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Vom Lesen in fremden Ländern - Balkan

Vom Lesen in fremden Ländern - Balkan

Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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Anne HahnMontag, 01.10.2018

„Ich wusste, dass die ständige Todesnähe, der Anblick von Gefallenen, Verwundeten, Sterbenden, Erhängten und Erschossenen, die riesige rote Flamme, die in der Eisluft einer Winternacht über angezündeten Dörfern steht, der Leichnam des eigenen Pferdes wie auch die akustischen Eindrücke, Sturmgeläute, Granateinschläge, das Pfeifen der Kugeln, verzweifelte Schreie, unbekannt von wem - all das geht niemals vorbei, ohne sich zu rächen.“

Ich lasse das Buch sinken und schaue vom Fenster unserer Pension auf die jahrhundertealte Brücke in Visegrád. Sie spannt sich nach wie vor über Drina, während ihre ältere Schwester in Mostar neu gefügt werden musste, gesprengt vor einem Vierteljahrhundert. Die Sonne scheint auf die zwei Handvoll Steinbögen, am Flussufer sitzt ein Eisvogel und lässt seinen Bauch mit dem Morgenrot um die Wette leuchten.

Gaito Gasdanows eingangs zitierten Sätze stammen aus den vierziger Jahren, verfasst als Fazit seiner Erlebnisse im russischen Bürgerkrieg - als jugendlicher Weißgardist. Sie scheinen mir frisch angesichts der Schatten, die noch über dem dinarischen Gebirge hängen.

Eine Balkanreise, unser verbeulter Dacia, zwei Frauen und ein Mann – zwei von ihnen ein Paar. Die erste Nacht in der Puszta, die erste Besichtigung hinter der serbischen Grenze. Subotica. Ein Städtchen im Jugendstil, bunte Häuser, Majolika, dichtbesuchte Cafés und Parks. Drumherum vertrocknete Maisfelder bis zum Horizont. Mit uns ein Stapel Lektüre. Meine Freundin steigt mit Lily Kings „Euphoria“ ein, mein Freund liest Zoltán Danyis frisch gedruckte „Kadaverräumer“, ich „Die undankbare Fremde“ von Irena Brežná. Achtzehnjährig emigrierte sie 1968 von der Tschechoslowakei in die Schweiz und brauchte lange, um davon berichten zu können, sich einzurichten mit sich. Ein trauriges, ein wütendes Büchlein. Die Sätze Brežnás sind kurz und präzis: „Um mich ans fremde Klima anzupassen, musste ich Erfahrungen von ganzen Generationen in einer einzigen Lebenszeit bewältigen, die Evolution meiner Art beschleunigen.“

Wir tuckern durch Serbien und mein Freund erfreut sich an der umgekehrten Reiserichtung seines Protagonisten. In den "Kadaverräumern" fährt der Held nach Ungarn, schmuggelt Benzin zurück nach Serbien oder läuft pupsend durch Berlin, die Auskünfte von der Rückbank sind rätselhaft, aber heiter. In Belgrad lege ich die undankbare Fremde mit gemischten Gefühlen beiseite und beginne zwischen Nationalmuseum, Fußballspiel und Wanderungen von der Donau am Hotel Moskau entlang bis zum sozikulturellen Zentrum an der Save mit Gasdanow, dessen "Nächtliche Wege" mich erst kürzlich berauschten. "Das Phantom des Alexander Wolf" ist der dritte Roman des russischen Exilanten, der durch Paris streunte und hin-schaute wie kein anderer. In diesem Buch lässt er seinen Ich-Erzähler, welcher als Soldat im Bürgerkrieg einen Mann erschossen hatte, an dieser Tat verzweifeln und konfrontiert ihn schließlich mit dem Verfasser einer Erzählung, die eben diesen "Mord" beschreibt - aus Sicht des Opfers. Eine höchst komplexe und beglückende Lektüre, die weit über ihren Gegenstand hinausreicht.

„Ich wusste von mir selbst, dass die normalen menschlichen Vorstellungen vom Wert des Lebens und von der Notwendigkeit der grundlegenden Moralgesetze – nicht töten, nicht rauben, nicht vergewaltigen, Mitleid haben -, dass sie sich nach dem Krieg zwar langsam in mir wiederhergestellt, ihre frühere Überzeugungskraft jedoch verloren hatten und nur noch ein theoretisches Moralsystem waren, mit dessen relativer Gültigkeit und Notwendigkeit ich prinzipiell einverstanden zu sein hatte.“

Wir haben Sarajevo erreicht, die bosnischen Feuer in den Bergen und das Kohlekraftwerk von Zenica passiert, eine Nekropole und mystische Pyramiden gestreift, ein weiteres Fußballspiel gesehen und nationalen Gesängen gelauscht. W-Lan gibt es überall, Nachttischlampen nirgends. Ich bin froh, dass ich mir Marina Achenbachs "Ein Krokodil für Zagreb" als e-book ausgeliehen habe. Die Sonne geht in grandiosem Schauspiel unter, wir stehen auf einem Berg und lauschen den Lautsprechergesängen der unzähligen Moscheen, die uns in die Nacht hinein begleiten.

