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Literatenfunk

Zwei Geisterstimmen aus dem Diesseits
Jan Brandt
Schriftsteller

Geboren 1974 in Leer (Ostfriesland), veröffentlichte 2011 den Roman "Gegen die Welt" und 2015 den Reisebericht "Tod in Turin". 2016 erscheint "Stadt ohne Engel – Wahre Geschichten aus Los Angeles".

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piqer: Jan Brandt
Sonntag, 29.05.2016

Zwei Geisterstimmen aus dem Diesseits

Die alte Bundesrepublik: Land des Wirtschaftswunders, der Studentenproteste, des Terrorismus, Krautrock, Punk, Neue Deutsche Welle, Adenauer, Brandt, Schmidt und Kohl, ein weltpolitisch unbedeutender Wohlstandsstaat. Aus der Retrospektive neigen manche dazu, die Vorwendejahre im Westen ebenso zu verklären wie die im Osten. Das angenehme Gefühl, in einer sicheren Kinderwelt aus Wetten, dass..?, Playmobil und Voltigieren gelebt zu haben. Der Kulturwissenschaftler Philipp Felsch und der Schriftsteller Frank Witzel dagegen beleuchten in ihrem Gesprächsband BRD Noir die untergründig wirkenden Kräfte, die schwarze Romantik einer Nation, die von den Geistern der jüngeren Vergangenheit bevölkert ist. Der erste deutsche Nachkriegsspielfilm Die Mörder sind unter uns könnte titelgebend über der ganzen Epoche stehen: Alte Nazis in neuen Positionen, falsche Identitäten, eine junge Generation, die die Schuldfrage stellt und die Konsequenzen daraus zieht.

Die Idylle ist kontaminiert, überall in dem fruchtbaren Boden, aus dem die Demokratie erwächst, liegen Leichen. Und mit den Jahren kommen sie zum Vorschein: die der Täter und die der Opfer. Nicht in Form von Massengräbern, sondern als ausgelagertes schlechtes Gewissen, als Perversion, und als „Wiedergänger der verdrängten Gewalt“: Vera Brühne. Jürgen Bartsch. Rosemarie Nitribritt. Fritz Honka. Während in den Familien über die einen Verbrechen geschwiegen wird, kann über die anderen gesprochen werden. „Auffälliges Verhalten“, sagt Witzel, „wird sofort pathologisiert und damit wieder als das Andere nach außen verlegt.“ Der Boulevard als Ventil. Gleichzeitig tanzen die Gespenster auch auf den großen Bühnen: Eichmann-Prozess, Auschwitz-Prozesse, Anschläge und Entführungen der RAF, Todesnacht von Stammheim, Christiane F. in der Berliner Gropiusstadt, Barschel in der Genfer Hotelbadewanne.

Der sonntägliche Tatort als Schockbewältigung, als gigantische Gruppentherapie.

Das Interessante an BRD Noir ist, wie Felsch und Witzel die Geschichte der Bundesrepublik als kollektive Kriminalgeschichte deuten, als eine dunkle Langzeitphantasie, wie sie David Lynch nicht besser hätte in Szene setzen können. Der Ursprung des Noir liegt denn auch in den USA, in Los Angeles, in einer Stadt, die mit ihrem permanenten Sonnenschein und ihren unwahrscheinlichen Karrieremöglichkeiten wie keine andere die „Verheißung des Kapitalismus verkörpert“. Dieser Denkfigur folgend fehlt der DDR ein Noir-Narrativ, weil das Böse vom Staat ausgeht und dem Einzelnen der Aufstieg verwehrt bleibt. Der titelgebende Film hätte Die Mörder sind über uns heißen müssen. Grau erscheinen beide Landeshälften: die im Krieg zerstörten Städte und deren Wiederaufbau im Stil des Brutalismus.

Pop wirkt in diesem Zusammenhang als maximaler Kontrast: „Der Pop“, sagt Witzel, „war eher so etwas wie ein Lichtstrahl, der in diese Düsternis einbricht. Die Grundstimmung ist grau, und auf diesem provinziellen Grau der Provinz tauchen einzelne Farbkleckse auf , zum einen das aus Amerika importierte Noir des Verbrechens, zum anderen die Schockfarben, wie sie damals genannt wurden, des Pop: knallige Frotteesocken, Knautschlack, psychedelische Farbspiele.“

Auf hohem intellektuellen Niveau sprechen Witzel und Felsch über ein Land, das es zwar nicht mehr gibt, aber in den Imaginationen der Gegenwart wieder aufersteht. Dabei erzählen sie sich die Mythen einer Nation, die großen Geschichten, die sie selbst geprägt haben, die Angst und die Faszination, die von den Fernsehbildern ausging, von den Fotos in den Zeitungen, den Enthüllungen, den Geheimnissen und Mysterien. Eine Horrorgeschichte, die mich als Kind umgetrieben hat, erwähnen sie leider nicht, die des Choppers von Neutraubling: ein Gespenst, das in der Zahnarztpraxis von Kurt Bachseitz sein Unwesen trieb und aus dem Spülbecken zu der Zahnarzthelferin und den Patienten sprach. Immer wieder blieb ich beim Durchblättern des voluminösen Buches Chronik des 20. Jahrhunderts daran hängen. Immer wieder hörte ich mir das Europa-Hörspiel Chopper – Geisterstimme aus dem Jenseits aus der Reihe Larry Brent an. Das war meine BRD-Schocktherapie: die Wiederholung des Immergleichen.

Einige spektakuläre Fälle der jüngsten Vergangenheit – die CDU-Spendenaffäre, die Amokläufe von Erfurt, Emsdetten und Winnenden, der Kannibale von Rotenburg, Jürgen Möllemann, Rudolph Moshammer, Günter Grass' SS-Mitgliedschaft, Karl-Heinz Kurras' IM-Tätigkeit, islamistische Terror-Schläfer, der NSU-Komplex, das Horrorhaus von Höxter – zeugen vom Noir-Potenzial der Berliner Republik. Es bedarf also einer Fortsetzung des Gesprächs: BRD Noir II –  leichenblühende Landschaften.

7,5
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Kommentare 1
  1. Jochen Schmidt
    Jochen Schmidt · vor mehr als einem Jahr

    Sehr schöner Text! Aber "Die Mörder sind unter uns", in Babelsberg gedreht, gilt eigentlich als erster DEFA-Film, obwohl die DEFA erst kurz danach gegründet wurde. Ganz bestimmt nicht war es "der erste westdeutsche Nachkriegsspielfilm". Über den Chopper wurde damals in Thomas Gottschalks Fernsehjahresrückblick berichtet, sehr beunruhigend.