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Stilfragen 1: Katalog "Regenspeicher" von OBI

Quelle: OBI-Katalog "Regenspeicher"

Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Samstag, 13.07.2019

Stilfragen 1: Katalog "Regenspeicher" von OBI

Baumärkte sind für mich wie Bildwörterbücher, es macht Spaß, durch die Regalreihen zu spazieren, rätselhafte Gegenstände zu betrachten und ihre Bezeichnungen zu lernen, die manchmal etwas Altertümliches haben, das noch an echtes Handwerk erinnert ("Einschraubkloben", "Flachverbinder") und manchmal etwas Bürokratisch-Überkorrektes mit komischem Beigeschmack (aus einem Wasserhahn wird ein "Auslaufventil").

Es ist beglückend, den richtigen Begriff für ein Ding zu kennen, man wird ihn im Bekanntenkreis nur kaum anwenden können, wenn man von Leuten verstanden werden will, die zur Glühlampe "Glühbirne" und zum Schraubendreher "Schraubenzieher" sagen. Ich finde es faszinierend, daß im Baumarkt jeder noch so kleine, unscheinbare Gegenstand einen eigenen Namen hat, auch das Dingsbums zum Bilderaufhängen ("Klappöse"), es gibt nichts, was vom lieben Gott nicht bezeichnet worden wäre, nur daß man die Bezeichnung für den Gegenstand, den man kaufen will, meist erst kennt, wenn man ihn schon gefunden hat. Vorher muß man das Gesuchte mit Händen und Füßen beschreiben, und die Mitarbeiter, deren Sprache man nicht gelernt hat, spielen, wenn man sie überhaupt in einem ihrer Verstecke aufstöbern konnte, ihre Überlegenheit gnadenlos aus und lassen einen hängen ("Woher soll ich wissen, daß Sie ein Flechtzaunband wollen, wenn Sie mich nach einem Fensterladenband fragen? Nein, das ist nicht dasselbe, das ist, als würden sie einen Deltaschleifer wollen und nach einem Winkelschleifer fragen." "Und welches von beidem ist dieses dreieckige Dings?" "Der Deltaschleifer." "Kann man damit Winkel schleifen? Also keine richtigen, sondern so schmale Kanten am Fensterrahmen?" "Sie meinen am Blendrahmen?" "Ich weiß nicht." "Na, dann weiß ich's auch nicht ..:")

Ich hätte gerne alle erhältlichen Werkzeuge, Beschläge, Eisenteile und Schrauben vorrätig, aber dann müßte meine Werkzeugkammer so groß wie ein Baumarkt sein, denn so viel Platz braucht man ja offensichtlich, um wirklich alles unterzubringen. Ich kenne Männer, die im Urlaub die Sehenswürdigkeiten ihrer Frau überlassen und lieber durch die lokalen Baumärkte spazieren. Aber auch für mich als Ostkind ist es immer wieder ein erhebendes Gefühl, so einen Heimwerkertempel zu betreten, schließlich war ich früher im Heimwerkerladen unseres Berliner Außenbezirks Stammgast, weil ich die Kaufhalle längst auswendig kannte. Im Heimwerkerladen gab es Dinge von einem etwas anderen Gepräge (ähnlich in den BHG-Läden der "Bäuerlichen Handelsgenossenschaft", wo es Plastikeier gab, die als Legehilfen dienten, und bunte Plastikringe für Hühnerbeine, aus denen man Ketten basteln konnte). Es gab z. B. Schlüsselringe, die eine Weile Mode waren, man verband sie zu langen Ketten, die aus der Hosentasche hingen (geringelte Telefonschnüre gingen auch), dann gab es einmal durchsichtige (die beste Farbe!), dünne Aquarium-Schläuche, von denen ich ein paar Meter auf Vorrat kaufte, als Spezialstrohhalm, es gab Dichtungsscheiben (die wahrscheinlich eigentlich ganz anders heißen), mit denen man Tischfußball spielen konnte.

