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Literatenfunk

Andreas Merkel
Einzelsportarten, die man nicht allein betreiben kann

Sachbuchautor über Romane in Berlin. Letzte Veröffentlichung: über ein Leben mit dem 1. FC Köln ("Fanfibel", culturcon). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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piqer: Andreas Merkel
Samstag, 19.08.2017

Was für eine wundervolle Frage!

Sehr schöner Bücher-Fragebogen aus der New York Times Book Review, den Karl Ove Knausgård da gerade ausgefüllt hat. Er beantwortet die Fragen mit jochen-schmidtscher Ausführlichkeit und hat auch fast so viel gelesen. Ein bisschen enttäuschend, dass weder Roberto Bolaño noch Rachel Cusk oder sein großer französischer Gegenspieler Emmanuel Carrère auftauchen. Dafür viele Namen, die ich noch nicht mal ansatzweise gehört habe, weil ich natürlich auch keine Ahnung habe, und von norwegischer Literatur logischerweise noch weniger (... wenn man anfängt, ein paar der Autoren im Internet zu suchen - immer sofort eine superdeprimierende Angelegenheit! -, kommt etwas erwartbar Knausgårds Vorliebe für menschenscheue, naturverbundene recluseniks zum Vorschein). Gefallen hat mir dagegen, dass er tatsächlich Heidegger auf dem Nachttisch liegen hat (aber nur fürs Über-Ich) und niemals lesen wird. Trump schlägt er allen Ernstes vor, dass er Proust lesen soll (wake up, Karl Ove!) und zum literarischen Dinner würde er Joyce, Homer und Anne Carson einladen, um über Antike, eigene Kinder und Liebe und Blindheit zu reden. Und auch die neurobiologischen Erkenntnisse der Antwort auf die Frage, was die meistinteressanten Dinge sind, die er kürzlich von einem Buch gelernt hat, erinnert ein wenig an den etwas streberhaften Studenten-Gestus, mit dem er im 500-seitigen Mittelteil von "Kämpfen" Gedichtinterpretationen von Celan oder Biographisches über Hitler präsentiert. Super natürlich die Beschreibung der Gefühlslage beim Lesen eigener Bücher: "disappointing, overrated, just not good". Von daher guter Abschluss-Joke: das eigene Leben sollte lieber von dem alten Tango-Satanisten Laszlo Krasznahorkai aufgeschrieben werden, und die Verfilmung dauert dann auch vierzehn Stunden.

Also fast so lang wie die dritte Staffel von Twin Peaks, deren wöchentliche Nacherzählung in der New York Times (inklusive Leserkommentare!) für mich übrigens der Roman dieses Sommers ist.

Was für eine wundervolle Frage!
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