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Literatenfunk

Tastenficker

Quelle: Flake: "Feeling B - grün und blau", Motor Music 2007

Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Freitag, 31.05.2019

Tastenficker

Im jenem Winter saß ich im Zug von Brüssel nach Luxemburg, eine Fahrt von drei Stunden, und las Flake, nicht "Otto Flake", wie gebildete Leser jetzt denken werden, sondern "Tastenficker", die Autobiographie von Christian "Flake" Lorenz, dem Keyboarder von Rammstein. Das unveröffentlichte Manuskript, das mir (wie stolz ich war!) zur Ansicht geschickt worden war, hatte, wie bei den anspruchsvollsten Autoren, keine Absätze, sehr kleine Schrift und einfache Leerzeilen, dafür war es äußerst anrührend und komisch, ein Werk, in dem kein Satz überflüssig war und jeder Satz stimmte, weil der Mensch, der es geschrieben hatte, stimmte.

In meiner Schulzeit, die kurz vor dem Mauerfall zu Ende gegangen war, hatte ich zu denen gehört, die gern Anschluß gefunden hätten an die Welt der Punkbands, wobei Punk damals viel mehr einschloß als heute, nur leider konnte ich gar kein Instrument spielen, was kein Problem gewesen wäre, wenn ich wenigstens eins gehabt hätte. Und im Neubauviertel, in dem ich wohnte, hörten die Jugendlichen Milli Vanilli oder Judas Priest. Daß Punks eine eigene Musik hatten, wußte ich lange gar nicht, ich kannte sie nur vom Imbiß aus dem Berliner Kulturpark, wo man ihre tollen Frisuren bewundern konnte, mit denen man, wie es schien, Dosen öffnen konnte. Aufgeklärt wurde ich vom Film "Flüstern&Schreien", einer schon bei ihrem Erscheinen legendären DEFA-Doku von 1987 über vier DDR-Bands, die eigentlich schon ein vorgezogener Mauerfall war, weil hier der Bruch zwischen denen, die sich irgendwie noch im staatlich geförderten Unterhaltungskontext bewegten und denen, die man "witzig" fand (entscheidende Kategorie in diesen Zeiten), weil sie darauf pfiffen, für alle sichtbar dokumentiert wurde. Die witzigsten Sachen im Film sagte Flake, der Keyboarder der Band Feeling B, der, was an sich schon lustig war, mit halblangen Haaren, Hornbrille und Stoffwindel um den Hals in einer Punkband spielte, der jede Ernsthaftigkeit abging. Sie lebten auf eine Art, die ich mir auch wünschte: nicht von geregelter Arbeit, sondern in einer Art lebenslangem Ferienspaß, den sie sich von selbstgebastelten Lockenwicklern finanzierten, die sie an Friseurgeschäfte verkauften. Sie strebten keinen Erfolg an ("Wir wollten ja die Leute verschrecken und nicht unterhalten") und scherten sich nicht um die Meinung musikalisch versierter Mugger. Bei einem Song, der es auf eine Amiga-Compilation schaffte, sang Flake seinen Gesangspart übers Telefon ein, weil er im Krankenhaus lag. Die Geste zählte, der Sound war egal. Nicht nur ich als Zuhörer, auch er als Keyboarder der Band verstand die Texte des Sängers erst nach Jahren. Sie schienen glücklich in diesem Land, was doch nach Ansicht der Mehrheit unmöglich war. "Uns ging es großartig, wir waren eine Band, und mehr braucht kein Mensch." Einmal wandern sie auf die Schneekoppe, er mit Leichenschuhen aus Pappe, die ihm ein Leichenredner geschenkt hat, und die sich bald auflösten. Sie ziehen sich an einem Stromkabel zum Gipfel hoch und überholen dabei eine professionelle Bergsteigergruppe mit Eispickeln. Und so funktionierte auch ihre Musik!

Ich kannte Flakes erstes Buch von 2007, "Feeling B – grün & blau", das er mit einer Schreibmaschine auf alten DDR-Einkaufstüten aus braunem Packpapier getippt hatte ("GUTE WARE – ZUFRIEDENE KUNDEN"), die sein Vater sammelt. Es war der Begleittext für eine CD mit restaurierten Feeling-B-Aufnahmen. Seine Kommentare zu den abgedruckten Fotos ließen ein humoristisches Naturtalent erkennen, obwohl er nur die Tatsachen aufschrieb, z. B. daß manchmal die Schlußakkorde ihrer Songs nicht ausklangen, weil die Pausen dazwischen zu kurz waren, denn die DDR-Toningenieure gingen so sparsam mit dem kostbaren 24-Spur-Band aus dem Westen um. In "Tastenficker" erzählt Flake sein Leben nun noch einmal viel ausführlicher, auch die Abgründe. An seiner glücklichen Kindheit kam mir vieles bekannt vor, mit dem Vater gehen die Söhne auf Müllkippen, um mit einem eigens konstruierten Grabegerät nach Schätzen zu suchen, auch wir hatten für solche Zwecke immer einen Klappspaten im Auto. Auch daß es bei seinem Vater verboten war, Ostradio zu hören: "Er sagte, die Sprecher reden wie Idioten", hatte ich ganz ähnlich erlebt. Aber auch seine Angst vor der Außenwelt, die krankhafte Grübelei. Wie er eine häßliche Brille verpaßt bekam und deshalb, wie er befürchtete, mutmaßlich nie Sex haben würde im Leben.

