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Literatenfunk

Waren die alten Griechen farbenblind?
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Mittwoch, 12.10.2016

Waren die alten Griechen farbenblind?

Populärwissenschaftliche Bücher haben oft interessante Titel, manchmal auch verlockende Kapitelüberschriften, aber dann gestaltet sich die Lektüre eher zäh und man wartet vergeblich auf die versprochenen Erkenntnisse und hat am Ende auch noch hundert Seiten Anmerkungen zu lesen. Das gilt für Guy Deutschers Buch „Im Spiegel der Sprache – Warum die Welt in anderen Sprachen anders aussieht" nicht, das zu lesen durchweg ein Vergnügen ist, weil der Autor klar und manchmal scharf formuliert und mit Spott gegen eine institutionalisierte Wissenschaftsprosa nicht geizt. (Z.B. Wenn er sich über allzu viel Euphorie in der Hirnforschung lustig macht. Was lernen wir aus Experimenten, bei denen bestimmte Hirnregionen aktiviert und gescannt werden über das Denken? Ungefähr so viel, wie wir über die Funktionsweise einer Firma lernen, wenn wir von der Straße aus tagelang die Lichter der Bürofenster beobachten. Wir wissen alles über das Gehirn, außer wie es funktioniert.) Beim Lesen habe ich mich an mein Seminar „Einführung in die Sprachwissenschaft" vom Anfang der 90er erinnert, damals konnte ich mir nicht vorstellen, alt zu werden, ohne mir gewisse Fragen über die Sprache beantwortet zu haben (was dann aber doch ganz gut funktionierte.) Konnte man Dinge nur in einer bestimmten Sprache sagen? Was war Sprachgefühl? War es vielleicht angeboren? Hatte das Pfeifen der Wale eine Grammatik? Warum veränderten sich Sprachen? Konnte man in BASIC eine Liebeserklärung machen? Warum konnte man überhaupt kommunizieren, wenn kein Mensch auch nur in der Lage war, den Begriff „Wort" zu definieren? (Wir sprachen deshalb auch lieber von einer „Lexie".) Gerne wird man beim Party-Smalltalk mit Gemeinplätzen über Sprachen belästigt, weil jeder dazu so seine Ideen hat. Welche Sprachen sich ähnelten, welche im Vergleich zu welchen „schwer" seien (wenn man viele „Fälle" lernen muss, was in Wirklichkeit das Sprachenlernen aber viel einfacher macht), dass Finnisch ein bisschen wie Ungarisch klänge, dass sich Spanisch und Italienisch sehr ähnelten, dass man nur auf Italienisch singen könne, dass es in den Eskimosprachen 30 Wörter für Schnee gebe und dass Amazonas-Indianer kein Futur hätten und deshalb viel sorgloser lebten als wir.

Da tut es gut, mal wieder einem Fachmann zuzuhören. Die erste Hälfte des Buchs befasst sich mit Farben und Farbbegriffen, einem semantischen Schlüsselgebiet. Bei Homer kommen praktisch keine Farben vor und wenn, dann in für uns nicht nachvollziehbarer Weise. Waren die alten Griechen also farbenblind? Bzw. haben sie sogar nur schwarz-weiß gesehen? (Ein Schluss, zu dem der spätere britische Premierminister William Gladstone in einer dreibändigen Homerstudie von 1858 kam. Er hat sie übrigens verfasst, als er drei Jahre in der Opposition war, wie bewundernswert! Er meinte, Farbe hätte überhaupt erst mit den künstlichen Farbstoffen an Bedeutung gewonnen. Und das menschliche Auge hätte sich erst mit der Zeit und durch Übung zum Farbensehen entwickelt. Man „kann sich nur schwer das völlige Dunkel vorstellen, in dem selbst die größten Geister vor nur wenig mehr als einem Jahrhundert tappten, wenn es um das Rezept des Lebens ging." Vor Darwin glaubte man ja, Eigenschaften, die wir durch Übung erwerben, würden weitervererbt. Sogar Darwin selbst glaubte noch, dass das Lamarcksche Modell eine Rolle bei der Evolution spielte. Warum vererbt sich dann, fragt Deutscher, die Beschneidung jüdischer Männer seit hundert Generationen nicht?) Tatsächlich ist es ein ziemlich weit verbreitetes Phänomen in den verschiedensten Sprachen, dass es z.B. nur ein Wort für Blau und Grün gibt oder sogar noch mehr Farben zusammengefasst werden. Der Trugschluss ist allerdings, zu denken, dass die Sprecher dieser Sprachen die Unterschiede in der Realität auch nicht wahrnehmen. (Whorf-Alarm!) Hat die Menschheit die Farben vielleicht in einer bestimmten (dem Spektrum entsprechenden Reihenfolge) „gelernt"? Warum gibt es immer ein Wort für „Rot", aber fast nie eines für das Blau des Himmels? Eine Auseinandersetzung zwischen „Naturalisten" und „Kulturalisten", die letztlich obsiegt haben: Die sprachliche Aufteilung des Farbspektrums ist eine kulturelle Konvention und hat nichts mit der tatsächlichen Wahrnehmung der Farben zu tun. (Die kulturelle Bedeutung von Blau ist übrigens sehr begrenzt, es ist in der Natur auch ausgesprochen selten zu finden. Umso wertvoller war ja schon für die Ägypter der afghanische Lapislazuli-Stein. Gespräche über den blauen Himmel haben für Naturvölker wenig Sinn, weshalb sie ihn nicht weniger lieben.)

