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Literatenfunk

Zu Geschichte verwirbelt

Zu Geschichte verwirbelt

Jan Kuhlbrodt
Autor und Philosoph

*1966 in Karl-Marx-Stadt
Studium in Leipzig und Frankfurt am Main
Redakteur bei EDIT und Ostraghege
freier Autor
letzte Veröffentlichungen: Kaiseralbum (Verlagshaus Berlin), Das Modell (Edition Nautilus), Die Rückkehr der Tiere (Verlagshaus Berlin)

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Jan KuhlbrodtFreitag, 18.06.2021

Vorab möchte ich feststellen, dass mich beim Lesen eine eigenwillige Freude erfasste. Ich bin nämlich in Karl-Marx-Stadt aufgewachsen, jener Stadt, die heute wieder Chemnitz heißt, und der auch eine so großartige Autorin wie Irmtraud Morgner entwuchs. Vielleicht ist sie die einzige Autorin der DDR, die man der Postmoderne zuordnen würde. Aber diese Zuordnung ist eigentlich nicht wichtig. Wichtig ist, dass sie, um die es etwas ruhig geworden, bei Müller-Wieland plötzlich und für mich unerwartet wieder aufscheint.

Das ist ein Grund, warum mich beim Lesen Glücksgefühle überkamen, aber sicher nicht der einzige.

Im Frühjahr ist also im österreichischen Otto Müller Verlag Birgit Müller-Wielands grandioser Text „Vom Lügen und vom Träumen" erschienen. Er tragt den Untertitel „Roman in sechs Geschichten.“ Vielleicht ist es ja so, dass eine solcher Erzählstruktur dem deutschen Leser und der deutschen Leserin noch immer ein wenig fremd ist, (Warum sonst wird derart wenig über das Buch berichtet?)

Die einzelnen Geschichten folgen nicht einem Zeitstrahl, sondern sind sowohl zeitlich als auch geographisch ineinander verflochten, so dass ein Plateau eröffnet wird, das über die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts in die Gegenwart reicht.

Räumlich aber gelangt man von den Alpen bis nach Mecklenburg, von München und Hamburg nach Berlin, aber eben auch nach Vietnam und in die Karibik. Grandios verflochten ist die triste DDR mit Saigon und Havanna über Vertragsarbeiterschicksale aber auch aktuelle Ingenieursarbeit.

Erzählt werden einzelne Geschichten, die auch für sich stehen könnten, aber im Zusammenklang ihre lebensweltliche Verortung entfalten. In großartig eleganter Sprache. 

Im Grunde wird jeweils vom Scheitern der Lebensentwürfe der Protagonisten berichtet. Von Paaren und Konstruktionen ihrer Beziehungen, die durch minimale Verschiebungen ihre Hüllenintegrität verlieren. Schon in der ersten Geschichte platzt der Kokon einer Zweierbeziehung, und eine Frau bleibt verlassen zurück.

Im Zusammenbrechen aber bilden die Trümmer Grundlagen der nächsten ebenfalls instabilen Konstruktionen. Das Verschränkte der Geschichten selbst bildet eine Art fraktales Trümmerfeld, dessen einzelne Elemente eine je eigenwillige Schönheit entwickeln. Und natürlich blühen dazwischen Momente des Glücks.

Und, das scheint mit auch wichtig, keine der Protagonistinnen und Protagonisten des Romans ist unverstrickt, um dem Ausdruck „frei von Schuld“ mit seinen religiösen Konnotationen zu entgehen und alle haben mit ihren Verstrickungen zu kämpfen; entwickeln zuweilen recht eigenwillige Strategien, mit ihrer Schuld umzugehen. Ein Exnazi zum Beispiel baut heimlich Geigen.

Wie die Texte auch im Literaturgeschichtlichen Ineinandergreifen wird an einer Stelle des Romans besonders deutlich. Die Bezüge auf Morgner hatte ich ja schon erwähnt. Die Stelle, auf die ich jetzt anspiele, stammt aus einem Kapitel im letzten Drittel. Indem eine der Protagonistinnen des Textgeflechts Lilly sich am Strand auf Kuba am Fuß verletzt und von Rene, einem in der DDR aufgewachsenem Deutschlehrer gepflegt und betreut wird. Die beiden entwickeln ein Spiel, indem sie Romananfänge zitieren und jeweils raten, welchem Roman der Anfang entstammt. Christa Wolfs Roman Kindheitsmuster beginnt: „Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.“ Aber schon der erste Satz in diesem Zitat ist ein Zitat aus William Falkners Roman „Requiem für eine Nonne.“

Referenzen hinter denen der Roman nicht zurückbleibt.

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