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Literatenfunk

Andreas Merkel
Einzelsportarten, die man nicht allein betreiben kann

Sachbuchautor über Romane in Berlin. Letzte Veröffentlichung: "Mein Leben als Tennisroman" (Blumenbar). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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piqer: Andreas Merkel
Samstag, 28.07.2018

ZAMA goes SENSINI

Die Hitze liegt in (oder über?) der Stadt wie ein fernes Land, das – glaubt man den Klimatologen – die Zukunft sein könnte. Das hat natürlich Auswirkungen auf Tiere, Bäume, Menschen. Als „Leser“ (Peter Handke) oder „Kinogeher“ (Walker Percy) hat man gerade eher wenig Bock auf Narrative, die von was anderem handeln als Badengehen oder Biertrinken. Im Idealfall liest man in der Zeitung noch den Wetterbericht (Lieblings-Ressort „Bio-Wetter“: mit der Empfehlung, Anstrengungen zu vermeiden, gerade die schönste Entschuldigung für eigentlich alles) oder bleibt bei einem Bild aus einer Filmrezension hängen.

So erging es mir mit dem hier zu sehenden Schlachtengemälde (ohne Schlacht), das aus Lucrecia Martels Verfilmung „Zama“ des Romans „Zama wartet“ von Antonio di Benedetto stammt. Von keinem der vier Beteiligten (Regisseurin, Film, Buch, Autor) hatte ich jemals etwas gehört. Der absolute Normalfall. Trotzdem zog mich irgendwas an dem in sämtlichen Rezensionen (von der Berliner bis zur Süddeutschen Zeitung) wiederkehrenden Foto zumindest so weit in die Texte hinein, dass ich mitbekam, dass Lucrecia Martel eine der berühmtesten, besten Regisseurinnen Argentiniens (oder der südlichen Hemisphäre oder der Welt) ist, und dass der Mann, der mit Dreizack in einer etwas deplatzierten George-Washington-Pose unter einem bewölkten und gleichzeitig tropische Hitze verheißenden Himmel an einem amazonashaften Gewässer steht, Don Diego di Zama ist:

Ein Beamter des spanischen Königs, der am Ende des 18. Jahrhunderts auf einem verlassenen Außenposten am Rio de la Plata vergeblich auf seine Beförderung wartet. Es handelt sich also um einen Historienfilm, bei dem nicht ganz klar wird, ob er in einer Vergangenheit spielt, die auch unsere Zukunft sein könnte, lautete noch ein weiterer, irgendwo aufgeschnappter Satz über den Film, der mich ausreichend faszinierte, um – meinen Bericht an dieser Stelle abkürzend – an einem glühend heißen, tischtennisfreien Donnerstagabend (vorgestern) eins der letzten Abenteuer im Sommer zu wagen:

Mit drei meiner getreuesten Freunde (aus dem Fußball-, Tennis- und Tischtennis-Bereich) ging ich in "ZAMA" – spanische Originalversion mit deutschen Untertiteln, nichtklimatisiertes fsk am Oranienplatz, reinster, cineastischer Wahnsinn. Was folgte, fühlte sich an wie zwei Stunden intensive Kafka-Lektüre nach dem Einbruch des magischen Realismus. Behandelt wurden Hochliterarisches (in einer meiner persönlichen Lieblingsszene wird Don Diego di Zama vom Gouverneur zusammengeschissen, weil sein Schreiber während der Dienstzeit ein Buch geschrieben hat, anstatt seine gesamte Arbeitskraft Ihrer Majestät zur Verfügung zu stellen – ein Skandal: der Gouverneur verlangt von Zama einen gnadenlosen „Bericht“ über dieses Buch, dessen Begriffe und philosophische Gedanken er dann excellente finden und sofort wieder vergessen wird) und der Kolonialismus als Früh-, Spät- oder Futuro-Kapitalismus. Beides auf eine Weise, die die Zuschauer (seltsamerweise waren wir nicht allein im Kino, vorne saß noch jemand alleine und hinter uns ein paar Spanierinnen) mit dem festen Vorsatz aus dem Kino taumeln lässt, möglicherweise bald so krank zu werden wie Don Diego di Zama im Laufe der Handlung, die im Trailer noch nach einem super Action-Film aussah …

Meine Freunde und ich setzten uns aber lieber in den nächsten Biergarten, wo wir bei Wein, Wasser und Bier auch noch andere Themen hatten (die Mözil-Debatte, das neue John Coltrane-Album, Jobfragen) und ich nicht allzu sehr gedrängt wurde, noch etwas über die Herleitung des Filmtipps zu verraten. Dem feierabendlichen Gefühl nach einer großen Kunstanstrengung angemessen erzählte ich den Freunden etwas lückenhaft, aber hochverdichtet von den paar Dingen, aus denen es mir „Zama“ angetan hatte (mein generelles Bolaño-Interesse an lateinamerikanischer Literatur klug verschweigend, um dann am Ende dieses piqs umso sensationeller darauf zurückzukommen):

