nur in der personellen Zusammensetzung bestehen, sondern auch im einzelnen Kopf, der agil und neugierig ist, aber eben auch intellektuell in der Lage, die eigenen Privilegien immer wieder zu hinterfragen. Und ist das nicht vielleicht auch am wahrscheinlichsten der Nährboden für Veränderung? Die rein personelle Diversität hat auch ohnehin ihre Grenzen - gerade in kleineren Redaktionen kannst du schlicht nicht alle Herkünfte, alle Ausbildungen und alle Gesinnungen abbilden. Du willst aber vielleicht auch manchmal nicht, weil du eine einigermaßen homogene Gruppe brauchst, um erfolgreich zu arbeiten.

    ...ich denke nur laut nach.

    1. Omar Adam Ayaita
      Omar Adam Ayaita · vor einem Monat

      Zu einem gewissen Grad beeinflusst mangelnde Diversität unter Journalist:innen zwangsläufig die journalistischen Veröffentlichungen, weil bestimmte Perspektiven fehlen. Ich nenne hier ein Beispiel. In den Jahren 2015-17 ist in Medien viel über Migration und Nordafrikaner geschrieben und gesagt worden. Die Hälfte meiner Familie stammt aus Nordafrika. Weite Teile der journalistischen Veröffentlichungen enthielten falsche Verallgemeinerungen und/oder standen in eklatantem Widerspruch zu der von mir erlebten Wirklichkeit. Ich erfahre an verschiedensten Stellen von anderen Personen mit Migrationshintergrund, dass sie das ähnlich erlebt haben. Manche von ihnen haben sich auf dieser Grundlage von deutschen Medien distanziert. All das wäre anders gelaufen, wenn Menschen mit einem Hintergrund, wie ich ihn habe, besser im Journalismus vertreten wären. (Und auch bei mir war es so, dass die finanzielle Unsicherheit mich von diesem Beruf abgeschreckt hat, weil ich eben keine Unterstützung von Hause erwarten konnte.)

    2. Marcus von Jordan
      Marcus von Jordan · vor einem Monat

      @Omar Adam Ayaita Das wäre eine Lösung gewesen. Eine wünschenswerte Lösung.
      Auch eine Lösung wäre bessere, empathischere, journalistische Arbeit gewesen, die mehr nachgefragt und hinterfragt hätte. Oder?

    3. Omar Adam Ayaita
      Omar Adam Ayaita · vor einem Monat

      @Marcus von Jordan Theoretisch ja. Ich denke aber nicht, dass das immer realistisch möglich ist. Das waren keine per se schlechten, empathielosen oder faulen Menschen, die z.B. pauschalisierende (und in vielen Fällen falsche) Äußerungen über Nordafrikaner getroffen haben. Ich denke, sie wussten es nicht besser. Ich bin kein Journalist, aber ich denke, dass Recherche nicht immer vollständig Lebenserfahrung (und Lebensrealität) ersetzen kann. Deshalb denke ich, dass wir auch durch eine demographische Vielfalt mehr Perspektiven haben sollten.

    4. Marcus von Jordan
      Marcus von Jordan · vor einem Monat

      @Omar Adam Ayaita Ist ja fein und finde ich ja auch. Mir sind nur diese Appelle immer zu theoretisch und nochmal - die Diversität über die personelle Besetzung hat ihre Grenzen und zwar bald befürchte ich. Denn man kann eben nicht alles und alle besetzen in einer Redaktion. Und ich stimme komplett zu, wenn du sagst "sie wussten es nicht besser". Daran muss man eben mindestens auch arbeiten. Ich halte das für den wichtigeren Hebel für ein besseres Endprodukt.

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