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Medien und Gesellschaft

Simon Hurtz
SZ-Journalist, Bildblogger, Vielleser

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piqer: Simon Hurtz
Mittwoch, 14.11.2018

Die Bezeichnung "sozial schwach" wertet Menschen ab – und hält sich hartnäckig. Schluss damit!

Sprache ist mächtig und verändert Bewusstsein. Journalist*innen verdienen ihr Geld damit, aus Wörtern Texte zu formen. Man sollte meinen, dass sie besonders gut darauf achten, welche Worte sie nutzen. Leider ist das nicht immer der Fall.

Nicola Wessinghage dokumentiert in ihrem Blog, wie Medien über eine OECD-Studie berichteten, in der Wissenschaftler*innen die ungleiche Verteilung von Bildungschancen an deutschen Schulen untersuchten. Viele hätten dabei Formulierungen wie "sozial schwache Schüler", "sozial schwache Familien" oder gar "sozial schwachen Schulen" verwendet.

Mit ihrer Wortwahl verstärkten die Berichtenden jenen Zustand, den die Studie anprangert: Dass Kinder schlechtere Chancen auf eine erfolgreiche Bildung haben, wenn sie in Familien mit wenig Geld aufwachsen und ihre Eltern formal weniger gebildet sind.

Da hilft es auch nichts, wenn man den Begriff in Anführungszeichen setzt oder von 'So genannten sozial-schwachen" Familien spricht. Sozial schwach – das suggeriert, dass es diesen Menschen an sozialen Kompetenzen fehle, an der Fähigkeit, sich in die Gemeinschaft mit anderen zu integrieren, dass sie sich asozial verhielten.

Tatsächlich geht es natürlich nicht um Menschen, denen es an sozialen Fähigkeiten mangelt, sondern an Geld. Zeit Online schreibt etwa von Familien, die unter "schwierigen sozioökonomischen Bedingungen" leben.

Hört sich blöd an? Da empfehle ich ein Gespräch mit den Menschen, die in den Stadtteilen leben, die Journalist*innen und andere immer wieder als "sozial schwache Wohngebiete" abstempeln. Sie empfinden diese Zuschreibung als eine Zumutung, die den Betroffenen seit Jahren widerfährt.

Wessinghage geht es nicht darum, "Sprachpolizei zu spielen oder sich über die zu erheben, die das unpassende Etikett vielleicht unbewusst im aktiven Sprachgebrauch führen". Sie will dafür sensibilisieren, bewusst mit Sprache umzugehen. Das ist, finde ich, ein wichtiges Anliegen - nicht nur für Journalist*innen.

Die Bezeichnung "sozial schwach" wertet Menschen ab – und hält sich hartnäckig. Schluss damit!
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Kommentare 12
  1. Dirk Liesemer
    Dirk Liesemer · Erstellt vor 8 Monaten ·

    Stimme zu, dass man den Begriff "sozial schwach" gut kritisieren kann, einfach weil er nicht treffend ist und darunter in der Tat eher mangelnde soziale Kompetenzen verstanden werden könnten, aber sich in abstraktes Akademikerdeutsch ("sozioökonomische Bedingungen") zu flüchten, ist bestimmt keine Lösung. Deswegen bin ich auch unentschieden, ob ich jetzt den Daumen nach oben oder unten machen soll. Anders als Akademiker müssen Journalisten immer an das berühmte Lieschen Müller denken, selbst wenn wir uns dafür zu fein werden. Auch die anderen Vorschläge, die Wessinghage unterbreitet, überzeugen mich nicht wirklich: "benachteiligte Menschen" etwa - sicher oft nicht falsch, aber doch zu allgemein und damit zu offen für diverse Interpretationen. Es hilft alles nichts: Wir müssen Ungerechtigkeiten konkreter beschreiben.