Antonio di Benedetto, der Autor, war in den Siebzigern von der argentinischen Militärdiktatur verhaftet worden und lebte eine Weile in Paris und Madrid im Exil, bevor er nach Buenos Aires zurückkehrte, wo er 1986 verarmt und vereinsamt starb. In Deutschland weitgehend unbekannt wurde sein Roman „Zama wartet“ dennoch 2009 bei Manesse in einer Edel-Edition veröffentlicht, die mittlerweile komplett vergriffen ist (es gibt nicht ihn nicht mal mehr gebraucht bei amazon-marketplace). Die nette Pressefrau von Manesse schrieb mir zurück, dass es wohl keine Neuauflage gebe, weil mittlerweile selbst Literaturverfilmungen keinen Bucherfolg mehr garantierten, und schickte mir aber freundlicherweise eine PDF-Fassung, in die ich nur kurz reinlesen konnte, weil sie sich nicht ausdrucken ließ, ich Bücher nicht elektronisch lesen kann und mich die Übersetzung von Maria Bamberg, der 2016 verstorbenen Autorin des Buches „Ella und der Gringo mit den großen Füßen – Eine Familiengeschichte in Patagonien“, nicht völlig überzeugte (… geht schon damit los, dass ein im Wasser treibender toter Affe über eine noch „heile“ Leiche verfügt).

Dennoch gefielen mir bereits beim Reinlesen einige zentrale Zitate, in denen Don Diego di Zama auf eine Weise über seine beiden Ichs, das Wesen der Zeit und die Aussichten auf Ruhm und Ehre nachdenkt, die keinen Autor kalt lassen können:

Doktor Don Diego de Zama! Der Tatmensch, der Vollstrecker, der Friedensstifter unter den Indianern, der Gerechtigkeit geübt hatte, ohne das Schwert zu gebrauchen. Zama, der den Aufstand der Eingeborenen eingedämmt hatte, ohne spanisches Blut zu vergießen, der eine Auszeichnung des Königs und den Respekt der Besiegten gewonnen hatte. Das war nicht der Zama der Amtsstuben, wo es niemals Überraschungen und keine Gefahren gab. Zama der Landverweser verleugnete hochmütig Zama den Justitiar, und dieser bemühte sich, mehr als eine Verwandtschaft, ja, gewissermaßen die völlige Identität beider nachzuweisen. Dem früheren Landverweser Zama gegenüber brüstete er sich mit seinem Amt, das zweithöchste der ganzen Provinz, direkt unter dem des Gouverneurs. Aber dabei wusste Zama der Justitiar, ohne es sich verheimlichen zu können, dass in diesem Land, mehr als in den anderen des Königreichs, ein Amt allein niemanden erhöht, und niemand zum Helden wird, der nicht sein Leben aufs Spiel setzt – selbst wenn die Sache es nicht wert ist. Zama der Justitiar musste sich als gebunden erkennen, ohne Gelegenheit, sich hervorzutun.

… Zama war gewesen und konnte nicht ändern, was er gewesen war. Man mochte glauben, dass mich eine Vergangenheit bestimmte, die eine glänzendere Zukunft forderte.

… Ich aber sah meine Vergangenheit ungestalt, formlos und zugleich der Vervollkommnung fähig. Trotz vortrefflicher Züge verhehlte ich mir nicht, das einiges – das meiste – darin schmierig, unangenehm und schwer fassbar war, wie die Eingeweide eines eben aufgebrochenen Tieres. Ich ärgerte mich nicht darüber, nahm es als einen Teil meiner selbst, einen unentbehrlichen sogar, auch wenn ich nicht an seinem Entstehen beteiligt war. Aber trotz allem hoffte ich, durch die Zukunft, in der Zukunft ich zu werden.

Das Buch war „Den Opfern des Wartens“ (A las víctimas de la espera) gewidmet und ich beschloss, es mir demnächst in Amerika zu besorgen, wo es vor ein paar Jahren ebenfalls in einer schönen Klassiker-Edition wiederaufgelegt wurde, allerdings als Taschenbuch und mit einem Vorwort der Übersetzerin Esther Allen, die für das Lincoln Film Center im Rahmen der „Zama“-Premiere auch ein Interview mit Lucrecia Martel führen durfte (in dem einem die Regisseurin sofort ans Herz wächst – auf die Frage, worum es in dem Buch gehe, antwortet sie: Something what time is like when time is ending… how you can remember time, when there is no more time), worauf ich hier (und vor zwei Abenden im Biergarten) nur noch kurz eingehe, weil ich beim flüchtigen Überfliegen der elektronischen Leseprobe dieses Vorworts von eben besagter Esther Allen erfuhr, dass es eine Kurzgeschichte von – Roberto Bolaño über Antonio di Benedetto gibt!