Mein Zug schlich immer langsamer durch Belgien, bis er ganz stehenblieb, was ich wegen meiner Lektüre aber erst nach einer Stunde bemerkte. Es war sauber und man hatte Platz für die Beine, nicht wie bei uns im Regionalexpress. Oft ist im Ausland ja vieles besser als bei uns, leider kann man nicht einfach die besten Dinge aus allen Ländern in einem Land kombinieren. Irgendwann begann ich, auf die Ansagen zu achten: "À cause de l'intemperie notre train peut actuellement pas redémarrer." Die Fahrgäste reagierten mit sarkastischen Bemerkungen, es hätte nur noch gefehlt, daß sie "scheiß Osten" sagten, so kannte ich es von früher. Wegen "feuilles mortes" auf dem Gleis (war das nicht ein Chanson von Jacques Prévert?) konnten wir stundenlang nicht weiter. Es kamen ganz widersprüchliche Durchsagen, die von einer Lokomotive handelten, die unsere abschleppen sollte, und daß wir uns von kleineren Explosionen nicht beunruhigen lassen sollten. Zum Trost wurde an alle "La tartine de l'écolier – de studentenkoek" ausgeteilt, riesige, dicke Kekse, die ein bißchen wie das DDR-Diabetiker-Gebäck aus der Kaufhalle schmeckten. Zu meiner Lesung in Luxemburg schaffte ich es nicht mehr, ja, ich schaffte es nicht einmal mehr, in Luxemburg etwas zu Essen zu bekommen, es gab nur noch "Carpaccio", eines dieser unverständlichen West-Essen, eine extrem dünne und auch noch rohe Lage Fleisch? Das hätte ich für Kriegsessen gehalten, es war aber etwas besonders Edles, weshalb es auch nicht satt machte. Ich bekam auch kein Ausfallhonorar, den Vertrag hatte ich gar nicht gelesen, der Westen hatte schon immer leichtes Spiel mit mir gehabt. Aber immerhin hatte ich noch eine Nacht im Hotel für den Rest des Manuskripts.

Künstlerbiographien wollen einem ja immer die Genese des Genies erklären, und warum man selbst keins geworden ist. Wie konnte dieser schüchterne, hagere Junge aus dem Prenzlauer Berg, für den schon Brötchen holen ein Abenteuer war, in einer Band landen, die zum Bekanntesten gehört, was Deutschland in den letzten 20 Jahren hervorgebracht hat und das zusammen mit Kraftwerk und der Autobahn die eigentliche deutsche Folklore darstellt? Man versteht vielleicht nicht ganz, wie er in diese Band gekommen ist, aber man versteht, daß die Band ohne ihn nicht dieselbe wäre. Er ist der Typ, der unter Flugangst leidet und deshalb immer ein Stück von einem abgestürzten Flugzeug mitnimmt, das, so sein Kalkül, ja wohl nicht zweimal abstürzen wird. Und wenn, wird es wenigstens beim Zusammensetzen der Wrackteile für Verwirrung sorgen. Er ist so dünn, daß er überlegt, eine Diät zu machen, um durch den Jojo-Effekt zuzunehmen. Er denkt, daß ein "locker room" dafür da ist, daß man sich dort vor dem Konzert "locker macht".

Das Bild, das Flake vom Prenzlauer Berg vor seiner Inbesitznahme durch seine heutigen Bewohner zeichnet, ist zum Heulen schön. Damals gab es ja noch Pferdewagen, die Kühleis für die Gemüseläden und Kneipen brachten, da bekamen die Kinder dann Splitter zum Lutschen geschenkt. Seine Eltern wohnten mit Blick auf einen großen Friedhof, so daß die Brüder vom Fenster aus lange Reden an die Toten hielten. Gerade das aus heutiger Sicht Ärmliche gefiel ihm. Er hatte nur Angst, daß der Fernsehturm umfallen und ihr Haus zerquetschen könnte. Die Angst hatten wohl viele Berliner Kinder. Mir hat sogar jemand glaubhaft versichert, die Fläche südwestlich des Fernsehturms sei nicht bebaut worden, weil, wie beim Fällen eines Baums, genau geplant gewesen sei, in welche Richtung er beim Einstürzen fallen würde. Zum Glück stand dort früher kein Schloß, sonst hätten sie den Turm schon abgerissen.

An der DDR störte ihn vieles nicht, was andere bemängelt haben. Z. B. daß im Winter abends oft der Strom ausfiel. Die Kerzen standen ja schon bereit und die Dunkelheit war gemütlich.

