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Tomi Ungerer: "Die Gedanken sind frei – Meine Kindheit im Elsaß"
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Mittwoch, 07.02.2018

Tomi Ungerer: "Die Gedanken sind frei – Meine Kindheit im Elsaß"

Nachdem ich ungefähr 100 Mal Nadia Buddes schönes "Kurz nach sechs kommt die Echs" gelesen habe, bin ich auf die Idee gekommen, einfach jeden Tag ein neues Kinderbuch zu kaufen, um vom Vorlesen auch wieder selbst etwas zu haben. So kam es, daß ich Tomi Ungerer für mich entdeckt habe, von dem zum Glück ein umfangreiches Werk vorliegt. Begonnen hat es für mich mit "Das Biest des Monsieur Racine", einer Geschichte, die auch Andreas Merkel rührend finden würde, weil es um einen alleinstehenden, pensionierten Steuereinnehmer geht, in dessen Garten ein nicht näher zu identifizierendes "Biest" auftaucht, mit dem er sich aber nach anfänglicher Scheu anfreundet, um gemeinsam auf dem Sofa Grammophon zu hören und Fässer voll Eiscreme zu essen. Auffällig ist, daß der sprachliche Ausdruck hier einmal nicht – als seien Kinder unzurechnungsfähig –, Conny-Buch-mäßig neutralisiert wurde. Auffällig sind aber auch die morbiden Details im Hintergrund der Handlung, das Buch kulminiert in "Wimmelbildern des Grauens", auf denen man so interessante Dinge entdeckt, wie einen Mann, dem ein Regenschirm im Schädel steckt, oder einen Landstreicher mit einem blutenden, abgeschnittenen Fuß im Säckchen. Ist es richtig, seinem Kind so etwas zuzumuten? Die Eltern-Meinungen in den amazon-Kritiken gehen, wenig überraschend, weit auseinander. Ungerer mußte sich mit solchen Vorbehalten immer wieder auseinandersetzen, er sagt dazu, daß Kinder Angstgefühle reizvoll finden, es gehe ja darum, sie zu überwinden (und in seinen Büchern habe nie ein Kind Angst.) Er war einer der ersten, die das Kinderbuch entniedlicht haben. (Sein Freund Maurice Sendak nennt in "Far Out Isn't Far Enough", einer sehr sehenswerten Ungerer-Dokumentation von 2012, die Kinderbücher, die es in den USA bis dahin gab, in ihrer kitschig-niedlichen Reizlosigkeit eine "conspiracy against children".) Der Sinn für das Absurde, die Schockmomente, die Freude an enthemmter Erotik, die Liebe zu mechanischen Spielereien (er stammt aus einer Uhrmacherfamilie) aber auch die Abscheu vor Gewalt und der Humor kommen bei Ungerer nicht von ungefähr. Das wird klar, wenn man "Die Gedanken sind frei – Meine Kindheit im Elsaß" liest, das die teilweise traumatischen Erlebnisse seiner Kindheit erzählt. Ungerer wurde 1931 in Straßburg geboren, das zu dem Zeitpunkt mal wieder zu Frankreich gehörte, aber nicht mehr lange. Mit 3 1/2 Jahren verliert er seinen Vater, der an einer Blutvergiftung stirbt. 1940 besetzen die Deutschen das Elsaß, eine Tradition, mit der Ludwig XIV. schon im 18.Jahrhundert begonnen hatte. Mit einem Mal war es streng verboten, auch nur ein Wort Französisch zu sprechen. Ungerer mußte Deutsch lernen. Zuhause war er jetzt Franzose, auf der Straße Elsässer und in der Schule Deutscher. Er sagt selbst, daß es nicht schwer sei, eine Sprache in vier Monaten zu lernen - mit dem Messer an der Gurgel. Die deutschen Soldaten leerten die Geschäfte, denn der Franc war auf 5 Pfennige festgesetzt worden. 1941 wurde "das Tragen der Franzosenmützen" im Elsaß verboten. Den Ehering mußte man jetzt rechts tragen wie in Deutschland. Wasserhähne und Salz- und Pfefferstreuer mit französischer Beschriftung mußten ausgetauscht werden. Ohne staatliche Genehmigung durfte man nicht mehr in einem Larousse nachschlagen. Der Krieg ging zu Ende mit wochenlangen Bombennächten im Keller, mitten auf der Frontlinie. Nach der Befreiung ging es Ungerer in der Schule noch schlechter, weil nun Deutsch verboten war und die Franzosen die deutsche Literatur aus der Schulbibliothek entfernten und verbrannten, auch Goethe und Schiller (und nebenbei zerschmetterten sie, wie er schreibt, auch die Gipsbüsten der griechischen und römischen Philosophen). Die Elsässer wurden an ihrem Akzent erkannt und galten als "sales boches". ("Im Elsaß gibt es folgenden Witz: Ein Elsässer hieß Lagarde, die Deutschen übersetzten seinen Namen in Wache, die Franzosen sagten Vache, die Deutschen übersetzten das in Kuh, die Franzosen sagten Cul.") Einen Vortrag auf einem Psychologenkongreß, sagt Ungerer, habe er einmal mit der Aussage begonnen, daß man einem Kind zu Charakter verhelfen könne, wenn man es traumatisiere. Er wiederholt das gerne lächelnd in Interviews, man merkt aber, daß hier eine sensible Seele sich durch Angriff vor der Welt verteidigt.