Insgesamt war das Angebot im "Heimwerker" aber mager, was mir aus heutiger Sicht allerdings wie ein glücklicher Umstand erscheint. Denn durch diese Knappheit blieb das Bild der Dörfer und Kleinstädte lange historisch, es herrschte eine aus der Not geborene Permakultur der Wiederverwertung und Weiterbenutzung. Wenn es nur um Schrauben, Nägel und Baumaterial ginge, hätte ich natürlich nichts gegen ein reiches Angebot im Baumarkt einzuwenden, aber es gibt dort leider auch Produkte für andere Bedürfnisse. Man muß nämlich unterscheiden zwischen Werkzeug, Baumaterial und Gegenständen, die man zum Bauen, Reparieren, Basteln, Tischlern o. Ä. benötigt, und gegen die höchstens einzuwenden ist, daß sie im Baumarkt fast ausschließlich aus Indien oder China stammen, und allem, was eine dekorative Funktion haben soll, was also einen Mehrwert an Gestaltung aufweist, und von dem man feststellen muß, daß es keinen einzigen (manche sagen fast keinen einzigen) Gegenstand dieses Charakters gibt, der nicht von größter Scheußlichkeit und zudem haarsträubender Überflüssigkeit ist. Daß es Menschen gibt, die so gewissenlos sind, so etwas zu gestalten, ist das eine Rätsel, das andere, viel bedrückendere ist, daß es Menschen gibt, sehr viele Menschen, die so etwas kaufen, so daß regelrechte Baumarktmoden entstehen. Das Bild vieler Kleinstädte, Vorortsiedlungen und leider auch Dörfer ist heute davon geprägt, was es Neues im Baumarkt gibt, das Elend der Wohnzimmer- und Kücheneinrichtung setzt sich hier im Außenbereich für alle sichtbar fort (von BijouBrigitte-Grabsteinen ganz zu schweigen.)

Es gibt zwar keine gültige ästhetische Theorie des guten Geschmacks, aber es gab schon seit dem Beginn des 20.Jahrhunderts Versuche, wenigstens den schlechten Geschmack im Kunstgewerbe begrifflich zu erfassen (was natürlich auch nicht funktioniert.) Dabei wurden ein paar brauchbare Kriterien herausgearbeitet, die von Baumärkten und ihren unmündigen Kunden konsequent mißachtet werden: vorgetäuschte Oberflächen, wohin das Auge reicht, falsche Gediegenheit, Dekorverbrechen, künstliche Gebrauchsspuren (eine "Aufbewahrungsbox" in "Knitteroptik" ...) Man findet eine Gartenlampe (ohnehin schlimm für Insekten) in Form eines Findlings und Sichtschutzfolie für den Zaun mit aufgedrucktem Bild der unsäglichen, schottergefüllten Gabionen, die in Mode gekommen sind, seit Herzog und de Meuron sie 1997 bei einem Weingut in Napa Valley benutzt hat.

Je nach Stimmung verzweifelt man, wenn man aus solchem Horror-Vacui-Gerümpel auf den geistigen Zustand der Menschheit schließt, oder man genießt den Schauder dieser Einrichtungsgespensterbahn, auf der man hinter jeder Ecke beim Anblick eines anderen Objekts zurückschreckt. Es sind ja alles Sachen, auf die man erst einmal kommen muß, wie auf einen guten Kalauer. Die Baumarktgestalter feiern einen permanenten Design-Fasching.

Bei OBI habe ich mir den aktuellen Katalog "Regenspeicher" gesichert und nun entdecke ich auch in der Realität überall Beispiele dieser neuesten Deko-Mode, mit der die gute alte Regentonne aus ihrem ästhetischen Dornröschenschlaf geweckt werden soll. Regentonnen werden ja in Deutschland nur aufgestellt, um Geld zu sparen, warum sollte man dieses Geld nicht dazu verwenden, die Regentonne selbst optisch aufzuwerten? "Stilvolle und formschöne Regenspeicher für die Gartenbewässerung. Von zeitlos über mediterran bis modern und rustikal", verspricht OBI. Für Designfreunde gibt es graue (ich weiß, die Farbe heißt "taupe" ...), bepflanzte oder beschotterte Plastikbottiche, die sich elegant nach unten verjüngen ("Wählen Sie die passende Farbe für Ihr Gartenambiente und erzeugen dadurch einen echten Blickfang – noch nie war Regenwassernutzung so harmonisch und dekorativ."). Für Gartennostalgiker gibt es die "Rustico Line" mit "naturgetreuer, rustikaler Holzoptik", z. B. ein Plastik-Weinfaß

"Regenspeicher Barrique und Burgund – mit seinen 500 Litern Fassungsvolumen bietet Ihnen dieser Regenspeicher die Möglichkeit, Ihren Pflanzen wertvolles Regenwasser zu spenden und das in Verbindung mit einer Optik und Qualitätsanmutung, die ihresgleichen sucht."

