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Literatenfunk

Walter White wechselt die Branche und spürt bedenkliche Inhaltsstoffe auf
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Mittwoch, 28.12.2016

Walter White wechselt die Branche und spürt bedenkliche Inhaltsstoffe auf

Neulich vor denns: ein Rentner mit Stock liest den großen Schriftzug "Bio-Lebensmittel" und schimpft vor sich hin: "Bio-Lebensmittel? Alles Lug und Trug!" Ob er so auch vor Filialen herkömmlicher Lebensmittelketten steht? Sicher nicht, denn da scheint kein Versprechen gebrochen zu werden, wenn man Müll zu kaufen bekommt, man weiß es einfach schon vorher. Daß es nicht reicht, mehr zu bezahlen und "bio" zu kaufen, um auf der sicheren Seite zu sein, muß einen allerdings nicht für die grundsätzliche Einsicht immun machen, daß man über sein Essen nachdenken sollte und im Bioladen tendenziell besser aufgehoben ist, wenn man Wert auf Gesundheit (Schadstoffe), gutes Gewissen (Tierhaltung), Verantwortung (fairtrade), Energiebilanz (regionale Produkte) und die Zukunft legt (Nachhaltigkeit). Allerdings muß man auch hier bei jedem Produkt genau hingucken, wie lästig! Wo man doch schon extra mehr bezahlt! Wenn die genannten Kriterien erfüllt wären, und ich die Lebensmittel ohne zeitraubende Recherchen in den Wagen packen könnte, hätte ich nichts dagegen, wenn sie dafür durchweg nach Lebertran schmecken würden, das würde ich für den Gewinn an Lebenszeit gerne in Kauf nehmen. Aber leider geht das nicht, es hilft nicht einmal unbedingt, reich zu sein und immer das teuerste und erlesenste zu kaufen, darüber belehrt einen jährlich das Sonderheft "Ökotest – richtig gut leben", in dem mehr als 1000 Produkte getestet werden. Die Wahrheit löst seltsamerweise bei manchen aggressive Abwehrmechanismen aus, weil sie das Leben verkompliziert. Wenn man unter Menschen, die gerne mit einem gewissen Stolz oder Trotz verbrannte, geschmacksverstärkte, fett- und zuckerreiche, aus nicht artgerechter Haltung stammende Lebensmittel unbestimmter Herkunft verspeisen (gerade Männer halten ja alles andere gerne für potenzschädigend, wozu mir ein Heiner-Müller-Zitat einfällt: "Wenn ich morgens Müsli esse, will ich mich eine Stunde später erschießen. Da trinke ich lieber Benzin zum Frühstück und esse gierig ein blutiges Steak dazu."), Zweifel sät, hört man oft die nervös-beleidigte Replik: "Mensch, dann darf man ja bald gar nichts mehr essen …" Man darf natürlich alles essen, aber man sollte nicht damit rechnen, daß es bekömmlich ist. Es gibt keine Instanz, die einem die Mühe abnimmt, sich zu informieren. Man kann sich nicht auf Marken verlassen, nicht auf Lebensmittelketten, nicht auf die biomäßige Anmutung der Verpackung oder die klangvolle Produktbezeichnungen (Kommt Mark-Brandenburg-Butter aus Brandenburg? Kommt der Tiroler Schinken aus Tirol, oder wird das holländische Fleisch da nur geräuchert? Enthält Müsli "ohne Zuckerzusatz" tatsächlich weniger Zucker, wenn der Zucker durch Maracujasaftkonzentrat ersetzt wurde? Und was bedeutet es wohl, wenn "Schmeckt wie selbst gebacken" auf der Kuchen-Verpackung steht?) Die Vorstellung, man würde hier betrogen, setzt voraus, daß man ein Recht darauf hätte, nicht betrogen zu werden, was beim gigantischen Markt, den die Lebensmittelindustrie bedient, mehr als naiv ist. Man sollte das ganz gelassen voraussetzen und sich wehren, indem man sich zu informieren versucht. Kann man sich dabei auf die "Öko-Test" verlassen? Nach meinem Eindruck: ja! Ich habe das Heft zum ersten Mal gründlich studiert und hatte Freude daran, was auch am ironischen Grundton liegt, der in den Texten herrscht, wenn es z. B. um mangelhafte Kommunikation mit Herstellern ging. Ich frage mich jetzt schon, wie ich bisher ohne diese Informationen aus dem Heft auskommen konnte. Zuerst wird mit Dr.Oetker ins Gericht gegangen. Als Kind waren für mich ja alle Produkte aus Westpaketen grundsätzlich höherwertig, man löffelte sie mit Bedacht, legte sie sich auf die Zunge wie eine Hostie, hob die Verpackung auf für den Altar im Kinderzimmer. Der unvergleichliche Bifi-Duft, der sich tagelang in der Verpackung hielt, ich werde ihn nie