1956 ging Ungerer in die USA, wo der nächste Schock wartete, nämlich zu erleben, daß im Land der Befreier vom Faschismus immer noch Rassentrennung herrschte. Ungerer ist mit 25 Jahren und 60 Dollar in der Tasche auf einem Frachter nach New York gefahren und hat sich dort in kürzester Zeit als Grafiker und Kinderbuchautor durchgesetzt. (New York, sagt er, war damals eine Insel für "cultural refugees" aus den ganzen USA.) Es war die hohe Zeit der Grafik und Illustrationskunst, denn vor dem Fernsehzeitalter floß viel Geld aus Werbeetats in Magazine. Da es noch kein Internet gab, konnte Ungerer lange unbemerkt zweigleisig arbeiten, einerseits drastische Anti-Vietnamkriegs-Plakate (1972 hat er für Willy Brandts Wahlkampf Plakate entworfen), tabulose Erotik und bittere Gesellschaftssatiren, andererseits prämierte Kinderbuchklassiker (er hat aber auch Barbie-Puppen gebraten, Drachen gebaut, das Plakat für Kubricks Dr. Strangelove gestaltet und viel später an einem Kindergarten in Karlsruhe mitgewirkt, der die Gestalt einer Katze hat, architecture parlante). Irgendwann platzte die Bombe, er kam auf den Index, seine Bücher wurden aus den amerikanischen Bibliotheken entfernt. 25 Jahre macht er keine Kinderbücher mehr. Er baut sich eine Farm in Nova Scotia in Kanada auf, später zieht er nach Irland, wo er sich zuhause fühlt. Den Iren ist er so dankbar, daß ihm in "Far Isn't Far Enough" die Tränen kommen, wenn er darüber spricht.

