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The Pruitt-Igoe-Myth, oder: soll die Stadt Wohnungen bauen?
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Donnerstag, 07.09.2017

The Pruitt-Igoe-Myth, oder: soll die Stadt Wohnungen bauen?

In Vladimir Belogolovskys "Conversations with Architects", das ich hier demnächst besprechen will, behauptet der Londoner Architekturkritiker Charles Jencks, die moderne Architektur sei 1972 mit der Sprengung des Pruitt-Igoe-Housing-Complexes in St.Louis beendet gewesen. Für ihn ist dieses Ereignis die Geburt der Postmoderne in der Architektur. Wer, wie ich, nicht gleich weiß, wovon die Rede ist, sollte sich "The myth of Pruitt-Igoe" ansehen, Chad Freidrichs aufwühlende Dokumentation von 2012. Pruitt-Igoe war der Name eines Stadtviertels, das ab 1952 für 12000 Bewohner, die bis dahin in Slums gelebt hatten, im Norden von St.Louis errichtet worden ist. Es ist nach einem schwarzen Bomberpiloten aus dem Zweiten Weltkrieg und einem weißen Kongreßabgeordneten benannt, ursprünglich hatten dort Schwarze und Weiße (getrennt voneinander) leben sollen, aber nach den Brown-v.-Board-of-Education-Urteilen von 1954, die die Rassentrennung in den USA zumindest offiziell beendeten, ging das nicht mehr, die Bevölkerung sollte sich also mischen, mit dem Effekt, daß die Weißen relativ bald wegzogen. Die Stadt hatte Slumgebiete gekauft, verrottete Gebäude abreißen lassen und durch moderne und menschenwürdige Häuser ersetzen lassen. Ziel war es, die fatalen Folgen der Armut zu bekämpfen. Schon 20 Jahre später war das Viertel kaum noch bewohnt, ganze Gebäude standen leer oder waren Stützpunkte für Drogendealer. Vandalismus, Kriminalität, Schmutz und Müllberge waren nicht mehr zu beherrschen und es blieb nur der Abriß. Wie hatte es dazu kommen können? Für die einen war die Antwort einfach, der Fall wurde zum Exempel für diejenigen, die den Sinn jeglicher staatlicher Wohlfahrtspolitik in Frage stellten. Der Abriß, der im Fernsehen übertragen wurde, lieferte vor allem unter Nixon ein willkommenes Argument gegen die staatliche Einmischung auf dem Wohnungsmarkt. Armut könne nicht mit Wohlfahrtspolitik bekämpft werden, sagte Ronald Reagan später, sondern nur durch Wachstum und Jobs. War das Scheitern von Pruitt-Igoe aber wirklich vorprogrammiert gewesen? Was war überhaupt geschehen? Der Film erzählt die Geschichte des Projekts, die nicht losgelöst von der urbanen Entwicklung in den USA der Nachkriegsjahrzehnte gesehen werden kann, als die Städte zunächst durch die Industrialisierung der Landwirtschaft großen Zuzug armer Bevölkerung erlebten, was zu falschen Prognosen für die Bevölkerungsentwicklung führte, da gleichzeitig ein anderer Trend dazukam, der (teilweise subventionierte) Wegzug der (überwiegend weißen) Mittelschicht in preiswert errichtete (weiße) Vorstädte. Viele Innenstädte waren damals keine guten Orte zum Leben mehr und auch in Pruitt-Igoe saß man in der Falle, weil es keine Jobs gab oder die Wege zu den Fabriken sehr weit waren. Dazu kamen Geburtsfehler: Für Pflege, Überwachung und Instandhaltung der Gebäude in Pruitt-Igoe waren keine öffentlichen Gelder da, dafür mußten die Einwohner aufkommen, die aber überwiegend von Sozialhilfe lebten. Zudem waren Frauen mit ihren Familien nur wohnberechtigt, wenn es keinen Familienvater gab, in manchen Familien mußte sich der Vater deshalb bei Kontrollen verstecken. Wie es dazu kommen konnte, daß die Bewohner sich so isoliert fühlten, daß auf Feuerwehr- und Polizeiautos, solange sie noch auftauchten, Flaschen und Müll herabregneten, bis die Stadt das Viertel praktisch aufgab, die Heizung oft nur noch sporadisch funktionierte, der Müll nicht mehr abgeholt wurde, kann der Film auch nicht endgültig erklären (sofern man nicht einfach schließen will, daß Arme schlechte Menschen sind.) Soziologen sahen im Fall einen Beleg für die Broken-Windows-Theorie. "a monster was created", hieß es in den Medien, "public housing was labeled as unamerican, as comunist erosion of the free market." Tatsächlich war public housing ein Werkzeug der Segregation, weil neue Viertel insgeheim bereits im Vorhinein für Weiße oder Schwarze geplant wurden. Abgesehen davon, daß weiße Eigenheimbesitzer Sturm liefen gegen Wohnprojekte mit schwarzen Bewohnern in der Nachbarschaft, weil der Wert ihrer Immobilie sofort sank. Für all das gibt es ihm Film bedrückendes Archivmaterial.

