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Medien und Gesellschaft

Frederik Fischer
Sub-, Pop- und Netzkulturkorrespondent
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piqer: Frederik Fischer
Donnerstag, 17.01.2019

Eine Ethik der Aufmerksamkeit – Journalismus als Teil der Lösung oder Teil des Problems (Teil 3)

Spätestens seit dem Wahlsieg von Trump arbeiten sich Journalisten an Facebook ab. Die Kritik ist gerechtfertigt. Facebook wurde und wird der Verantwortung für eine funktionierende digitale Öffentlichkeit nicht gerecht. Aber JournalistInnen sind bei dem Thema keine neutralen Beobachter, sie sind häufig Teil des Problems. 

Und Teil dieses Problems ist die Instrumentalisierung durch Politik und Unternehmen. Nur zwei von unzähligen Beispielen der jüngsten Zeit: Der Angriff auf den AfD-Politiker Magnitz und die Berichterstattung über Künstliche Intelligenz, die sich zum überwiegenden Teil auf die Pressemitteilungen von Unternehmen stützt. 

Die Relevanz-Bewertung von Redaktionen ist offensichtlich ähnlich kaputt wie der Newsfeed von Facebook. Statt sich zu fragen, welche Informationen tatsächlich den größten Mehrwert für NutzerInnen und (Achtung: Pathos) für die Gesellschaft haben, wird weiter bräsig nach vordigitalen Nachrichtenkriterien und mit Blick auf die Klickzahlen über Themen entschieden. 

Diese Situation ist vor allem vor dem Hintergrund so besorgniserregend, dass gerade jetzt Journalismus streng werteorientiert handeln müsste. Werbeerlöse durch den Verkauf von Reichweiten werden absehbar kein belastbares Geschäftsmodell darstellen. Journalismus wird sich zunehmend über (digitale) Abos finanzieren müssen. Aber auch eine staatliche, bzw. öffentlich-rechtliche Unterstützung wird wohl notwendig sein, sobald die Konjunktur einbricht (und damit Werbeerlöse und Abos gleichzeitig schrumpfen). Redaktionen müssen anerkennen, dass es eine Ethik der Aufmerksamkeit gibt und sie diese regelmäßig mit Füßen treten. Wer Zuckerberg vorwirft, keine Verantwortung zu übernehmen, muss selbst mit gutem Beispiel vorangehen. Ich kann das viel zu häufig nicht erkennen. Wie seht ihr das?

Eine Ethik der Aufmerksamkeit – Journalismus als Teil der Lösung oder Teil des Problems (Teil 3)
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Kommentare 5
  1. Alexander Sängerlaub
    Alexander Sängerlaub · Erstellt vor 4 Monaten ·

    Lobos Rant ist an dieser Stelle völlig berechtigt. Ich glaube nur, dass es hier so etwas wie eine ökonomische Abwärtsspirale gibt, die alles andere mitnimmt. Redaktionen lassen zunehmend Federn in hartumkämpften Medienmärkten, dass führt aber dazu, dass mit diesen Rumpfbesetzungen kaum noch guter Journalismus zu machen ist; in gleichzeitig härter werdenden Kämpfen um die Aufmerksamkeit bei gleichzeitiger noch immer vorhandener Kostenlosmentalität auf der Leserseite. Und obendrauf kommt der abnormal hohe Geschwindigkeitsdruck der digitalen Öffentlichkeiten. Mit dem Zusammenbruch der Werbemärkte* und gleichzeitiger öffentlicher Debatte um die Deutungshoheit, Social Media, Fake News und Lügenpresse – wie soll da ein Umdenken auch noch stattfinden?

    Will sagen: Ich wüsste nicht, wer sich da mal noch in Ruhe hinsetzen soll, um auch noch die "jahrhundertealten" Relevanzkriterien des Journalismus auf der Metaebene im eigenen Haus kritisch zu prüfen. Das gelingt fast nur Medien, die sich neu gründen – und neue Relevanzkriterien, Empowerment der Leser_innen oder constructive journalism als deren Grund-DNA bereits mitdenken (wie republik.ch, Perspective Daily, etc.).

    *2019 ist das erste Jahr, in denen die Umsätze im digitalen Werbemarkt größer als im analogen sind. Und wer profitiert davon? Google und Facebook. Die machen aber alles, nur keinen Journalismus.