"Die Gedanken sind frei" ist 1993 erschienen und erzählt von Ungerers ersten Lebensjahren bis zum Erwachen der Libido beim Betrachten des Einbands einer Ausgabe von Zolas "Le docteur Pascal", der eine halb nackte Frau zeigt, die in lasziver Pose vor einem Mann mit weißem Bart (Doktor Pascal?) liegt. Ungerer berichtet aber nicht nur, er arrangiert umfangreiches Bildmaterial aus seinem Archiv, denn, wie er gleich am Anfang bekennt, wie schon seine Mutter werfe er nichts weg. Und das ist mir als jemandem, der sich außerstande sieht, sich von seinen Schulheften zu trennen und dafür oft genug belächelt wird, ausgesprochen sympathisch. Ungerer, der in seinen Arbeitsräumen (hier kann man ihn dort besuchen) alle möglichen Kuriositäten sammelt (seine Spielzeugsammlung lieferte die Vorlage für die wundervollen philosophisch-grotesken Miniaturen in "Papa Schnapp und seine noch-nie-dagewesenen Geschichten"), zeigt seine Schulhefte, seine Kinderzeichnungen (darunter eine seiner ersten Aufgaben für die Schule, sie sollten einen Juden zeichnen), Fotos, Spielzeug, Aufgaben aus dem Schulbuch ("Fritz hat für seine Jungvolkuniform ausgegeben: ..."), Zeitungsausschnitte, Postkarten, Flugblätter für deutsche Soldaten ("Wer als Fahrer sich mit mehr als zehn Mann ergibt, wird besonders gut behandelt.") und vieles mehr. Obwohl man eigentlich meint, über diese Epoche umfassend informiert zu sein, ist das Material reich an Überraschungen. Das Nebeneinander von Grauen und Alltag hat mich an Kempowskis "Tadellöser&Wolff" erinnert. Man erfährt, daß Eier im Keller in Sandsteintöpfen verwahrt wurden, die mit "Wasserglas" gefüllt waren (Kaliumsilikat), und man liest eine Anzeige für UHU, die einen Panzer zeigt:

"Modellbau ist kriegswichtig! Auch der Nachbau von Heerestypen ist ein Teil vormilitärischer Erziehung. Für diese Modellbauarbeiten hat die Schuljugend daher ein besonderes Recht auf UHU - Der Alleskleber."

Oder auch diese Anzeige für das HJ-Fahrtenmesser:

"Zelten, Kochen, Essenfassen/ kann der Horde nur so passen./ Flugs gilt es das Holz zu holen/ Mancher Junge blickt verstohlen/ auf des Nachbars Fahrtenmesser./ Wer es hat, dem geht es besser,/ weil er beim Kartoffelschälen/ sich nicht lange braucht zu quälen;/ schneidet auch ohn' große Not/ Scheiben ab von Wurst und Brot/ bricht durchs Dickicht sich die Bahn,/ Fahrtenmesser hilft voran!"

Ungerer ist so ehrlich, die Faszination des Jugendlichen für solche Dinge einzugestehen: "Fraglos haßte ich die Deutschen mit Inbrunst, schauen Sie sich die Bilder an. Die Familie hatte Vorrang, aber nichts hinderte mich daran, gleichzeitig auch in einem System zu funktionieren, das maßgeschneidert war, um mir zu gefallen." Nicht weniger hat er aber unter den Liebkosungen seiner schönen Mutter gelitten, mit denen sie ihn in aller Öffentlichkeit überschüttete: "Tigerle, Stinkerle, Meschtgrätzerle, Schisserle, Siidenkenjele." (Später inspirierte ihn das zu "Kein Kuß für Mutter".)

Durch das Karikaturhafte seiner Kinderzeichnugen, auf denen die Erwachsenen oft lächerlich aussehen, durch seinen lakonischen Humor, durch sein enormes Talent, und natürlich auch durch seinen späteren Erfolg im fernen Amerika, wirkt das Buch, als sei die Zeit an Ungerer abgeperlt, aber im Film äußert er sich schärfer darüber und bekennt, daß man vier Jahre unter den Nazis nicht abschütteln könne. Bis heute habe er täglich Alpträume, verhaftet zu werden. Nicht zuletzt gehört Ungerer keiner Nation an, sondern einer Minderheit, die immer wieder unter ihren beiden großen Nachbarn leiden mußte und in Europa zuhause ist. Ungerer sagt, daß der elsässische Humor wahlverwandt mit dem jüdischen sei und daß man bei ihnen jeden leiden könne, sofern er nicht arrogant sei. Die deutsch-französische Annäherung ist für ihn ein Wunder und die Europäische Union eine Herzensangelegenheit. Der Isenheimer Altar von Matthias Grünewald, den man in Colmar sehen kann, hat ihn tief geprägt und Besuche im KZ Struthof in den Vogesen haben ihm die Frage aufgegeben: "Wie kann der Mensch seine angeborene innere Bosheit, durch Dummheit gefüttert, überwinden?" Gute Kinderbücher mögen ein kleiner Schritt sein.

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