    1. Marcus von Jordan
      Marcus von Jordan · Erstellt vor 8 Monaten ·

      ja...ich winde mich auch etwas. Ich sehe auch nicht recht, warum "schwierige soziookönomische Bedingungen" besser sein sollen, als "sozial schwach". Auch hier kann man viel mehr reininterpretieren, als einfach nur "wenig Kohle".
      Und ich finde auch deine Lösung gut: einfach genau beschreiben. Kann man ja noch einen Halbsatz riskieren, an Stellen, wo das einem wichtig erscheint.
      Ich winde mich auch ein wenig, weil ich manchmal fürchte, dass die Macht der Sprache eben doch gerne überbewertet wird. Wenn ich von einem "sozial schwachen Viertel" lese, denke ich erstmal an Menschen, die wenig haben. Ja vielleicht läuft unterbewusst noch etwas ab, dass mit schlechten sozialen Fähigkeiten zu tun hat. Ich will das leichtfertig von mir weisen, aber eigentlich doch. Jedenfalls ändert sich am Status der Menschen in diesem Viertel nichts, wenn ich das jetzt irgendwie anders formuliere. Deshalb kann man natürlich trotzdem bewusst oder besser achtsam mit Sprache umgehen, sollte aber sichergehen, dass man dann nicht denkt, man hätte wirklich was geleistet.
      Interessant: vor zwei Tagen haben wir uns unter einen Text von Theresa Bäuerlein gebattelt, ob es ok ist zu schreiben, dass ökologisch bewusstes Einkaufen Blödsinn ist, oder ob man schreiben sollte, dass es nicht reicht. Ist hier vielleicht ähnlich gelagert: korrekte Sprache ist sicher kein Blödsinn, aber reicht auch nicht alleine. mir ist es manchmal alles zu abgehoben.

    2. Dirk Liesemer
      Dirk Liesemer · Erstellt vor 8 Monaten ·

      @Marcus von Jordan Ja, es gibt vor allem in der Wissenschaft die Tendenz, dass man sich lieber mit der Aussage "sozial schwaches Viertel" auseinandersetzt als mit den Problemen des Viertels selbst.

    3. Marcus von Jordan
      Marcus von Jordan · Erstellt vor 8 Monaten ·

      @Dirk Liesemer klar...die Wissenschaft ist ja auch nicht die Politik oder das zuständige Amt. Und die Auseinandersetzung mit Aussagen ist ja auch legitim.
      Manchmal erscheint es mir halt etwas bequem und überrepräsentiert. Wobei ich jetzt bei dem Text schon das Gefühl hatte, dass die Autorin sich dieser Ebene absolut bewusst ist.

    4. Simon Hurtz
      Simon Hurtz · Erstellt vor 8 Monaten ·

      @Dirk Liesemer Ehrlich gesagt verstehe ich eure Argumentation nicht ganz. Nicola schreibt:
      "Da empfehle ich ein Gespräch mit den Menschen, die in den Stadtteilen leben, die Journalist*innen und andere immer wieder als „sozial schwache Wohngebiete“ abstempeln. Sie (und auch die Quartiersmanagerinnen, Sozialarbeiter und Familienbegleiterinnen, die dort arbeiten) empfinden diese Zuschreibung als eine Zumutung, die den Betroffenen seit Jahren widerfährt."

      Das entspricht übrigens auch dem, was das Straßenmagazin Hinz & Kunzt bereits vor fünf Jahren geschrieben hat: https://www.hinzundkun...

      Ich finde es relativ unerheblich, wie ihr den Begriff empfindet, wenn die so Bezeichneten selbst sagen, dass sie sich daran stören. Und das letzte Argument, dass präzisere Beschreibungen angeblich dazu führen, dass man sich nicht mehr mit den "Problemen des Viertels selbst" auseinandersetze, teile ich auch nicht. Warum sollte das eine das andere ausschließen? Ein Linguist ist kein Armutsforscher, und es ist doch gut, wenn sich beide Gedanken machen.

    5. Dirk Liesemer
      Dirk Liesemer · Erstellt vor 8 Monaten ·

      @Simon Hurtz Ich habe nichts dagegen, wenn man den Begriff "sozial schwach" ersetzt ... es gibt gute Gründe gegen seine Verwendung, habe ich oben ja auch geschrieben.

    6. Dirk Liesemer
      Dirk Liesemer · Erstellt vor 8 Monaten ·

      @Simon Hurtz Noch ein Nachklapp, ohne hier eine endlos Diskussion anzetteln zu wollen: Es kann nicht immer oberstes Prinzip sein, dass man nur Begriffe verwendet, die denjenigen gefallen, die damit bezeichnet werden. Vielen Pegidisten etwas gefällt durchaus nicht, dass man sie "rechts" oder "rechtsradikal" nennt - trotzdem sind sie es.

