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Verstrickungen – Zu Fridolin Schley "Die Verteidigung"

Verstrickungen – Zu Fridolin Schley "Die Verteidigung"

Jan Kuhlbrodt
Autor und Philosoph

*1966 in Karl-Marx-Stadt
Studium in Leipzig und Frankfurt am Main
Redakteur bei EDIT und Ostraghege
freier Autor
letzte Veröffentlichungen: Kaiseralbum (Verlagshaus Berlin), Das Modell (Edition Nautilus), Die Rückkehr der Tiere (Verlagshaus Berlin)

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Jan KuhlbrodtSonntag, 10.10.2021

Wir sind alle Nachkommen. So banal diese Feststellung ist, so dramatisch sind ihre Konsequenzen, denn aus dieser Nachkommenschaft ist zwar unmittelbar keine Schuld abzuleiten, aber Verantwortung und Schuld ergibt sich dann, wenn wir dieser Verantwortung nicht gerecht werden.

Zuletzt habe ich auf dieser Seite über den Roman „Mitgift“ von Henning Ahrens geschrieben, die dieses Verhältnis im Zusammenhang mit einer großbäuerlichen Geschichte in Norddeutschland problematisiert. Einer Geschichte, welcher nicht zu entkommen ist, und die, wenn sie ignoriert wird, die Protagonisten sich nur umso mehr verstricken lässt. Und wenn Ahrens schon im Titel des Romans letztlich auf ein Erbendes anspielt, wird im hier vorliegenden Buch „Die Verteidigung“ eine Konstellation ins Zentrum gerückt, die schon in der Hegelschen Geschichtsphilosophie einen ethischen Ausgangspunkt bildet. Das Gesetz des Staates gegen das der Familie. Und vielleicht ist das Entbergen der Wahrheit aus einem solchermaßen verstrickten staatlich-familiären Verhältnis noch einmal schwieriger.

„Die Distanzierung des Vaters gelingt zu gut. Je enger Richard in den letzten Monaten an ihn herangerückt ist, desto weiter scheint sich der Vater immer wieder auch von ihm zu entfernen, wie eine Spiegelung von etwas, das ganz woanders ist.“

Fridolin Schley schildert ein solches Verhältnis nun in einem komplexen Zusammenhang. Einen, in dem die Nähe zu Regierungshandeln den Zusammenhang nur umso mehr hervortreten lässt.

Richard von Weizsäcker arbeitet der Verteidigung seines Vaters zu, der 1947 im zweiten Kriegsverbrecherprozess in Nürnberg auf der Anklagebank sitzt. Aus dieser Konstellation entwickelt Fridolin Schley ein mitreißendes Romangefüge, das neben dem unmittelbaren Geschehen im Prozess ein Panorama deutscher und europäischer Geschichte in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts aufreißt. Und es zeigt die Verstrickungen, die sich aus einem aristokratischen Bewusstsein von Pflicht und Treue ergeben. Ein untergründiger Glaube an das Völkische und die Nation.

„Vielleicht wünscht sich Richard manchmal, der Vater würde wenigstens in seinen Memoiren etwas offener über die Tötungsmaschinerie und seine Rolle dabei nachdenken, statt sich in großtaktischen Überlegungen zur Neuordnung Europas zu ergehen, er verliert sich darin, im Knäuel der Pakte, dem Zuständigkeitsstreit mit der Römischen Kurie – strategisches Kriegsspiel, da ist der Vater in seinem Element.“

Richard kämpft mit sich, wiewohl er weiß, dass zur Verteidigung Verbiegungen gehören und die subjektive Sicht auf die Dinge entsprechend beleuchtet. Aufgrund der strategischen Situation gibt es ein Missverhältnis zwischen Gedachtem und Geäußertem und unterschiedliche Einschätzungen der Sachverhalte durch die Vertreter der Anklage und der Verteidigung. Besonders dramatisch werden diese Verschiebungen, wenn es um diplomatische Dokumente hinsichtlich der Deportation und Ermordung der jüdischen Bevölkerung Europas geht.

„Sie ist Richard inzwischen vertraut, die Diplomatensprache, und zugleich fremd, das macht sie ihm immer wieder unheimlich in ihrer kühlen Funktionalität, ihren Amtsformulierungen und dem sperrig verschachtelten Gefüge, dessen karge Korrektheit oft mehr verschleiert als ausdrückt.“

Eine Art Gegenwelt zu Schuld und Verstrickung übrigens scheint auf, wenn ein Licht auf die Simultandolmetscher im Prozess geworfen wird, meist Nachkommen von Emigranten, oder Emigranten selbst.

„Untereinander sprechen sie Englisch, halten Distanz zum Tätervolk, wenigstens hier.“

Fridolin Schley, der 1976 geboren ist, ist nach enormer Recherche ein sprachlich großartiger und mitreißender Roman gelungen. Einer, der beleuchtet, was auch unsere Gegenwart noch grundiert.

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