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Literatenfunk

Städtehass
Felix Lorenz
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piqer: Felix Lorenz
Freitag, 28.07.2017

Städtehass

Eine der vergnüglicheren Traditionen der literarischen Rache ist die der Städtebeschimpfung. Zeigt sich ein Ort nur ein bisschen von seiner unfreundlichen Seite, kann er schon bald zu einem lächerlichen Gegenstand heruntergeschrieben werden und mit etwas Pech bleibt immer etwas davon haften. So etwas Beiläufiges wie Heines kurze, umfassende Charakterisierung von Göttingen in der Harzreise hängt der Stadt bis heute in jeder Zitatesammlung nach: “Die Stadt selbst ist schön, und gefällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht.”

Der unerreichte Meister unter den Städtebeschimpfern ist (naturgemäß) Thomas Bernhard. Sein Furor konnte so gut wie alles treffen, aber besonders gegenüber Städten hat er es zu einigen bleibenden Formulierungen gebracht. Am ärgsten hat es dabei wahrscheinlich seine Heimatstadt getroffen: “Salzburg ist eine perfide Fassade, auf welche die Welt ununterbrochen ihre Verlogenheit malt und hinter der das (oder der) Schöpferische verkümmern und verkommen und absterben muß” (Die Ursache).

Vor Kurzem bin ich auf eine Karte gestoßen, auf der sehr viele seiner Ortsbeschimpfungen verzeichnet sind. Wenn man auf die über Europa verstreuten Blitzsymbole klickt, bekommt man zu jedem Ort gleich die passende Herabwürdigung (und eigentlich könnte man sofort eine Europareise zu den am besten beschimpften Orten planen). Wenn ich mich durch solche Beschreibungen lese, entwickeln sich ungeahnte Nebenwirkungen. Die Beschimpfungen haften sich an den Stadtnamen und werden in meinem mit Thomas-Bernhard-Worten durchsetzten Gehirn zu einer unumgehbaren Assoziation. Lese ich Augsburg, denke ich: ahja, genau, klar, die Lechkloake – und Augsburg kann nicht das Geringste dafür, denn ich bin noch nie in Augsburg gewesen.

Neben dem Bernhardschen Frontalangriff gibt es auch subtilere Formen der literarischen Rache an einer Stadt. Neulich war ich erstaunt, als ich einen Artikel über Thomas Pynchon las. Über Pynchon ist vor allem bekannt, dass über ihn nichts bekannt ist. Man weiß aber, dass er in den frühen 1960ern bei Boeing in Seattle angestellt war. Wie eine philologische Studie herausgefunden hat, finden sich in Gravity’s Rainbow mehrere versteckte Anspielungen auf das Seattle dieser Zeit, und sie fallen nicht besonders schmeichelhaft aus. Aber die Überschrift des sehr schönen Artikels im Seattle Magazine sagt eigentlich schon alles: “How Thomas Pynchon Turned Seattle Into Nazi Germany”. Diese Form der Rache hat vielleicht Jahrzehnte niemand bemerkt; aber wenn ich sein Gesicht kennen würde, könnte ich Pynchon vor mir sehen, wo auch immer er sich aufhält, und sich eins lacht, gerade weil noch die surrealsten und überzeichnetsten Schilderungen oft auf ganz einfachen Motiven beruhen können.

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Kommentare 1
  1. Nils Pickert
    Nils Pickert · vor 4 Monaten

    Sehr schöner Piq. Städtebeschimpfungen zu lesen macht scheinbar noch mehr Spaß als Städte zu beschimpfen. Zur Vertiefung von vergnüglichem literarischen Hass und Verachtung empfehle ich "Dichter beschimpfen Dichter".

    www.zweitausendeins.de/jorg-drew...

    Da liest man dann, dass die Unsitte, mit übertriebenem Fotogepose in den sozialen Medien (kurz in den Urlaub geflogen: Malediven/nur schnell was gegessen: Lobster) Freund*innen und Verwandte einzuschüchtern, Vorläufer hatte: Das Klackern einer Schreibmaschine auf Band aufnehmen und nachts abspielen, um den Schriftstellerkollegen im Nachbarzimmer mit seiner vorgeblichen Produktivität in den Wahnsinn zu treiben.
    LG
    Nils