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Literatenfunk

ZWEI SORTEN VON FEMINISTINNEN

Quelle: privat

SABINE SCHOLL
piqer: SABINE SCHOLL
Donnerstag, 26.07.2018

ZWEI SORTEN VON FEMINISTINNEN

Manchmal verstehe ich die Strategie der Verlage nicht, Titel von Romanen im Deutschen zu verändern. So geschehen auch bei Meg Wolitzers neuem Buch, bei dem statt der starken Meldung von „The Female Persuasion“ das allgemeinere „weibliche Prinzip“ gesetzt wurde. Immerhin widmet die amerikanische Autorin ihren Roman Lebensentwürfen von Frauen, die emanzipatorische Anliegen vertreten:

Faith, eine charismatische, mitreißende Rednerin, stets in sexy Stiefeln auftretend, repräsentiert die Frauenbewegung seit den 1960ern. Sie entwickelt sich im Laufe der Jahre von der Cocktail-Kellnerin zur Herausgeberin einer feministischen Zeitschrift und schließlich zur geschickten Leiterin einer - Frauen gewidmeten - Stiftung. Deren Sponsor, ein Finanzgenie mit nicht ganz sauberen Praktiken, hätte früher fast ihre große Liebe werden können, hätte Faith nicht moralisch auf sein Geständnis reagiert, verheiratet zu sein: Schwestern betrügt man nicht!

Annie, ihre beste Freundin zu Collegezeiten, hat nach einer nahezu tödlich verlaufenen illegalen Abtreibung die Abzweigung ins rechte Lager genommen und tritt schließlich als Senatorin fanatisch gegen Frauenrechte ein.

Die junge Collegestudentin Greer wiederum fühlt sich Anfang der 2010er Jahre durch eine Begegnung mit der berühmten Faith aufgefordert, ihre leise innere Stimme in eine äußere machtvolle zu verwandeln, um ihren Weg als Redenschreiberin und Autorin zu verfolgen.

Sie schafft es, von der Mentorin, mit der sie bloß einmal auf der Toilette gesprochen hat, für die Stiftung engagiert zu werden. Eine Hilfe war ihr dabei die queere Freundin Zee, welche später in sozialen Projekten für unterprivilegierte Frauen arbeiten wird und am Ende, als Greer an der Mentorin zu zweifeln beginnt, eine aufschlussreiche Weisheit von sich gibt: Es existieren eben zwei Sorten von Feministinnen, die berühmten und die, die wirklich für die Sache arbeiten. Beide sind wichtig.

Das Geschehen wird aus wechselnden Perspektiven oft mit Jahrzehnte überspannenden Rückblicken erzählt. Auch die involvierten Männer erhalten Stimmen, liebevolle sogar; die Darstellung von Begegnungen, Verwicklungen und Verfehlungen der weiblichen Figuren mit Männern, aber auch mit Frauen jenseits aller Klischees gelingen Wolitzer dabei ziemlich gut.

Aufmerksam auf die Autorin war ich aufgrund des Essays "The Second Shelf" geworden, in dem sie die immer noch ungleiche Behandlung von Schriftstellerinnen und Schriftstellern im Literaturbetrieb ausführt. Und gebe es gleiche Voraussetzungen könnte Wolitzer durchaus den Rang des gleichaltrigen Kollegen Franzen einnehmen, der ja auch nichts anderes tut, als gegenwärtige Strömungen der US-amerikanischen Gesellschaft in breit angelegten Narrativen vorzustellen. Nur funktioniert halt Gleichberechtigung immer noch nicht und mit „Frauen“ assoziierte Themen wurden bislang nicht als gleich wichtig angesehen. Und schon gar nicht feministische. Bei Verlagen sind vor allem die mit weiblichen Wesen bestückten Romane voller Katzen, Kinder, Handtaschen und Marmelade geschätzt, die sich angenehm am Strand lesen lassen.

Jedenfalls ließ die Lektüre von „Das weibliche Prinzip“, die ich mir zwar nicht am Strand, aber bloß 200 Meter davon entfernt vornahm, in mir den Gedanken aufkommen, dass vielleicht auch meine jahrzehntelangen Erfahrungen mit verschiedenen feministischen und Frauenprojekten, sowie deren Verfechterinnen gar nicht so uninteressant sein könnten. Obwohl mir in Wolitzers Roman der Bestsellerruhm der schließlich zur Autorin gereiften Greer am Ende etwas übertrieben schien. Die knapp Dreißigjährige kann sich damit ein Haus in Brooklyn, einen Ehemann, der sich beruflich noch orientiert, ein Kind mit Dauerbabysitterin und ein aufwendiges Spendenverhalten für gute Zwecke leisten. Aber möglicherweise wird ja in New York weiterhin immens viel Geld mit Bücherschreiben verdient. Oder es ist eine Wunschvorstellung, die Wolitzer ihren jüngeren Kolleginnen gönnt. Auch gut.

Meg Wolitzer: Das weibliche Prinzip. Dumont Verlag 2018

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