Das Aufregende an dieser Dokumentation sind aber die Menschen, die zu Wort kommen, und plötzlich bekommt der "Fall" ein Gesicht, Emotionen werden sichtbar, Glücksmomente kommen zur Sprache, aber auch traumatische Erfahrungen von Gewalt. Die Zeitzeugen, die sich im Film äußern, erzählen teilweise eine ganz andere Version der Geschichte. Mehrere schildern den bewegenden Moment, als sie ihre Wohnung in Pruitt-Igoe beziehen durften. Eine Frau sagt unter Tränen, das sei der beste Moment in ihrem Leben gewesen. Denn die Slums, aus denen die Bewohner kamen, waren menschenunwürdig, wenn auch für die sogenannten Slumlords, die diese Behausungen teilweise auch noch überteuert vermieteten, äußerst profitabel. Dort hatte man zu zwölft in drei kleinen Zimmern gelebt, ihre Mutter schlief in der Küche neben dem Herd, erzählt eine Frau. Und jetzt genoß man die Aussicht aus dem 10.Stock: "Poor Man's penthouse", wie es eine Bewohnerin immer noch ungläubig nennt. (Aussicht ist ja ein Statussymbol.) Sie kam sich vor wie in einem Hotel. Wenn man die Bilder vom Anfang sieht, fühlt man sich an frühe Aufnahmen von DDR-Plattenbaugebieten erinnert, als die Substanz noch neu war und die überwiegend jungen Bewohner einen Moment des Neuanfangs erlebten. Wohnscheiben in Zeilenbauweise, Grünflächen, öffentliche Gebäude mit baubezogener Kunst, große Fensterflächen, Laternen, Sonne und frische Luft für jeden. Es würde sich lohnen, die Probleme in den östlichen Großsiedlungen nach der Wende mit dem Fall von Pruitt-Igoe zu vergleichen. (Wegzug der Mittelschicht in sanierte Altbaugebiete oder in Einfamilienhäuser, Arbeitslosigkeit, mangelnde Pflege durch Rückzug der Kommune.) Was man sagen kann ist, daß diese Plattenbausiedlungen in manchen Medien jahrelang ähnlich diskreditiert worden sind als Synonym für sozialen Abstieg wie Pruitt-Igoe, und als Ursache für die Probleme wurde oftmals die "menschenunwürdige" Architektur selbst ausgemacht (grauer Beton, Anonymität, Trennung von Arbeit und Wohnen in Trabantenstädten). Das läßt sich alles diskutieren und es soll hier nichts schöngeredet werden, aber es gab auch in diesem Fall sehr bald differenziertere Aussagen von den Bewohnern selbst. Die widersprachen aber dem Bild, denn es durfte wohl nicht sein, daß staatlicher Einfluß auf den Wohnungsbau funktionieren konnte. Allein die Euphorie, mit der Plattenbaubewohner vom Glück berichten, so eine Wohnung ergattert zu haben, sollte sich inzwischen rumgesprochen haben. Dagegen stehen die Probleme mit den Großsiedlungen nach der Wende, die wegen des Bevölkerungsschwunds und der gesunkenen Attraktivität rückgebaut werden mußten (Für St.Louis spricht ein Soziologe im Film angesichts eines Bevölkerungsschwunds von 50% bis in die 70er von einem 'Slow-motion-Katrina'). Mich hat der Film berührt, weil mir der Diskurs der Bewohner so vertraut vorkam. Die emotionalen, widersprüchlichen Erinnerungen an die Zeit in einer stigmatisierten Wohnform, oft von Menschen, die damals Kinder waren. Der Film beantwortet mir nicht die Frage nach besseren Formen von Städtebau, aber er zeigt, wie gerne die Gegner von sozialer Politik die Bilder vom Verfall benutzt haben. Aber, wie ein Stadtsoziologe im Film sagt: ist die Wohlfahrts-Politik gescheitert? Was ist genau gescheitert, wann und warum? Man habe die Verantwortung, das zu analysieren und in Zukunft besser zu machen.

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