Von den Farben geht es im Buch zur Grammatik und zum linguistischen Relativitätsprinzip, der Sapir-Whorf-These. (Edward Sapir stammte übrigens aus dem pommerschen Lauenburg). Amerikanische Linguisten haben um die Jahrhundertwende begonnen, die Indianersprachen im Land zu erforschen, was überhaupt erst eine amerikanische Linguistik hervorgebracht hat. Sapirs Schüler Whorf hat dann ohne Beweise (er hatte in New York immerhin einen Hopi-Sprecher getroffen) in schönen Worten behauptet, nordamerikanische Indianersprachen veranlassten ihre Sprecher zu einer ganz anderen Auffassung der Wirklichkeit, zu einer „monistischen Sicht auf die Natur", das Hopi habe überhaupt keinen Zeitbegriff und die Hopi deshalb ein anderes Verhältnis zum Universum und zur Zeit (was man, wenn man zivilisationsmüde ist, zu gerne glauben würde.) Noch ein Jahrhundert früher hielt man Griechisch und Latein für praktisch identisch mit „Grammatik" und erst Wilhelm von Humboldt wurde 1799 durch die Begegnung mit dem Baskischen bewusst, dass es auch noch ganz anders ging als in den indoeuropäischen Sprachen (die unter den heute noch 6000 Sprachen zahlenmäßig, wenn auch nicht sprechermäßig, eine sehr kleine Gruppe bilden. Von den vielen „exotischen" Sprachen wird in wenigen Jahrzehnten allerdings die Hälfte ausgestorben sein. Ein unschätzbares Material, wenn man unsere Vorstellung von Sprache relativieren will.) Humboldt habe sich übrigens, schreibt Deutscher, an die ersten beiden Gebote für jeden großen Denker gehalten: „1) Du sollst dich unbestimmt ausdrücken. 2) Du sollst dich nicht scheuen, dir selbst zu widersprechen." Dennoch ist sein Verdienst nicht zu überschätzen.

Die Sapir-Whorf-These ist falsch. Sie sollte durch die Boas-Jacobson-These ersetzt werden: „Sprachen unterscheiden sich hauptsächlich durch das, was sie vermitteln müssen, und nicht durch das, was sie vermitteln können." Die Sprache zwingt uns, bestimmte Dinge zu sagen (jede Sprache andere). Z.B. Das Genus eines Substantivs in einer Aussage zu bestimmen. Dadurch wird der Sprecher kognitiv auf die Wahrnehmung dieser Unterschiede trainiert. Experimente haben ergeben, dass das Genus sogar dafür sorgt, dass wir unbewusst bestimmten Begriffen männliche oder weibliche Eigenschaften zuordnen.

Keine Sprache ist von vornherein ungeeignet, die komplexesten Ideen auszudrücken. (Eine eigentlich banale Einsicht, die aber schon ein großer Fortschritt ist.) Aber die Aussage „Alle Sprachen sind gleich komplex", die mit besten Absichten in Linguistik-Seminaren jahrzehntelang gepredigt wurde, sei sinnlos, weil es für diese Komplexität gar kein Maß gebe. Wenn man kleinere Brötchen backt und sich z.B. die Wortebene ansieht, stellt man fest, dass es interessanterweise eine umgekehrte Korrelation zwischen der Komplexität der Gesellschaft und derjenigen der Wortstruktur gibt. Je einfacher die Gesellschaft, desto mehr Informationen markiert sie innerhalb einzelner Wörter. (Und umso schwerer dürfte für uns ihre Sprache zu lernen sein.) Ein Grund dafür kann das Fehlen einer Schrift sein (wodurch die Wortgrenzen weniger strikt sind. Wir benutzen beim Sprechen ja keine Worte, sondern Wortschwälle.) Oder die Kommunikation unter Vertrauten, die mehr Verdichtung zulässt. Oder der mangelnde Kontakt mit anderen Sprachen. Phonetisch wird es noch wilder, wenn man an die 78 Schnalzlaute der !Xoo-Sprache aus Botswana denkt, die alle am Wortanfang auftreten. Wer unter der Vorstellung leidet, die „Wilden" seien uns geistig unterlegen, sollte einmal versuchen, ihre Sprachen zu lernen. (Tatsächlich ähnelten einige grammatische Strukturen in Aboriginesprachen mehr dem Lateinischen als dem Englischen.)

Was lernen wir von einer ausgestorbenen australischen Aborigine-Sprache mit dem schönen Namen Guugu-Yimithirr - aus der der Begriff Känguru stammt, der allerdings dort nur für bestimmte Kängurus verwendet wird, ein erfolgreiches Misverständnis-, über die Frage, ob man durch seine jeweilige Sprache die Welt anders wahrnimmt? Die Sprecher des Guugu-Yimithirr benutzen ausschließlich ein geographisches Orientierungssystem, und nicht wie wir, zur Abwechslung ein egozentrisches. Sie sagen also: „Kannst du mir mal das Salz reichen, das südwestlich von deinem Teller steht?" Sie sind also gezwungen, bei jeder Aussage immer die Himmelsrichtungen mitzudenken, auch wenn sie über 20 Jahre zurück liegende Vorfälle berichten. Man kann sich in dieser Sprache nicht ausdrücken, ohne sich gewohnheitsmäßig „einzunorden". Ein Beispiel dafür, wie eine Sprache ihre Sprecher auf eine bestimmte Wahrnehmung der Welt trainiert.

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Kommentare 1
  1. Leopold Ploner
    Leopold Ploner · vor 10 Monaten

    Dieser Text hat mir jetzt _sehr_ viel Lust auf das Buch gemacht, obwohl ich sonst kaum populärwissenschaftliche Bücher lese.