    7. Nicola Wessinghage
      Nicola Wessinghage · Erstellt vor 8 Monaten ·

      @Dirk Liesemer Sorry, aber dein Beispiel finde ich sehr unpassend, zeigt genau das, was ich kritisiert habe: die Gleichsetzung von finanziell schlecht ausgestattet und fehlender sozialer Kompetenz. Es gibt doch einen guten Grund, warum Menschen, die sich damit zu Unrecht diskriminiert fühlen, dagegen wehren.

    8. Dirk Liesemer
      Dirk Liesemer · Erstellt vor 8 Monaten ·

      @Nicola Wessinghage Ja, klar, dem widerspreche ich auch nicht, das ist aber gar nicht mein Punkt in dem von Dir kritisierten Kommentar (in dem es noch nicht einmal um Deinen Artikel geht).

    9. Nicola Wessinghage
      Nicola Wessinghage · Erstellt vor 8 Monaten ·

      Mein Beitrag sollte keine Patentlösung liefern, sondern eher dazu anregen, mehr darüber nachzudenken, worum es im Einzelfall geht. Das Beispiel aus der ZEIT habe ich vor allem deshalb zitiert, weil es wirklich der einzige Beitrag war, der versucht hat, "sozial schwach" zu vermeiden. Mir liegt es fern, neue Begriffe vorzugeben, weil ich der Meinung bin, dass es keine Pauschalbegriffe geben sollte, sondern der Kontext des Gemeinten und die Zielgruppe des Textes zu beachten sind. Bei der ZEIT habe ich mit akademischen Begriffen auf jeden Fall weniger Probleme als mit diffamierenden. Sich aber einfach darüber hinwegzusetzen, dass "sozial schwach" definitiv etwas ganz anders aussagt, als gemeint ist, und dass Menschen ausgrenzt und diskriminiert werden - das finde ich schlichtweg ignorant und auch denkfaul.

  2. Dirk Janssen
    Dirk Janssen · Erstellt vor 8 Monaten ·

    Ich denke auch, dass man die Pflicht hat, sich Gedanken zu machen, welche Sprache man benutzt und wie die eigene Sprache auf die anderen Menschen wirkt. Was spricht denn dagegen, sich soviel Mühe wie möglich mit der Sprache zu geben, um niemanden ungewollt zu diskriminieren oder zu verletzen? Ich fand dazu das Buch „Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ von Anatol Stefanowitsch für mich ganz erhellend.

  3. Fritz Iversen
    Fritz Iversen · Erstellt vor 8 Monaten ·

    Das Problem taucht ja systematisch immer wieder auf, z.B. auch bei "Farbigen". Immer geht es darum einen Begriff, der sich mit negativen Assoziationen vollgesogen hat, durch einen neuen, vermeintlich Neutraleren zu ersetzen. Die Tendenz geht dabei zum Bürokratischen ("sozial schwach" ist ja der Versuch, das einfache Wort "arm" in eine soziologisch wattierte Schatulle zu legen). Einen guten Begriff gibt es aber solange nicht, wie Menschen unter dem bezeichneten Umstand in verschiedener und eben auch diskriminatorischer Weise zu leiden haben.
    Ich überlege, ob die Sprache da auch historisch falsch geprägt ist. Sie hat keine anti-diskriminierenden Begriffe hervorgebracht, weil die keiner verwandt hätte. Die heutigen Mit-Empfindlichkeiten sind ja relativ neu. Und früher wurden die Worte immer oben im Bürgertum geprägt. Der Bürger sagte "da wohnt Plebs", "Armenviertel", "Elendsviertel", "Mietskasernen", neuerdings auch "sozialer Brennpunkt". Im besten Fall und bis heute nicht die schlechteste Lösung: "Arbeiterviertel".
    Seit viele "sozial Starke" verständnisvoller reden möchten, fällt auf, dass die Perspektive von unten sprachlich nicht entstanden ist. "Da wohnen wir halt" - was soll man sonst sagen? Unser "Kiez", unser Veedel. Die Leute fühlen sich da oft gar nicht so unwohl, sondern erleben dort Heimat, aus der sie nicht wegwollen - solange noch ein sozialer Zusammenhalt erlebt werden kann. Im Ruhrgebiet noch zu finden.
    Alle mit guter Absicht gebildeten Neuworte bleiben, vermute ich, zudem schwierig, solange dem Sachverhalt ein Image von "Verlierer" und "selber-schuld" anhaftet. Da kann man sagen, was man will - "Problembezirk" klingt immer mit.

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