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Medien und Gesellschaft

Hristio Boytchev
Journalist

Freier Journalist mit Fokus Wissenschaft, Medizin, Investigativ- und Datenjournalismus. Diplombiologe. Carl-Sagan-Preis der GWUP 2017, 3. Preis Wissenschaftsjournalist des Jahres 2016 „Medium Magazin“, Arthur F. Burns Fellow 2012 bei der „Washington Post“. Hinweise immer willkommen.

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piqer: Hristio Boytchev
Sonntag, 28.07.2019

Leben, Tod und Fälschungen von Sophie Hingst: Wie über psychisch Kranke berichten?

In meiner Arbeit als Medizinjournalist ist der Schutz von Protagonisten, die an psychischen Krankheiten leiden, zentral. Das Thema ist auch für andere journalistische Bereiche wichtig.

Einen vorbildlichen Umgang zeigt dieser Text der „Irish Times“ über die Historikerin und Bloggerin Sophie Hingst. Sie hatte auf ihrem Blog erfundene Behauptungen über ihre Vorfahren angestellt, dass sie nämlich Juden und Holocaust-Überlebende waren. Der Blog ist offenbar erfolgreich gewesen, sie erhielt 2017 den Preis „Goldener Blogger“.

Im Mai überführte ein ausführlicher „Spiegel“-Artikel von Martin Doerry die Bloggerin der Fälschung. Fazit des Artikels: Die Vorfahren gab es nicht, Hingst hat sie sich ausgedacht. Die Historikerin habe die erfundenen Geschichten gar bei der israelischen Holocaust-Gedenkstätte gemeldet.

Im Artikel heißt es am Anfang: „Wer ist diese Frau, und warum hat sie das getan?“ Das „Warum“ jedenfalls beantwortet er nicht.

Dem nähert sich erst der empfohlene Artikel von Derek Scally. Aus seinem Umgang mit der Historikerin nach der Veröffentlichung des „Spiegel“-Artikels schließt Scally, dass sie ein psychisches Leiden hat. Ihre Tochter habe viele Realitäten, sagt ihre Mutter. Sich den Opfern und nicht den Tätern des Holocaust zuordnen zu wollen schließe auf eine traumatische Erfahrung, sagt ein Freund des Autors, der als Therapeut arbeitet.

Scally entscheidet sich, den Artikel nicht zu veröffentlichen.

Das ändert sich erst gestern. Sophie Hingst ist gestorben. Suizid steht im Raum.

Die bestürzende Geschichte hinterlässt viele Fragen. Inwiefern lagen dem „Spiegel“ Erkenntnisse vor, dass ein psychisches Leiden der Grund für die Fantasie- oder Wahngeschichten von Hingst war? Wie kann man in so einem Fall über Täuschungen aufklären und gleichzeitig deren vulnerable Urheberin schonen?

Als Inspiration für einen empathischen Umgang mit einer problematischen Person kann dabei der Text von Scally durchaus dienen.

Nachtrag 03.08.: Doerry sich geäußert, dazu ein Kommentar.

Leben, Tod und Fälschungen von Sophie Hingst: Wie über psychisch Kranke berichten?
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Kommentare 3
  1. Christian Gesellmann
    Christian Gesellmann · Erstellt vor 23 Tagen ·

    Das ist die wie immer selbstkritische und radikal ehrliche Meldung des Spiegel über den Tod von Hingst: https://www.spiegel.de...

    Arroganz, die über Leichen geht. Hoffentlich kriegt Doerry nicht auch noch einen Journalisten-Preis dafür.

  2. Theresa Bäuerlein
    Theresa Bäuerlein · Erstellt vor 23 Tagen ·

    Der Artikel in der Irish Times ist wirklich gut. Ich frage mich aber, ob ohne diesen tragischen Ausgang irgendjemand die Art kritisiert hätte, wie der Spiegel mit Hingst umgegangen ist. Nun ja.

    1. Hristio Boytchev
      Hristio Boytchev · Erstellt vor 23 Tagen ·

      Nun ja, es brauchte natürlich Hinweisen, dass mit Hingst etwas nicht in Ordnung war, um angemessene Kritik formulieren zu können. Aber den Fall hier kann man grundsätzlich als Erinnerung dafür zu nehmen, dass ein Mensch vulnerabel sein kann, selbst wenn er derjenige ist, der in einer Geschichte angeprangert wird. Man spielt ja im Investigativjournalismus oft sein Programm runter, also Konfrontation usw., das vor allem darauf abzielt, die juristische Angriffsfläche so gering wie möglich zu halten, ohne sich grundsätzlich darum zu kümmern, was das mit der Gegenseite anstellt. Doerry hat das hier nicht grundsätzlich anders gemacht, als ich es oft genug gemacht habe. Trotzdem finde ich, dass wir hier alle etwas daraus lernen können bzw. müssen (mit der Einschränkung natürlich, dass die genauen Umstände noch unklar sind). Für mich persönlich trifft das alles einen Nerv, weil ich länger über so etwas wie "empathischen Investigativjournalismus" nachdenke.

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