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Literatenfunk

Später Ruhm
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Mittwoch, 24.02.2016

Später Ruhm

Wenn man bei einem Autor solche unveröffentlichten Texte aus dem Nachlaß fischt, wie müssen dann erst seine veröffentlichten Texte sein? Schnitzler mal systematisch lesen, steht hier jetzt als mentale Notiz (die Tagebücher sind leider ziemlich teuer). Der menschliche Abgrund hinter der fast heiter daherkommenden Erzählweise, darin erinnert mich "Später Ruhm"  an Tschechow (Rezensententrick: Vergleiche sind nie ganz falsch und suggerieren literarische Universalbildung). Eduard Saxberger, ein Büroangestellter, der vor 30 Jahren einmal einen (auch von ihm selbst) längst vergessenen Gedichtband ("Wanderungen") veröffentlicht hat (während heute "nicht nur die Hoffnungen, sondern auch schon die Enttäuschungen weit hinter ihm lagen" und sein Leben nicht mehr "durch das stolze Bewußtsein verschönt wurde, zu den andern zu gehören.") wird von einer Gruppe verkannter Künstler wiederentdeckt und verehrt, die ihn überreden wollen, an einem literarischen Abend, mit dem ihr Verein "Begeisterung" der etablierten Wiener Künstlerschaft den Fehdehandschuh hinwerfen will, als Star des Abends einen neuen Text zu lesen. Erst fühlt er sich geschmeichelt und genießt die Vorbereitungstreffen in der Bierstube mit den so enthusiastischen wie verbitterten Verkannten (an den anderen Tischen sitzen die, die sie die "Talentlosen" nennen), aber ihm fallen bei mühsamen Versuchen, sich an das Dichten zu erinnern, keine Verse mehr ein. Man unterhält sich darüber, wie und wann man schreiben kann. Der eine liegt am liebsten auf dem Rücken im Gras. Der andere braucht faule Pomeranzen in der Schreibtischschublade. "'Na, was brauchen Sie denn für eine Stimmung?', fragte Meier den kleinen Winder. 'Ich', erwiderte dieser errötend … 'kann eigentlich immer schreiben …' 'Immer!!', lachten die anderen." Als bei der Soirée nach dem Erföffnungsvortrag "Was wir wollen" eine erfolglose Schauspielerin ("Saxberger mußte mit den andern über die unglaubliche Blindheit staunen, mit welcher die Theaterdirektoren gerade immer die talentlosesten Künstlerinnen engagierten.") schließlich sein Gedicht "Abendstimmungen" deklamiert ("Alle lyrischen Gedichte sind ja schließlich entweder Morgenstimmungen oder Abendstimmungen …"), hört er durch den Applaus einen Zuschauer murmeln: "Armer Teufel!", was ihm nicht mehr aus dem Kopf geht. Er rettet sich schließlich wieder ins Büroleben und in seine alten, unkünstlerischen Herrenrunden in Café und Bierstube "Und es war ihm, als käme er von einer kurzen, beschwerlichen Reise nach Hause, in ein Heim, das er nie geliebt, in dem er aber die dumpfe und weiche Behaglichkeit von früher wiederfand."

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