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Literatenfunk

Step by step
Michael Kröchert
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piqer: Michael Kröchert
Dienstag, 07.11.2017

Step by step

Der Rekord lag bei acht und ich hatte das Gefühl, dass sie ihn heute brechen könnte. Acht Mal geht das Licht aus, acht Mal schaltet man es wieder an. Wir wohnen im vierten Stock, das sind acht Treppen, ungefähr hundert Stufen, die sie einfach nicht gehen will.

Es läuft immer gleich ab. Nein, es wird immer schwieriger. Schon vor dem Haus beginnt meine Tochter sich zu weigern. Sie sagt, dass sie auf meinem Arm will, damit ich sie hoch trage, und weil ich das ablehne, lässt sie sich auf den Bürgersteig fallen. Wenn ich den Kinderwagen dann in den Hausflur bringe, kommt sie zwar mit mir mit, aber unter den Briefkästen setzt sie sich wieder auf den Boden.

Heute Nachmittag war allerdings etwas anders. Ich war einer Mutter aus der Kita begegnet und nach ein bisschen Geplänkel hatten wir uns darüber unterhalten, was uns im Alltag mit unseren Kindern in akute Krisen stürzte, was uns zur Explosion brachte.

„Treppenhochgehen“, sagte ich.

„Oh ja!“, sagte sie.

„Und wie löst du das?“, fragte ich.

„Ich warte ab. Mache gar nichts. Lese ein Buch. Irgendwann kommen sie“, antwortete sie.

Ich schaute sie an. Das durfte nicht wahr sein. Eine Mutti hatte eine Idee, auf die ich längst hätte selber kommen müssen. Ich tastete nach dem Buch in der Innentasche meiner Jacke. David Vanns Goat Mountain.

„Man kann sich fragen, ob die ganze Erziehung schon im Ansatz total falsch gelaufen ist. Man kann aber auch einfach ein gutes Buch lesen“, sagte sie und lächelte.

„Und was liest du?“, fragte ich.

„Kapielski. Kennst du den?“

„Ja klar, kenn ich den. Und welches?“

„Sozialmanierismus.“

Eine Mutter auf dem Spielplatz mit zwei grandiosen Ideen. Das durfte nicht sein. Ich nickte knapp und drehte mich zu meiner Tochter, die mit einem Stock auf die Rutsche einschlug. - Wieso war ich nicht darauf gekommen!? Wieso verschwendete ich seit Wochen meine Zeit im Treppenhaus mit fruchtlosem Zureden?

Eine halbe Stunde später war es dann soweit. Ich stand auf dem ersten Treppenabsatz und drehte mich um. Meine Tochter legte sich auf die unterste Stufe und streckte sich aus, so als wollte sie den Abstand zwischen Wand und Geländer mit ihrem Körper ausmessen.

„Komm schon, hör mal auf!“ sagte ich und versuchte ruhig zu bleiben. „Los! Oben gibt es Knusperbrot.“ Zuerst reagierte sie nicht. Dann richtete sie sich ruckartig auf, lächelte, streckte die Arme nach mir aus und sagte: „Papa. Arm nehmen!“ Ich atmete tief ein und aus. Sie legte sich wieder auf die Treppe. Um ehrlich zu sein, würde ich sie in den hundertsten Stock tragen, wenn sie nicht zu schwer für meinen Rücken geworden wäre.

Ich fühlte die Ungeduld in meinem Bauch wie einen Krampf, drehte mich weg und nahm das Buch. Goat Mountain. Das Lesezeichen steckte (schon seit Tagen) bei Seite 94: „Der Himmel schwarz bis tiefblau. Die dunklen Baumkolosse jetzt über uns, die Lampe heruntergedreht. Letzte Vorbereitungen, meine Tasche voller .30-30 Patronen. Erlöschende Sterne. Wir waren spät dran mit der Jagd. Bei Morgengrauen noch nicht auf dem Posten.“ In diesem Moment ging das Licht aus und meine Tochter schrie: „AUA!“ Sie schrie so laut, dass der Schreck durch meinen ganzen Körper fuhr. Doch ich erkannte an der Art ihres Schreis, dass überhaupt nichts passiert war, dass sie nur mit mir spielte.

Ich schaltete das Licht an, las weiter: „Ich wartete auf der Pritsche des Pick-ups, ein Fuß kalt und durchnässt. Zitternd in der Kälte, aber die Sonne kam bald heraus und es würde heiß werden, das Licht eine Art Blendwerk, jeder Augenblick ein anderes Blau. Das langsam ausblich. Schwer zu sagen, was blau war.“

Wir hier in Nord-Berlin. Dort der Ich-Erzähler mit seinem Vater und seinem Großvater in Nord-Kaliforniens. Hier die Stille eines Treppenhauses, unterbrochen von unseren Stimmen. Dort die Stille der Berge und Wälder, unterbrochen von den Stimmen der Männer, von den Geräuschen ihrer Schritte auf Felsen, Steinen und Moosen. Meine Tochter und ich waren hängen geblieben. Und die Figuren in Vanns Buch waren es im Grunde genommen auch. Viel mehr Parallelen gab es ansonsten nicht. Es war wie in allen anderen Büchern von David Vann. Das archaische, mörderische Drama spielte sich vor dem Hintergrund einer neblig-kalten, nordischen Landschaft ab, deren Küsten und Wälder, Bäche und Felsen nicht unbedingt ein Eigenleben entwickelten, aber doch wie eine passiv-aggressive Figur agierten: nachtragend, gnadenlos, schweigsam, total konsequent, permanent anwesend, gleichgültig gegenüber den Gefühlen der anderen.