Wenige Tage später sehen wir im Genozid-Museum in Mostar ein Video über die Belagerung Sarajevos. Sequenzen zeigen die Kinder, die Künstler, die Alten. Den Winter, die Nächte. Krieg, Beschuss, zerstörte Wohnungen, kein Wasser, kein Strom. Menschen, die vor Minuten erschossen wurden. Ein Mann kratzt mit einer Schaufel Blut vom Eis. Daneben ein Schlitten im Schnee, eine hellblaue Pudelmütze. Meine Freundin und ich sitzen weinend vor dem Museum, mein Freund legt die "Kadaverräumer" beiseite. Wir schweigen und schauen auf die Stadt, die sich in ihrer Mitte wie eine Muschel öffnet. Darin eine Schlucht, ein Fluss und eine Brücke. Zwei Teile mit eigenen Fußballclubs und Gotteshäusern. Tausende Touristen, außer am frühen Morgen. Da gehört der Fluss den Eisvögeln, die Brücke den Hunden.

Auf der Insel Hvar heißt es nur noch: lesen oder baden. Die Bücher wandern zwischen uns und ich lese "Die Kadaverräumer" in zwei Tagen aus, atemlos. Meine Freundin frisst sich durch den Gasdanow, mein Freund ist schon beim zweiten, "Ein Abend bei Claire". Krieg allerorten, zwischendurch die Bucht rechts lang schwimmen, oder links. Während meine Freundin sich an Stanišićs "Vor dem Fest" macht, weil ich ihr zehn Tage lang von seinem Erstling angesichts der Handlungsorte vorgeschwärmt habe, schwimme ich auf der Melodie Zoltán Danyis durch das Grauen des Bürgerkrieges. Ähnlich wie Andrej Nikolaidis benutzt der Autor kaum Satzzeichen, genauer gesagt, endet jedes Kapitel mit einem Punkt. Darin verschnitten verschiedene Szenen, Orte, Zeiten. Ein Protagonist ungarisch-serbischer Abstammung, der durch Europa taumelt, den Krieg im Gepäck. Nach dem eher rückwärtsgewandten, melancholischen Roman der Achenbach über eine kroatisch/bosnisch/ostdeutsche Familie und ihre zerrissene Sippenführerin, (der übrigens tatsächlich auf unsere Insel führte), ist Danyis Kriegsgesang ein Schlag ins Gesicht. Sein Held steht in Budapest im Stau und denkt über Frauen, Pistolen, das Hotel Moskau in Belgrad und tote Tiere nach, über das bevorstehende Treffen ehemaliger Kadaverräumer und eine Debatte im Restaurant eines seiner Auftraggeber;

..."die drei Typen am Nebentisch darüber führten, wessen Nationalspeise das Cevap sei, die der Serben, der Kroaten oder der Bosnier, und natürlich dampfte vor jedem der drei Typen ein Teller mit Cevap, die kleinen Fleischröllchen lagen nebeneinander auf in Würfeln geschnittenen lila Zwiebeln, wie Munition, und während sie das Essen in sich hineinstopften, verkündete der eine Typ, ein Hagerer mit knochigem Gesicht, dass der Cevap ein serbisches Nationalgericht sei, das sei es immer gewesen und bleibe es für immer; der andere, ein Typ mit rundem Gesicht und Neigung zur Schweißbildung, dessen rabenschwarzes Haar glänzte, behauptete etwas leiser, aber ebenso bestimmt, dass der Cevap keine serbische Erfindung gewesen sei, die Serben hätten es nämlich von den Bosniern übernommen und nur insofern erneuert, als sie Schweinefleisch untermischten; das ist Blödsinn, tönte der mit dem knochigen Gesicht, und nachdem die Lautstärke sein Hauptargument war, argumentierte er noch lauter, dass der Cevap ein serbisches Essen sei, die Bosnier hätten es den Serben geklaut und auch gleich versaut, fügte er hinzu, weil sie das Schweinefleisch rausgelassen haben, der mit dem rabenschwarzen Haar antwortete darauf nur, die Bosnier mischten nicht nur kein Schweinefleisch in den Cevap, sondern ursprünglich auch kein Schaf, sondern nur Rind; das ist es ja, warf der mit dem knochigen Gesicht ein, genau davon rede er, was für Idioten die Bosnier sind; worauf der Schwarzhaarige weiterhin gelassen fortsetzte, dass die Frage nicht sei, wer die Idioten sind, sondern was eher da war, der bosnische oder der serbische Cevap, und die Wahrheit sei, dass der bosnische eher da war, aber das bedeute nicht, dass der Cevap von den Bosniern erfunden worden sei, denn die haben es wiederum von den Türken übernommen, also stammt der Cevap eigentlich von den Türken und ist von den Türken über die Bosnier zu den Serben gelangt, die dem Rindfleisch auch auch Schwein und Schaf hinzugefügt haben, sagte er, und ehrlich gesagt, schmecke auch ihm der serbische Cevap besser, gerade, weil er aus drei Sorten Hackfleisch gemacht wird; hier meldete sich der dritte Typ zu Wort, ein unfreundlicher Kerl mit narbigem Gesicht, der bis jetzt nicht am Gespräch teilgenommen hatte, sondern nur wortlos die Fleischröllchen in sich hineingestopft hatte, doch nun verkündete er..."

p.s. Lesung mit dem Autor und seiner ÜbersetzerinTerézia Mora ist am Donnerstag, den 18. 10. im lcb

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