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Literatenfunk

Ungeheuer — das Musical!
Monika Rinck
Autorin
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piqer: Monika Rinck
Sonntag, 22.01.2017

Ungeheuer — das Musical!

Blau zugemischtes Violett, hoch energetische, plakative Linien, abstrakte Explosionen, zackige Sprachblasen, ein anverwandeltes Batman-Emblem, ein sehr reduzierter Schädel. Glühbirne der Existenz und ein loser Beistrich am unteren Rand. Hier wurde ein Ungeheuer offenbar in seine Einzelteile zerlegt, und eines der Einzelteile ist die Sprache. „Ungeheuer" ist der Titel und „Stücke, Gedichte“ lautet die Gattungsbezeichnung für die Texte, die uns in diesem von dem Graphiker Andreas Töpfer fabelhaft gestalteten Buch erwarten.

Martina Hefters süperber und hybrider Lyrikband ist ein Raum, ein Bühnenraum, aber er ist auch das Allgäu, mit seinen monströsen Legenden, seinen in Stirnhöhe abgebrochenen Zweigen und übergroßen Pfoten. Eröffnet aber wird das Buch mit dem „Musical mit Ungeheuer“, im juvenilen Erholungspark der Apokalypse, könnte man sagen. Aber das Szenario hat noch sehr viele andere, eher irdische als endzeitliche Aspekte, zum Beispiel den perfekt gepflegten Rasen, über den von Zeit zu Zeit süße Trümmer wehen. Die Stadt ist mit Efeu zugewachsen, die Personnage des Musicals besteht aus einigen Wesen aus dem Supermarkt, der Kioskmum, dem in die Stadt zurückgekehrten Ungeheuer, einer Gruppe von Gartenrobotern, wilden Hunden und anderen Tieren, außerdem diversen Entitäten zu denen sowohl Nasenbluten als auch Scheitern, sowie Gesang und Tanz gehören.

Hefters Buch nimmt den so genannten performativen Turn, der sich im Bereich der Lyrik seit einigen Jahren andeutet, ernst – und sehr unerst zugleich. Es könnte sein, dass ich eine Partitur lese, deren Realisierung noch aussteht, aber vielleicht ist diese Partitur auch schon die ganze Realität. Das ist virtuos, beunruhigend und unendlich komisch. Die Bühnenanweisungen installieren eine Atmosphäre, in der der Text räumlich wird. Die Sprechanweisungen kann ich als Leserin freilich ignorieren, kann sie aber auch als Zutat nehmen, die mir freundlicherweise (aufs Haus!) hinzugereicht wird.

Musizierende Menschen erhalten Besuch vom Ungeheuer und erschaffen mit seiner Hilfe ein monströses Menschenbild, oder handelt es sich nicht vielmehr um ein menschliches Monsterbild? Die Kioskmom doziert poetisch über ihre Geschäfte und fragt nach der Unterscheidung, zwischen den verbliebenen Menschen, den Versklavten und den Unversklavten, den Robotern, den tierischen Wesen – und das Konfetti des Posthumanismus geht über all dem hinab. Ein Schauer, ein Reigen, worin sich Cyborgs, Meerschweinchendarsteller, Diven, Schoßhunde und Aliens unter der gemeinsamen Regie von Donna Haraway und Busby Berkeley um Rokoko-Fontänen drehen. Und diese Fontäne ist das Gedicht. Und ist es nicht. Am Ende bleibt der musizierende Mensch alleine zurück.

Doch schließt sich sogleich ein neues Kapitel an: Der Chor der Lästerer. „Du Toaster in einer Welt die Toastbrot nicht kennt!“ – und das ist erst der Anfang, furios, infantil und bösartig gesprenkelt. Und die Perfektion des Buches ist auch jetzt noch nicht an ihr Ende gekommen: Es folgt ein Zyklus über die Arbeit, auch über die Arbeit unterbezahlter Performerinnen, und am Ende: Der Yeti. Der Yeti! Mehr muss ich an dieser Stelle vielleicht gar nicht sagen.

Martina Hefter: UNGEHEUER. Stücke / Gedichte. kookbooks, Berlin 2016.

8,9
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