    1. Frederik Fischer
      Frederik Fischer · Erstellt vor 4 Monaten ·

      Du hast völlig Recht. Für die etablierten Marken ist das eine fast nicht zu stemmende Aufgabe. Einerseits. Andererseits kann das natürlich auch kein Argument sein, an Fehlern festzuhalten. Ich schreibe gerade an einem Text zur "agilen Redaktion". Auszug:

      "Der Handlungsbedarf ist also eindeutig nur wo anfangen? Die Herausforderungen sind so komplex und von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich, dass allgemeine Lösungen kaum greifen werden. Jeder Redaktion muss im Rahmen ihrer Möglichkeiten Wege finden, um das Vertrauen der LeserInnen zurückzugewinnen und nachhaltigere Arbeitsbedingungen für die eigenen MitarbeiterInnen zu finden.

      Eine Hilfe könnte dabei im Konzept der „agilen Redaktion“ liegen. Agiles Arbeiten sorgt für flachere Hierarchien, größere Experimentierfreude vor allem aber schnelle Ergebnisse. In vielen Medienhäusern wird längst agil gearbeitet, bislang allerdings überwiegend auf Verlagsseite. Der Wechsel von Stefan Ottlitz von der Chefredaktion der Süddeutschen zum Produktchef ist das bislang prominenteste Beispiel für diese betriebsstrukturellen Veränderungen."

    2. Alexander Sängerlaub
      Alexander Sängerlaub · Erstellt vor 4 Monaten ·

      @Frederik Fischer Ich bin total bei dir. Aber überleg mal, was man in einem altehrwürdigen Haus alles ändern müsste: "agiles Arbeiten" ist ja vielleicht 5 % des Problems. Klar, neue Arbeitsweisen fördern auch eine neue Unternehmenskultur. Aber du hast ja so viele Baustellen: wahrscheinlich die größte ist an der Grundlogik der Nachrichtenauswahl und auch noch -aufbereitung zu rütteln (quasi hier eine "lösungsorientierte" oder wie du sagst, "ethische" Aufmerksamkeitslogik zu etablieren, ist da ja auch wieder nur ein Teil des Problems), dann darf man nicht den Verlockungen der Aufmerksamkeitsöknomie erlegen, die Erlösfrage ist ungeklärt, das Verhältnis zur Werbung ebenfalls, dann die alten Grundfesten: braucht es überhaupt noch Ressorts, wie viele Themen schafft eine tägliche Nachrichtenagenda, wie kann constructive journalism im tagesaktuellen Journalismus funktionieren, braucht es nicht völlig neue Erzählformen (die "Meldung" halte ich z.B. als journalistische Form heutzutage überflüssig), etc. etc. – du könntest einen ganzen Think Tank nur zu dieser Frage betreiben. :D

    3. Frederik Fischer
      Frederik Fischer · Erstellt vor 4 Monaten ·

      @Alexander Sängerlaub Das hängt für mich alles mit "agilem Arbeiten" zusammen. Momentan bewegt sich nichts, weil Mitarbeiter keine Zeit haben. Wenn nun jeder redaktionelle Mitarbeiter pro Woche drei Stunden hätte um im Team an grundlegenden Verbesserungen, Formaten, Audience-Engagement zu arbeiten, hätte das innerhalb eines Jahres weitreichende Konsequenzen. Einerseits ganz konkret durch die Verbesserungen, die angestoßen werden und andererseits durch die veränderte Unternehmenskultur. Die meisten Mitarbeiter hätte da große Lust zu. Beim Spiegel ist auf diese Art immerhin der Innovation Report entstanden. Das war nicht wenig Aufwand für eine Freiwillige-Truppe.
      Die Zeit dafür notwendige freizuschaufeln wiederum sollte kein Problem sein. Dann wird halt weniger Content produziert. Das mag zu Umsatzeinbußen führen, muss es aber erstens nicht und zweitens wäre das immer noch ein sehr überschaubares Risiko. Wenn das nach einem Jahr nicht fruchtet, wechselt halt man wieder zurück auf die Spur die sicher in den Tod führt, nur quälend langsam:)

    4. Alexander Sängerlaub
      Alexander Sängerlaub · Erstellt vor 4 Monaten ·

      @Frederik Fischer Versuchen sollte man es in jedem Fall! Alleine schon überhaupt Raum für Innovation zu schaffen, davon träumen sie wahrscheinlich in allen Redaktionen, falls sie Zeit zum Träumen haben. ;-)