vergessen! Noch mehr verehrte man Dr.Oetker, denn was sich ein Doktor ausgedacht hatte, war ja schon praktisch Medizin zum essen. Von den getesteten Dr.Oetker-Produkten sind allerdings lediglich die gehobelten Mandeln "sehr gut", enthalten also kein Mineralöl, keine bedenklichen Keime, keine Weichmacher und keine Unmenge an Zucker. Alles andere hat größere Mängel. Die Kirschgrütze enthält auf 500 Gramm 110 Gramm Zucker, im Vanillepudding findet sich ein erhöhter Gehalt an Mineralöl, es gibt generell von Firmenseite keine Angaben zu den Arbeitsbedingungen der Menschen auf den Kakaoplantagen Westafrikas, die Milch stammt vermutlich von Kühen, die genmanipuliertes Futter bekommen und, anders als die lachende Kuh auf der Verpackung, selten oder nie eine Weide sehen (was man daraus schließt, daß der Gehalt an Omega-3-Fettsäuren so niedrig ist), der Marmorkuchen mit Schokoglasur enthält Fettschadstoffe, Mineralöl und hat einen erhöhten Zuckergehalt. Reden so Spielverderber? Aber zum Trost für Dr.Oetker: es kann fast jeden Anbieter treffen, auch Biomarken, und bei manchen Produktgruppen fällt fast jede Marke durch. Manchmal ist denns besser, oft die GEPA, manchmal aber auch Aldi. Beim Tee sollte man z.B. ab und zu Sorte und Marke wechseln, um Risiken zu mindern. Der getestete Roobois-Tee enthält fast durchgehend teilweise leberschädigende und krebserregende Pyrrolizidinalkaloide aus dem dem Rooibus zum Verwechseln ähnlichen Greiskraut. Das betrifft auch die Bio-Marken. Wenn man überall im Heft das Kleingedruckte liest, wird man zum Walter White: Ethoxyquin im Lachsfutter, Chlorphenesin und Iodopropynyl Butylcarbamate in der Wimperntusche, Diisodecylphthalat im Fahrradhelm, Antimon im Wasserkocher, Polyaminopropyl Biguanide, das als Gefahrenstoff eingestuft ist, in den Baby-Feuchttüchern, Cadmium im Einkaufstrolley, Quecksilber in der Faszien-Rolle. Wobei ich zugeben muß, daß ich leicht zu beeindrucken bin, weil für mich als Laien jede chemische Bezeichnung irgendwie giftig und abzulehnen klingt. Kesselchips, die Tradition, Ehrlichkeit und Handwerk suggerieren und bei denen die Kartoffeln deshalb noch die Schale haben, sollte man, wie man auch ohne Öko-Test weiß, eigentlich genausowenig essen wie normale Kartoffelchips. Aber weiß man auch, daß die meisten Acrylamide enthalten, die beim Frittieren entstehen und ein Krebsrisiko darstellen? Interessanterweise schneiden bei den nicht-Bio-Marken die K-Classic Baked Chips von Kaufland am besten ab (weswegen Kaufland auch stolz im Heft eine ganzseitige Anzeige dafür schaltet). Über Superfoods wird ein verheerendes Urteil gefällt, wenige Produkte sind unbedenklich, aber auch diese natürlich unnötig. Die meisten dieser teuer aussehenden Modepulver, die Essen in Medizin verwandeln sollen, enthalten Pestizide, Mineralöl, Schimmelpilze oder Cadmium. Isotonische Getränke können durchweg nicht empfohlen werden, Wasser tut es auch. Was für ein sinnloser Markt! Gottseidank muß ich mich nicht schminken, ich könnte auch in Terpentin baden, so belastet sind viele Produkte. Übrigens auch die meiste Kinderschminke, die Nickel, Spuren von Chrom, Paraffine, Parabene, Natriumlaurylsulfat (ein Schäumer), Ethylhexyl, Ethoxycinnamat, etc. enthalten kann. Von anderen Sünden ganz zu schweigen, z.B. daß fast alle elektrischen Zahnbürsten eine eingebauten Akku haben, damit man sie nicht reparieren kann und daß die meisten Handyverträge einem suggerieren, man bräuchte jedes Jahr ein neues Gerät. Positiv stechen erstaunlicherweise Mottenmittel und Fliegenfallen heraus, bei denen es sehr viele sehr gute Produkte gibt. Ebenso Fieber- und Schmerzmittel, Dutzende sind sehr gut (aber auch weitgehend identisch).

Einkaufen wird komplizierter, wenn man sich weder nach Preis, noch nach Verpackungsanmutung, noch nach Marke, noch nach dem aufgedruckten Text, noch nach dem Preis richten kann. Wenn man keine Freundin hat, die einem als mündige Verbraucherin um Jahre voraus ist, dann muß man nacharbeiten. Und irgendwie macht es ja auch Spaß, den Schlingeln auf die Schliche zu kommen. Ich freue mich schon auf die nächste Öko-Test!

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