"Daß um unser Land eine Mauer war, fand ich als Kind in Ordnung. Ich dachte noch, daß um jedes Land eine Mauer errichtet worden ist, damit jedermann weiß, wo das eine Land zuende ist und das andere beginnt. Kinder freuen sich ja über Grenzen, weil sie sich dann sicherer fühlen. [..] Ich denke nicht, daß man mich als unverbesserlichen Nostalgiker oder Ostalgiker bezeichnen sollte, denn ein Nostalgiker verklärt die Vergangenheit. Für mich ist aber der Kapitalismus die Vergangenheit, weil er schon da war, bevor es die DDR in Deutschland gab."

Vermutlich ist Flake nicht bewußt, daß Heiner Müller genau diesen Gedanken auch geäußert hat. Flakes Gefängnis ist nicht sein Land, sondern eher sein Körper.

"In der ersten Klasse wollte ich Feuerwehrmann werden und die Mädchen aus meiner Klasse retten. Dann erfuhr ich, daß man als Feuerwehrmann ein guter Sportler sein muß und damit war die Sache für mich erledigt."

Er wird gemobbt, die anderen Jungs tragen ihn beim Schwimmen nackt in den Mädchenduschraum. Die Rettung kommt, als er sich auf dem Schulhof zu den Sitzenbleibern "in die Kohlenecke" stellt und raucht. Jetzt ist er in Sicherheit. Vielleicht driften unsere Biographien genau an diesem Punkt auseinander, denn ich hatte immer Angst vor den Aussätzigen, die mit finsterem Blick auf die Bürgersteige rotzten und die Klingelknöpfe der Hochhäuser mit ihren Kippen wegschmorten. In einem Land, in dem Kellner Selters "mit einem angewiderten Gesichtsausdruck auf den Tisch stellten", ist es kein Wunder, daß Flake auch noch Alkoholiker wird, als er sich der sogenannten Säuferbande anschließt: "Das erste Bier tranken wir natürlich in einem Zug aus, während der Wirt das nächste zapfte." Herrliche Zeit der ersten Räusche! Die andere Droge ist Musik. Natürlich versteht die Gitarrenlehrerin überhaupt nicht, daß Flake Blues spielen will und zwingt ihn, die Hände wie Katzenkrallen zu halten. Und als er sich einmal mit dem Kassettenrekorder aufnimmt, erschrickt er über seine Stimme: "Etwas so Ekelhaftes hatte ich noch nie gehört." Der erste Auftritt in der Schulturnhalle, ein fremder Schlagzeuger spielt irgendeinen Rhythmus und Flake singt "Arbeiterenglisch", also englisch klingende Wortfetzen. "Dann ging ich von der Bühne und versuchte unsichtbar zu sein." Trotzdem wird er daraufhin zum Proben abgeholt. Offenbar hat er den Schlagzeuger beeindruckt. Er hört aber nur zu und hofft, die jeweilige Band nicht zu stören. Eine davon wird Feeling B sein.

"Als die Wende kam, kehrte sich alles um, auf einmal wollte ich Ostdeutscher sein." Ein für jeden, der es erlebt hat, bis heute schwer zu verstehender aber noch viel schwerer zu erklärender Vorgang. Sie machten das einzig richtige: "Wir lernten ganz viel zu essen, wenn wir eingeladen wurden." In Berlin konnte man den Sieg des Kapitalismus noch eine Weile ignorieren, es gab ja besetzte Häuser und von überall trafen Neuankömmlinge ein, offenbar waren wir nicht so unattraktiv wie wir immer gedacht hatten. Sie wohnen in einer WG, die für alle offen ist, weil die Tür außen eine Klinke hat. "Ich treffe jetzt immer noch Leute, die mir erzählen, daß sie mal in unserer Wohnung gewohnt haben." Trotzdem konnte es so nicht weitergehen, Alkohol verliert irgendwann seinen Reiz, die Punks werden zu Bettlern vor der Kaufhalle. Der Sänger der Band kämpft erfolglos gegen den neuen Hausbesitzer, der ihn aus seiner Wohnung schmeißen will und stirbt in einem Bauwagen. Irgendein Schutzengel hat Flake seine neue Band finden lassen, der man, im Gegensatz zu den neuerdings wiederauferstandenen Ost-Bands, die doch eigentlich nie jemand gehört hat, die DDR nicht anmerkt, obwohl sie dort ausgebildet wurde. Was Flake zur Musik dieser Band beiträgt, bleibt oft unsichtbar, er vergleicht seine Rolle bei der Arbeit an einem neuen Song mit Tesaband, das man zum Streichen der Fenster braucht und danach wegwirft. Normalerweise können Musiker nicht gut über ihre Musik schreiben, aber manche von Flakes scheinbar einfachen Sätzen könnten von John Cage sein: "In der Musik gibt es kein richtig oder falsch. Es gibt in dem Sinne auch keine falschen Töne. Es gibt nur Töne, die ungewöhnlich klingen." Und es gibt, ganz selten, so ein ungewöhnlich gutes Buch.

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Kommentare 1
  1. Mascha Jacobs
    Mascha Jacobs · Erstellt vor 22 Tagen ·

    DANKE

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