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Literatenfunk

TRAM 83. Von wegen Hieronymus Bosch. Fiston Mwanza Mujila!
Annika Reich
Autorin
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piqer: Annika Reich
Montag, 31.10.2016

TRAM 83. Von wegen Hieronymus Bosch. Fiston Mwanza Mujila!

TRAM 83 von Fiston Mwanza Mujila ist ein wunderbar eigenartiges Buch. Ich wusste bis zur letzten Seite nicht, welche erzählerischen Strategien in diesem Text am Werk sind und warum es so herausragt aus all dem, was ich in letzter Zeit gelesen habe.

Der Roman spielt in einem Nachtclub – dem TRAM 83 - in einer afrikanischen Großstadt (Stadtland), und wenn ich ein bisschen mutiger wäre, dann wäre das ein Ort, an dem ich gerne mal eine Nacht verbringen würde – und dass obwohl oder gerade weil das TRAM 83 gleichermaßen abstoßend wie anziehend ist, oder wahrscheinlich sogar noch abstoßender als anziehender.

In Stadtland leben drei Kategorien von Menschen: Jene, deren Leben sich tagsüber abspielt, also vor allem Beamte; Nachtwandler, zu denen die Studenten, die Grubenarbeiter, die Küken, die gewinnorientierten Touristen und die Freunde des abtrünnigen Generals gehören; und die Hartgesottenen. Dazu gehören die Single-Mamis, die Organhändler, die Kindersoldaten, die Apostel, die Kellnerinnen und Aushilfskellnerinnen, die Musiker aus Ex-Zaire, die Straßenräuber und andere Diebe. 

Was Küken und Single-Mamis sind und welche Rolle der abtrünnige General spielt, erschließt sich nach und nach und auch nicht vollständig, und auch die beiden Hauptfiguren bleiben an vielen Stellen rätselhaft: Lucien, der Schriftsteller/Dramatiker, der Softie und Requiem, der Geschäftsmann/Kriminelle, der Aufschneider. 

Die beiden Männer sind ständige Gäste des TRAM 83 und leben aus einem Grund, der sich mir bis zum Schluss nicht erschlossen hat, gemeinsam in einer Wohnung. Es kann aber auch sehr gut sein, dass ich den Grund für diese seltsame WG überlesen habe, denn schnell liest man dieses Buch, muss man es lesen, wenn man seinem Rhythmus folgen will. Zurückzublättern verbietet der Takt.

So bleibt eben einiges unklar. Warum beispielsweise die Frage „Was sagt die Uhr?“ so etwas wie der Refrain des TRAM 83 ist. Ich vermute, sie soll den Aufbruch in eine gemeinsame Nacht einleiten, aber sicher weiß ich das nicht. Diese Ungereimtheiten - ob sie nun auf mein Lesetempo bzw. mein löchriges Gedächtnis zurückzuführen sind oder nicht - funktionieren wie Wachmacher.

Ich finde den Roman so überbordend-rasant wie taumelnd, unmoralisch wie witzig. Er schafft es, sowohl inmitten als auch auf der Metaebene zu spielen und wechselt die Register so lässig, dass man beim Lesen immer wieder überrascht ist. So reflektiert er die Sicht der westlichen „Soziologen, Anthropologen und all der anderen Veterinärmediziner“ auf das Geschilderte, indem er beispielsweise eine Forschungsfrage für die Wehster vorschlägt, die so treffend formuliert ist, dass ich trotz Schamgefühl über die eigene anthropologische Vergangenheit laut lachen musste: „Gute Nachbarschaftsbeziehungen oder Poetik einer urbanen Migration. Straßenmenschen und streunende Hunde: Versuch einer soziokritischen Analyse.“ Wunderbar auch, wie der Autor immer wieder und in Klammern Referenzen an erfundene Tim und Struppi – Hefte einbaut: Tim und Struppi in Simbabwe etc.

Vielleicht ist es eben diese Mischung, die mich so begeistert hat: aus einer Erzählung, die sich nicht kanalisieren will, und einer Metaebene, die nicht nur westliche Klischee-Zuschreibungen und Absurditäten, sondern auch Erzählverfahren reflektiert. An einer Stelle schreibt der Autor über Luciens Text: „Man merkt, dass bei großen Teilen gepfuscht wurde, dass dieser oder jener Satz kurzsichtig ist, dass die Nebensätze den Rhythmus aus dem Gleichgewicht bringen, dass die Figuren an ihrem Schicksal zerbrechen und in Depressionen verfallen, dass ... man den Text an die Hunde oder andere Aasgeier der Zweiten Republik verfüttern kann...“

Warum Le Monde Fiston Mwanza Mujila mit Hieronymus Bosch und Gabriel García Marquez in Verbindung bringt: keine Ahnung! Es kommt mir jedenfalls wie eine Eingemeindung aus Verlegenheit oder wie ein Aufwertungsversuch eines Debütanten vor, den dieser Roman nicht nötig hat – ganz im Gegenteil. Mir gefällt er gerade deswegen so besonders gut, weil er in seinem Stil nichts ähnelt, was ich kenne. Und vielleicht lese ich ihn jetzt gleich noch einmal. Was sagt die Uhr? 

9,1
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