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Literatenfunk

Stadt der Engel
Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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piqer: Anne Hahn
Freitag, 15.07.2016

Stadt der Engel

Wann hatte ich aufgehört, Christa Wolf zu lesen? Es muss in den 90er Jahren passiert sein und geschah nebenbei. Unser Land war verschwunden, ich trauerte ihm nicht nach. Brach auf in fremde Länder und las mich durch neue Welten.

In meinem kleinen Online-Antiquariat im Berliner Wedding fand ich letztens in einer Umzugskiste Christa Wolfs „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“. Die Kiste hatte eine Freundin vorbei gebracht, ich bekomme regelmäßig aussortierte Bücher geschenkt. Das Cover meiner Taschenbuchausgabe zeigt ein nebliges Stück Küste. Die Wolkendecke nimmt 4/5 des Bildes ein, ganz unten ein winziges Stück Strand. Kalifornien im Dunst?

Das Luftbild ist gut ausgewählt, das Buch beginnt und endet mit einem Flug. Auf den dazwischenliegenden gut 400 Seiten geschieht einiges Traumhaftes, Nebulöses. Christa Wolf beschreibt aus zehn Jahren Abstand, wie sie zu Beginn der Neunziger Jahre als Stipendiatin ein paar Monate in der Stadt der Engel verbringt. Die Erinnerungen an diesen Aufenthalt sind chronologisch und detailliert geschildert, mit ihren damaligen Maschinen-Notizen unterlegt. Doch das Gerüst ist durchlässig, bei jedem Gedanken der Autorin ist ein Ausflug möglich, hier in die frühe Jugend und ihre Schwimmleidenschaft, dort in die Straßenbahn in Leipzig, die am 17 Juni 1953 durch aufgebrachte Arbeiter rollt. Sie, die junge Frau mit dem Partei-Bonbon an der Bluse.

Christa Wolf lebt in Santa Monica, im HOTEL MS. VICTORIA OLD WORLD CHARME. Drei Waschbären bewachen den von duftenden Büschen flankierten Weg, das Apartment hält Wohnzimmer, Küche, zwei Bäder und zwei Schlafzimmer bereit. „Welche Verschwendung.“ Hier trinkt sie ihren Wein, telefoniert nach Berlin und empfängt den bald zum Freund gewordenen Mitstipendiaten Peter Gutman.

Sie erobert sich Stadt und Strand, erkundet Farben und Gerüche, denkt ans Schwarze Meer. Die Frau, die über ihre Zeit in Los Angeles schreibt, hat den 11. September hinter sich — die Stipendiatin versucht zehn Jahr zuvor, dem Direktor des Holocaust-Museums Los Angeles' zu erklären, warum junge Ostdeutsche Ausländerheime anzünden.

„Ich glaubte ihm anzumerken, dass auch für ihn die Deutschen mit einer unheilbaren Krankheit infiziert waren, mit einem Virus, der sich in besseren Zeiten einpuppen und totstellen konnte, so dass Deutschland wie irgendein normales Land wirkte, den aber jede Krise aktivierte, sodass er ausbrach und aggressiv wurde. Der Virus hieß Menschenverachtung.“

Am Tag dieser Begegnung geht Christa Wolf nicht mehr ins CENTER, wo ihr Schreibtisch steht und die Faxe aus Deutschland für sie gesammelt werden. Sie denkt über unser „jedes Mass sprengende Verbrechen“ nach, und darüber, wie lange wir gebraucht haben, es unser Verbrechen zu nennen.

Das große Glück für uns Leser, die wir teilhaben dürfen an dieser Jahrhundertbeichte, ist einerseits die präzise Erinnerungsfähigkeit der Autorin und anderseits ihre prominente Teilhabe am Geschehen, getrieben von Neugier und Offenheit. Alle Türen öffnen sich für Christa Wolf, sie spricht mit der Familie Arnold Schönbergs über Thomas Mann und seine Verflechtungen mit ihnen, den Roman Doktor Faustus. Trifft jüdische Emigranten der ersten und zweiten Genration, erinnert sich an KuBa, Louis Fürnberg, Willi Bredel und Lew Kopolew, ihre persönlichen Begegnungen — teilweise über Jahrzehnte. Die Zweifel. Mit Christa Wolf sehen wir milder auf den Weg, der zu uns heute seltsam erscheinenden Gedichten führte, zu Bekenntnissen, die sich viele der kommunistischen Dichter doch nicht so leichtherzig abrangen, wie es im Nachhinein scheint.

Sie zitiert ein Gedicht, als Beispiel für viele:

Schwere Stunde

Vielleicht sind wir um eines größeren Ziels

zum Opfer ausersehn; dann heißt es schweigen,

auch wenn uns Schmerz und Scham den Nacken beugen

im Anblick dieses Ziels.“

Wie konnten sie zu einem Land halten, in dem Lüge Alltag wurde? Christa Wolf hadert mit sich und den ihren, die nicht ohne Fehl und Tadel waren. „Irrtümer? O ja. Fehlgriffe? Auch die. Heldentaten?Auch das...“ Mitten in die Suche nach Antworten, aus einer günstigen Distanz, platzt die Veröffentlichung über die Stasi-Akte Christa Wolfs. Die Fax-Geräte in der Stadt der Engel rattern, Zeitungen rascheln, alle wissen Bescheid. Aber was eigentlich? „IM – weißt du überhaupt, was das heißt?“ Fragt sie eine amerikanische Freundin. „Informeller Mitarbeiter, wie sollte ich das auf Englisch sagen? ... Some kind of agent? Or spy?“

Christa Wolf gelingt es, noch eine Ebene zu eröffnen. Mit Briefen einer verstorbenen L im Gepäck war sie angereist, diese zu finden. Während ihre eigene Vergangenheit und das Verdrängen um eine einst unterschriebene Erklärung sie überfluten, helfen die Engel ihr, zurück zu finden. Engel in Gestalt der alten und neuen Freunde, die sich um sie bemühen, helfende Geister in Form von Büchern - und einer Engelin, die sie begleitet. Mit ihr redet. Es wäre nicht Christa Wolf, die solchen Spuk nicht gleichermaßen benutzte, wie karikierte. Als der Aufenthalt und die Aufregung um ihre Vergangenheit sich dem Ende zuneigen, fährt sie mit einem Pärchen hinaus in die Wüste. Ins Indianerland. Den Engel Angelina anbei. Im Death Valley fragt sie sich, ob die Toten ihr vielleicht etwas sagen wollten.

„Angelina, die meine Gedanken kannte, sagte: Nein. Das sei ein Aberglaube der Lebenden, dass die Toten eine Botschaft für sie hätten. Zu ihren Lebzeiten waren sie nicht klüger, als die Lebenden es heute sind.“

Ein weises Buch, welches kein Ende findet und kein Ende zulässt. Sondern in Rätsel mündet. Christa Wolf, seit beinahe fünf Jahren nicht mehr unter uns, war eine Suchende. Und hat es nicht versäumt, ihr Hinterfragen und Zweifeln poetisch mitzuteilen. Es fortleben zu lassen.

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