Der Kontrast zwischen den Vorgängen in diesem Buch und meiner Situation konnte also nicht größer sein. Andererseits mäanderte das Buch nach dem frühen Wendepunkt durch eine Ebene, die zu einem Sumpf wurde. Und war ich hier im Treppenhaus nicht auch in einem Sumpf stecken geblieben? Und was macht man im Sumpf? Sumpf-Stories lesen?

Um es gleich zu sagen: Es funktionierte nicht. Goat Mountain im Treppenhaus zu lesen, machte keinen Sinn. Nicht wenn man auf seine zweijährige Tochter wartete. Ich dachte an die kluge Mutter und an ihre Kapielski-Lektüre. Ich schaute meine Tochter an, die das Treppengeländer ableckte. Dann klappte ich das Buch wieder auf: „Das Land erbleicht. Alle Farben entzogen. Schatten und Entfernungen eine bloße Ahnung, eine nahe Zukunft. Radierungen von Linien, aufrechten und gefallenen Baumstämmen, von Grat und Wolke und Straße, ununterscheidbar, bloß Linien, in dieselbe flache Ebene geritzt. Das Licht kein Licht von dieser Welt, eher eine Temperatur, eine Kälte, die uns das Sehen ermöglichte.“

Wie in Vanns erstem Buch (Im Schatten des Vaters) geschieht auch in Goat Mountain gleich am Anfang ein Mord, der den Leser und eigentlich auch das Buch aus der Bahn wirft. In Im Schatten des Vaters bringt sich der neunjährige Sohn mit einer Pistole um, was zur Folge hat, dass sein Vater auf eine unerträgliche Odyssee geworfen wird. In Goat Mountain erschießt der dreizehnjährige Ich-Erzähler einen Menschen (einen Wilderer) mit einem Gewehr. Er tut das nicht aus Versehen, sondern aus einer spontanen Eingebung heraus, er tut es nicht unüberlegt. Dabei lebt er im Kontext einer funktionierenden Familie, die viel auf Vorfahren, Tradition, Jagd und ein „Leben im Einklang mit der Natur“ gibt. (David Vann widmet das Buch seinem Großvater, einem Cherokee.)

Schon auf Seite 26 stürzt die Handlung in sich zusammen, und die folgende Lektüre kommt einem vor wie das Betrachten eines großformatigen, monochromen Bildes, mit dem etwas nicht stimmt. Oder anders gesagt: Nach einer rasanten Anreise stoppt die Fahrt mit einem Knall und der Leser blickt stundenlang auf einen See, dessen Oberfläche still daliegt und Wolken, Berge, Bäume reflektiert, bis er merkt, dass es gar kein See sondern ein Eisblock ist. Die Kälte ist zu groß. Das Buch wird zu einer negativen Beschwörung der sinnlosen, zufälligen Gewalttätigkeit. Das Kind, der Ich-Erzähler, sagt: „Jeder Schritt ein weiterer Schritt auf das Ende zu.“ / „Etwas in mir wollte töten, dauernd, und ohne Ende.“ / „Fleisch ohne Gedanken.“ / „Etwas stimmte mit mir nicht.“

Ich klappte das Buch zu und schaute vor mich hin. Es war aussichtslos, drei Absätze in diesem Buch zu lesen, während man im Treppenhaus auf ein Kleinkind wartete. Okay. Als nächstes würde ich Kapielski ausprobieren. Aphorismen, kleine Häppchen, anspruchsvoll und anspruchslos, albern und absurd. Anekdotisch, christlich, unsozial. Das passte vielleicht besser zu unserer Situation im Treppenhaus. Mal sehen. Sozialmanierismus. Ich steckte Vanns Buch weg. Dann fiel mir auf, dass ich keine Geräusche mehr hörte.

„Hallo? Meine Süße?!“

Ich schaute nach unten und stürzte los. Viel stärker als die Ungeduld hämmerte die Angst durch meinen Körper.

„HALLO?!!“

War etwas passiert? War sie WEG? War ich in Vanns Buch versunken? In diesem verfluchten, endlosen, kalten Amok- und Ewigkeits- und Wiederkehr-Geschwafel des Protagonisten? Ich stürzte nach unten. Da saß sie. Sie saß zwischen dem ersten und dem zweiten Stock auf der Treppe, hatte sich ein Pixi-Buch aus ihrem Rucksack geholt und las es.

++   David Vann, Goat Mountain   ++   Thomas Kapielski, Sozialmanierismus  ++  Pixi-Buch, Das Stoppelfeldrennen   ++

9,5
17 Stimmen
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Kommentare 2
  1. Adrian Karlsburg
    Adrian Karlsburg · vor 9 Tagen

    Da sieht man mal wieder, dass jedes Kind anders ist. Unsere Kleine ist 4 und spielt auch gerne ihre Spielchen. ;)

  2. Wiebke Reißig-Dwenger
    Wiebke Reißig-Dwenger · vor 9 Tagen

    Toller piq ! Klasse geschrieben.