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Literatenfunk

Teilnehmende Beobachtung – Vincent O. Carters Bernbuch

Teilnehmende Beobachtung – Vincent O. Carters Bernbuch

Jan Kuhlbrodt
Autor und Philosoph

*1966 in Karl-Marx-Stadt
Studium in Leipzig und Frankfurt am Main
Redakteur bei EDIT und Ostraghege
freier Autor
letzte Veröffentlichungen: Kaiseralbum (Verlagshaus Berlin), Das Modell (Edition Nautilus), Die Rückkehr der Tiere (Verlagshaus Berlin)

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Jan KuhlbrodtSonntag, 21.11.2021

Auf einem schwarzen Leineneinband hebt sich ein Gesicht ab. Daneben der Name des Autors: Vincent O. Carter. Und der Titel des Buches: Meine weiße Stadt und ich. Das Bernbuch. Erschienen in dieser grandiosen Aufmachung ist es im Schweizer Limmat Verlag.

Wir sind es gewohnt, die Fremden in der Ferne zu sehen. Und manchmal besuchen sie uns, suchen uns heim. Ihr Anderssein wird ihnen dann zum Stigma. Sie fallen auf.

Teilnehmende Beobachtung ist Methode der Feldforschung in den Sozialwissenschaften. Sie strebt an, Erkenntnisse über das Handeln, das Verhalten oder die Auswirkungen des Verhaltens von einzelnen Personen oder einer Gruppe von Personen zu gewinnen. Das Kennzeichnende dieser Methode ist die persönliche Teilnahme des Forschers an den Interaktionen der Personen, die das Forschungsobjekt sind. Der Forscher also mischt sich unter die Fremden.

Nun haben wir hier aber keine ethnologische Facharbeit vorliegen, sondern einen Roman, und die Fremden sind nicht Mitglieder einer Gesellschaft in abgelegenen Winkeln dieser Welt, sondern die Fremden sind Europäerinnen und Europäer, die gerade einen Krieg hinter sich haben, in dem sie von Deutschen besetzt gewesen sind, bzw. den sie auf dem neutralen Territorium der Schweiz überstanden haben. 

Beschrieben wird das Ganze von Vincent O. Carter, der 1924 geboren, selbst als Angehöriger der US-Armee an der Befreiung Frankreichs beteiligt war. Das Buch hat also autobiografischen Hintergrund und es verschweigt diesen an keiner Stelle.

Der Protagonist ist also 1944 als GI in Frankreich gelandet und wurde dort als Befreier gefeiert. Diese euphorische Aufnahme setzte sich in seinen Gedanken fest, so dass er ein paar Jahre später beschloss, sich in Europa niederzulassen, um Schriftsteller zu werden. Carter also kratzt sein Erspartes zusammen.

Der Empfang aber bei seinem zweiten Gang nach Europa fällt anders aus, als bei seinem ersten. Er ist kein Soldat mehr, der Krieg liegt einige Jahre zurück und Carter ist schwarz. Ein Umstand, der jetzt, da er keine Uniform mehr trägt, im mehrheitlich weißen Europa zumindest den Europäern sofort ins Auge fällt, und ihr Handeln ihm gegenüber bestimmt. Das fängt bei der Suche nach einem Hotelzimmer an. Man sei komplett ausgebucht, bekommt er meistenteils zu hören.

Im ersten Teil des Romans beschreibt Carter seine Versuche, sich in Paris, in Amsterdam, ja sogar in München niederzulassen. Er trifft an diesen Orten auf verunsicherte und desorientierte Menschen, die im Inneren so ziemlich zerstört sind, wie die Städte um sie herum es waren. Traumatisierte. Zumindest die, die sich auf eine Begegnung mit ihm überhaupt einlassen und ihm bei der Suche nach einer Unterkunft zu helfen versuchen, sind überwiegend Verlorene. Ein amerikanischer Bekannter, von dem er gehört hatte, er würde in München Medizin studieren, ist verschwunden, bevor Carter dort ankommt. Und überall spürt er den misstrauischen Blick der europäischen Ureinwohner im Nacken. Zuweilen wird er als spannender Exot behandelt. Letztlich lässt sich Carter in der Schweiz nieder, jener Geld-basierten Friedensinsel in den europäischen Bergen; aber:

„Die Schweiz ist besetzt, so wie die Sitzplätze eines Kinos an einem Samstagabend. Es gibt nur noch Stehplätze.“

Carters Roman beschreibt das Ganze mit Humor und in einer Sprache, die zwischen reflektierenden und hochpoetischen Passagen changiert. Ein großartiges Buch, und trotz dem es eine Zeit beschreibt, die hinter uns zu liegen scheint, ist es hoch aktuell.

Aus dem amerikanischen Englisch wurde das Buch hervorragend übersetzt von Pociao und Roberto de Hollanda.

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Kommentare 2
  1. Dietrich Welp
    Dietrich Welp · vor 15 Tagen

    Meines Erachtens auch hervorragend übersetzt. Und im Übrigen gut als Geschenk geeignet für Leute, die über den Tellerrand hinaus schauen (und denken)!

    1. Jan Kuhlbrodt
      Jan Kuhlbrodt · vor 15 Tagen

      Da haben Sie recht. Ich habe den Hinweis auf das Übersetzerpaar noch angeführt. Das muss sein!

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