Hier wurde, ganz nebenbei, der Begriff geprägt, der das, worum es geht, treffend beschreibt: "Qualitätsanmutung". Wozu braucht man noch "Qualität", wenn man auch ihre Anmutung haben kann?

Warum sollte man sein Regenwasser in einem herkömmlichen Faß speichern? Es geht doch auch viel pfiffiger, z. B. in einem BaumstumpfWie kommt man darauf? Die Texter verraten es: "Der Stamm einer deutschen Eiche hatte uns die Idee und gleichzeitig auch das Modell für diesen einzigartigen Regenspeicher vorgegeben" (Der "Regenspeicher Little Tree", schön mit Plastikrinde und Deckel mit Jahresringen, ist "kaum vom Original zu unterscheiden"). Der Regenspeicher Norway hat angedeutete Holzschindeln aus nordischer Fichte: "Natürlich rustikal. Durch die Verwendung von hochwertigem und witterungsbeständigem PE-Kunststoff erzielen wir ein äußerst natürliches Erscheinungsbild"). Es gibt in der Rustico Line zwar keinen Regenspeicher in Form einer verbeulten Blechtonne, aber einen in Form eines Plastik-Holzbottichs.

In der Deluxe-Line sticht der Regenspeicher Helena heraus, die originalgetreue Nachbildung einer 300-Liter-Amphore, "ein Hauch von Toskana in Ihrem Garten". Helena vereint zudem zwei Designs: "Eine Seite wurde bewußt rauh und antik mit den markanten Altersspuren versehen, während die andere Seite filigran und perfekt gestaltet wurde." Je nach Stimmung kann der Gartenfreund seine Amphore also umdrehen, damit es im Garten zwischen all den Pflanzen nicht zu langweilig wird. Mein Highlight der Deluxe-Line ist aber der Regenspeicher Concrete:

"Das Modell Concrete ist ein besonders trendiger Regenspeicher für alle, die gerne mit der Zeit gehen. Während einerseits das warme Naturmaterial Holz wieder äußerst im Trend liegt, ist gerade das kühle Anthrazit die Farbe, an der man bei einer modischen und zeitgemäßen Haus- und Gartengestaltung nicht vorbeikommt. Der Regenspeicher Concrete vereint diese beiden Trends zu einem harmonischen Ganzen. Die Oberfläche des PE-Kunststoffes ist so gestaltet, daß sie verblüffend authentisch echten schlanken Betonschalungen gleicht."

Täusche ich mich, oder ist "das kühle Anthrazit" bei der Bebauung ostdeutscher Baulücken nicht schon seit fast 30 Jahren Trend?

Eine biblische Note haben die Regenspeicher der "Stone-Line" ("Detailgetreue und naturnahe Steinoptik"), z. B. der Regenspeicher Montana mit Zapfhahn, bei dem sich jeder Gartenbesitzer in einen kleinen Moses verwandelt, der aus dem Felsen Wasser zapft. Zudem hat Montana eine "kleine Versteinerung an der Seite, die ihm eine ganz individuelle Note verleiht", denn, obwohl man seine Schönheitsentscheidungen an den Baumarkt delegiert, will man dabei individuell bleiben (aber eben nicht individueller als die anderen.)

Man weiß gar nicht, wer gewissenloser ist, der Gestalter dieses Garten-Nippes oder der Werbetexter, der diese Traumwelten sprachlich beschleimt. Auch hier gilt der weise Satz: "Geldmangel ist der beste Denkmalschutz." Wehe uns, wenn die Haus- und Gartenbesitzer ihre Kredite abbezahlt haben und endlich Geld übrig bleibt für die Selbststigmatisierung in Form "modischer und zeitgemäßer Haus- und Gartengestaltung". Irgendwann wird man über Mülldeponien und Schrottplätze spazieren, um sich vom Geschmacksexhibitionismus der Eigenheimbesitzer zu erholen.

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