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Literatenfunk

Über die Schwester hinaus
Jan Kuhlbrodt
Autor und Philosoph

*1966 in Karl-Marx-Stadt
Studium in Leipzig und Frankfurt am Main
Redakteur bei EDIT und Ostraghege
freier Autor
letzte Veröffentlichungen: Kaiseralbum (Verlagshaus Berlin), Das Modell (Edition Nautilus)

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piqer: Jan Kuhlbrodt
Samstag, 07.12.2019

Über die Schwester hinaus

Man denkt ja manchmal, aus dem Amerikanischen sei alles, zumindest alles Wesentliche ins Deutsche übertragen, doch das scheint so ein typischer Männergedanke zu sein, und natürlich kommt ein solcher nur auf, um im selben Moment korrigiert zu werden. Beziehungsweise wundert man sich angesichts der Korrektur massiv über diesen Gedanken, von dem man stillschweigend und fast unbewusst ausgegangen war. 

Ich korrigiere hier das „man“ nicht zu einer Form, die den Anklang an „Mann“ geschlechtsneutral verbirgt, weil der Gleichklang an dieser Stelle wahrscheinlich leider angebracht ist. Jedenfalls bereitete es mir keine Schwierigkeiten, deutschsprachige Ausgaben der Werke des Psychologen und Philosophen William James oder seines Bruders, des Belletristen Henry James zu finden. Beide gelten jeweils in ihrer literarischen oder wissenschaftlichen Sparte als einschneidende Ereignisse, als Begründer einer je eigenen Tradition. Aber, und das ist ein „Aber“ mit sehr großem „A“, die beiden hatten eine Schwester: Alice James.

Und Alice James hat ein Tagebuch geführt, das in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien als einer der frühen und gründenden feministischen Texte gilt und der bislang noch nicht in einer deutschen Übersetzung vorliegt. 

In wacher Beobachtung ihrer Zeit nimmt darin die Zeit ihres Erwachsenseins erkrankte Alice James ihr familiäres privates Umfeld, aber auch ihre politische Umgebung wahr, von erwachender Bürgerrechtsbewegung bis hin zum sich entwickelnden Feminismus. Geprägt war ihre Zeit darüber hinaus auch von den Ereignissen und Ergebnissen des Amerikanischen Bürgerkriegs.

Alice wird 1848 geboren, wächst in New York auf, und sie stirbt 1892 in England an Brustkrebs. Bei ihr wurde in früher Jugend eine psychische Erkrankung diagnostiziert, die im Allgemeinen unter Hysterie firmierte, da in diesem Bereich die diagnostischen Möglichkeiten noch unterentwickelt und die Krankheitsbeschreibungen sehr vage waren. Was viele heute im übrigen nicht daran hindert, die Worte "Hysterie" und "hysterisch" in einer Art zu gebrauchen, die die so Markierte (es sind doch zumeist Frauen) herabwürdigt, bzw. ihr eine krankhafte psychische Eigenschaft unterstellt, wo sie sich nur den geltenden gesellschaftlichen Konventionen nicht unterwerfen will.

Simone Scharbert hat nun im Verlag Edition Azur ein Buch vorgelegt, das „du, alice“ heißt, und im Untertitel „eine anrufung“.

Man merkt, meine ich, dass Scharbert aus der Lyrik kommt, denn das Buch setzt sich aus wenigen Kapiteln zusammen, die eine Jahreszahl tragen (die letzten Lebensjahre von Alice James) und in dichten sprachlich streng durchkomponierten Absätzen das Leben der Protagonistin aufrufen. Das Außerordentliche dabei ist, dass der Text die Frau, um die es geht, zur Angesprochenen macht, und ihr somit eine Souveränität zugesteht, die sie sich zeitlebens innerlich erkämpfen, erschreiben, erarbeiten musste.

Spannend zudem ist dabei, wie sich zum Beispiel Henry James mit Verweis auf Familiengebrauch einiger literarischer Wendungen bedient, die Alice in den Diskurs eingeführt hat, oder die enge Beziehung zu ihrem Bruder William, und zu Katharine, die später auch dafür sorgt, dass das Tagebuch veröffentlicht wird.

Ich jedenfalls bin dem Verlag und der Autorin für das sprachlich gelungene und schön gestaltete Buch sehr dankbar, das mir einen weiteren Baustein zur Geschichte unserer Gegenwart eröffnet.

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