Die Geschichte heißt „Sensini“ und ist die erste aus dem Erzählungsband „Telefongespräche“. In dieser Geschichte ist Sensini gewissermaßen di Benedetto und der Roman "Zama" heißt hier "Ugarte". Um Sie an meiner Begeisterung teilhaben zu lassen („Telefongespräche“ ist eines meiner absoluten Lieblingsbücher, wenngleich ich keine Ahnung hatte, dass Sensini von Antonio di Benedetto handelte), hier der Anfang, den Sie gern lesen dürfen, wenn Sie sich anschließend die „Telefongespräche“ bitte umgehend besorgen (1997 bei Hanser in der Übersetzung von Christian Hansen erschienen, unter dem schönen Tschechow-Motto: „Wer könnte mein Entsetzen besser verstehen als Sie?“). Dieser Piq endet hier (vielen Dank!) und die Story „Sensini“ beginnt so:

Die Art und Weise, wie meine Freundschaft mit Sensini zustande kam, ist zweifellos ungewöhnlich. Ich war damals Ende zwanzig und arm wie eine Kirchenmaus, wohnte in den Außenbezirken von Girona in einer Bruchbude, die meine Schwester und ihr Mann mir überlassen hatten, als sie nach Mexiko gingen, und war gerade einen Job als Nachtwächter auf einem Campingplatz bei Barcelona losgeworden, der meinen Hang, die Nacht zum Tag zu machen, verstärkt hatte. Freunde besaß ich fast keine, und meine einzigen Beschäftigungen waren das Schreiben und lange Spaziergänge, die um sieben Uhr abends nach dem Aufstehen begannen, wenn mein Körper eine Art Jetlag durchmachte, ein Gefühl, da und zugleich nicht da zu sein, von Distanz zu allem, was mich umgab, von unendlicher Zerbrechlichkeit. Ich lebte von dem, was ich während des Sommers zurückgelegt hatte, und obwohl ich kaum etwas ausgab, gingen meine Ersparnisse im Laufe des Herbstes zur Neige. Vielleicht war es dieser Umstand, der mich bewog, am Nationalen Literaturwettbewerb von Alcoy teilzunehmen, der allein Autoren von spanischer Zunge unabhängig von Nationalität und Wohnsitz offenstand. Die Aufschreibung war in drei Sparten unterteilt: Dichtung, Erzählung und Essay. Erst wollte ich mich für Dichtung bewerben, aber es erschien mir würdelos, gerade das in den Kampf mit den Löwen (oder Hyänen) zu schicken, was ich am besten konnte. Daraufhin wollte ich mich für Essay bewerben, aber nach Erhalt der Unterlagen stellte ich fest, dass man über Alcoy, seine Umgebung, seine Geschichte, seine berühmten Söhne und Töchter sowie über das Alcoy von morgen schreiben sollte, und das ging über meine Kräfte. Ich beschloss also, mich für Erzählung zu bewerben, sandte in dreifacher Ausführung die beste ein, die ich hatte (ich hatte nicht viele), und wartete ab.

Als die Entscheidung fiel, arbeitete ich gerade als fliegender Händler auf einem Markt für Kunsthandwerk, auf dem absolut niemand Kunsthandwerk verkaufte. Ich erhielt den dritten Preis und zehntausend Peseten, die mir die Stadt Alcoy gewissenhaft ausbezahlte. Kurz darauf kam auch das Buch (es wimmelte von Druckfehlern) mit den Texten des Gewinners und der sechs Finalisten. Natürlich war meine Erzählung besser als die erstplatzierte, weshalb ich die Jury verwünschte und dachte, es ist doch immer dasselbe. Wirklich überrascht aber war ich, in dem Buch auf den argentinischen Schriftsteller Luis Antonio Sensini zu stoßen, der den zweiten Platz gemacht hatte mit einem Text, in dem der Erzähler aufs Land zog, wo sein Sohn starb, oder in dem der Erzähler aufs Land zog, weil in der Stadt sein Sohn gestorben war, das wurde nicht recht klar, auf dem Land jedenfalls, einem flachen, eher dünn besiedelten Land, setzte sich das Sterben des Sohnes fort, kurz, es war eine klaustrophobische Erzählung, typisch für Sensini, für seine weiten geographischen Räume, die plötzlich auf die Größe eines Sarges schrumpften, und besser als die Erzählung des Gewinners, auch besser als die dritt-, viert-, fünft- und sechsplatzierte.

Ich weiß nicht, was mich dazu trieb, bei der Stadtverwaltung von Alcoy Sensinis Adresse zu erfragen. Ich hatte von ihm einen Roman gelesen sowie einige Erzählungen in lateinamerikanischen Literaturzeitschriften. Der Roman gehörte zu denen, die ihre Leser finden. Er hieß Ugarte und handelte von einigen Momenten im Leben von Juan Ugarte, einem Beamten im Vizekönigreich Río de la Plata am Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Einige Kritiker, vor allem Spanier, fertigten ihn mit dem Hinweis ab, es handle sich um eine Art kolonialen Kafka, doch nach und nach fand der Roman seine Leserschaft, und als ich in dem Sammelband von Alcoy auf Sensini stieß, besaß Ugarte bereits über Amerika und Spanien verstreut einen kleinen Kreis glühender Anhänger, fast alle untereinander befreundet oder grundlos verfeindet.

ZAMA goes SENSINI
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