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Literatenfunk

wie ich versuchte, ein guter mensch zu sein
Andreas Merkel
"Die Problematik des Ich angesichts der Erfindung und Abschaffung des Anderen"

Romankritiker und Keeper in Berlin. Aktuell: "Fanfibel 1.FC Köln" (culturcon). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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piqer: Andreas Merkel
Freitag, 29.09.2017

wie ich versuchte, ein guter mensch zu sein

Amerikanisches Tagebuch - Ende. Am Montag kam ich morgens erfolgreich aus Amerika zurück - keins der mitgeführten Bücher war beim bad reading ernsthaft verletzt worden, mein Laptop endgültig hinüber (ein um zwei Ecken befreundeter Hacker versucht gerade noch, für 80€ ungefähr 600 Seiten Tennisroman zu retten) und die innere Uhr auf 3am stehengeblieben, wodurch sich eine angenehme Müdigkeit einstellte, die einem Post-Wahl-Germany noch ein wenig auf Distanz hielt. Noch am selben Abend spielte ich Fußball (Medienliga) und ging danach beschwingt mit einem Feierabendbier die Schönhauser runter, als mir eine herzergreifend weinende Frau entgegenkam,  wodurch ich mich wieder ein bißchen beruhigte (nachdem ich kurz überlegt hatte, sie anzusprechen - Sind Sie in Ordnung? Kann ich irgendwas für Sie tun? Darf ich Ihnen eine Zigarette anbieten, danach kann die Welt schon wieder ganz anders aussehen? -, mich aber gerade noch rechtzeitig in den Griff bekam). Am nächsten Mittag war ich zurück in der Schreibwohnung und holte mir unten bei meinem Kumpel im Angelladen die Post ab. Das letzte Geißbock-Echo mit Jhon Cordoba vorne drauf und jede Menge neue Bücher: Knausgårds "Im Herbst" (... Briefe an eine ungeborene Tochter, Reflexionen über alltägliche Phänomene - give me a fucking break, Karl Ove!), Kehlmanns "Tyll" ("Tyll", sagte der König. "König?", sagte der Narr...), Lydia Davis' "Samuel Johnson ist ungehalten" (siehe this week's piqs!), Nikita Afanasjews "Banküberfall, Berghütte oder ans Ende der Welt" (Lieblingssatz: Ben sagte: Du hast dich doch damals in Düsseldorf durch den Musil gequält, oder?) und - fantastischerweise - die neue Graphic Novel von Ulli Lust, "Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein"!

Nachdem die 1967 in Wien geborene und an der berühmten Kunsthochschule Berlin-Weissensee ausgebildete Comic-Autorin zu Suhrkamp gewechselt war (was für ein Coup für den großen alten Verlag an der Pappelallee!) und dort gleich als erstes eine etwas bemüht-strenge Marcel Beyer Comic-Version der "Flughunde" vorgelegt gehabt hatte, hatte ich mir ein bisschen Sorgen gemacht, la Lust würde jetzt nur noch auf seriös und Klassiker machen, hätte den anarchischen Drive ihres radikal-autobiographischen Sizilien-Punk-Abenteuers "Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens" (und den wunderbaren Mut zu bekloppten Titeln) verloren. Aber nichts da! "Wie ich..." ist endlich der lang ersehnte Nachfolger, den man genauso atemlos wegliest wie "Heute ist...". Diesmal rennt die gnadenlos naive, aber grandios lebensmutige Ulli ihrer "Scheiss-Libido" (siehe Abbildung) hinterher oder davon. In Georg hat sie den perfekten Frauenversteher und Lebensgefährten (mit dem allerdings - oh no! - zu kleinen Schwanz: Klischees kann nur vermeiden, wer nie das eigene  Bett verlässt), in Kimata den perfekten Liebhaber (dessen Leidenschaft allerdings immer wieder zu eifersüchtigen Gewalt-Exzessen führt) - den sie dann auch noch heiratet, um ihn vor der Abschiebung zu bewahren. Man hält es also wieder mal kaum aus, was sich Ulli Lust da zusammengelebt, -gezeichnet und -erzählt hat. Also gucken und lesen Sie sich lieber selber satt: there's a whole world out there! 

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