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Literatenfunk

Sowjetisches Design I

Sowjetisches Design I

Jochen Schmidt
Schriftsteller und Übersetzer
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Jochen SchmidtSonntag, 26.04.2020

In meiner Zeit in der DDR sollte mir ein Interesse am sowjetischen Alltag, an sowjetischer Kultur, russischer Folklore und vor allem an der russischen Sprache anerzogen werden, teilweise wurde so getan, als sei Russisch die wichtigste internationale Verkehrssprache (wobei Erich Honecker im Gegensatz zu Egon Krenz bei mehreren Versuchen daran gescheitert sein soll, sie halbwegs zu lernen). Ich hatte nie das Gefühl, daß dieses Programm bei mir oder bei einer Mehrheit meiner Altersgenossen funktioniert hätte, dafür kam es zu offensichtlich "von Oben" und die Konkurrenz der westlichen Konsumwelt und Popkultur war zu stark. Daß die russischen Produkte sogar unseren unterlegen waren, war Gegenstand vieler Witze, wobei es andererseits auch einen gewissen Respekt davor gab, wie hart im Nehmen man dort war. In der Sowjetunion war man in der Lage, Menschen ins Weltall zu schicken, aber man scheiterte daran, die alltäglichsten Konsumbedürfnisse zu befriedigen. Man produzierte Autos, die in Sibirien ihren Dienst taten, aber für die dafür auch jede Straße Sibirien war. Reizvoll fand ich das damals nicht. (Immerhin erinnere ich mich an eine der wenigen Taxifahrten meines Lebens vor 1989 in einem Wolga, dessen breite Ledersitze sich schon fast "amerikanisch" anfühlten).

Die Freundschaftsrituale blieben für mich Pflichtübungen, seltene Begegnungen mit echten russischen Jugendlichen verliefen verkrampft, man staunte über ihre Kleidung und fand sie übertrieben brav. Im "Klub der Internationalen Freundschaft", einer schulischen Nachmittagsaktivität, die de facto ein Russischklub war (und auch so genannt wurde), lernte man russische Lieder, veranstaltete Teenachmittage und tanzte um einen Spasski-Turm, der von einer besonders hageren Schülerin dargestellt wurde. Der Russisch-Unterricht war in meinem Fall ein Desaster, erst zehn Jahre nach der Wende habe ich plötzlich Feuer für diese Sprache gefangen, und ich frage mich bis heute, ob das ein verspäteter Erfolg des Russischunterrichts in der DDR war, oder ob dieser im Gegenteil mein latentes Interesse so lange unterdrückt hat. Es ist mir unbegreiflich, mit welchem Desinteresse ich acht Jahre Russischunterricht halb somnambul und immer auf die Uhr schielend durchgestanden habe, ohne je die Möglichkeit ins Auge zu fassen, diese Sprache tatsächlich zu lernen. Dafür gab es viel zu viele Wörter, und mein Interesse, mich auf Russisch zu verständigen war sehr gering, für eine gute Note reichte es allemal. Ich ahnte auch nicht, daß Reisen in die Sowjetunion eine abenteuerliche Alternative für Reisen in den Westen hätten sein können.

Eine zusätzliche Motivation sollten wir durch unsere russischen Brieffreunde bekommen, die wir gleich im ersten Russischjahr, also in der fünften Klasse, zugeteilt bekamen. Es war reiner Zufall, wer dabei welchen Brief eines russischen Schülers aus dem Stapel ausgehändigt bekam. Bei den meisten schlief der Briefkontakt relativ schnell wieder ein, aber ich schrieb mir einige Jahre mit Sergej aus Moskau Briefe, die jeweils ein paar Wochen unterwegs waren. Wobei ich mich noch dazu oft wochenlang um eine Antwort drückte, was hätte man sich auch schreiben sollen? Das hätte ich schon auf Deutsch nicht gewußt. Den sprachdidaktischen Klassiker "Briefe an Freunde", den wir als Schulbuch ausgehändigt bekamen, hätte ich freiwillig nie aufgeschlagen.

Um die Monotonie unserer Mitteilungen auszugleichen, machten wir uns Geschenke, Sergejs Briefen waren immer ganze Briefmarkensätze beigelegt, dazu bunte Ansichtskarten und zu Feiertagen bekam ich manchmal ein Päckchen. Ich erinnere mich an ein Damespiel aus Edelholz, mit Matrjoschkas als Spielfiguren, an eine Schreibtischdekoration in Gestalt einer Plastik-Erdkugel, um die ein Raumschiff kreiste, an eine Pelz-Schapka, die mir tragischerweise ein wenig zu klein war und an ein Wolga-"Matchbox"-Modell mit gefederten Radlagern. Zweifelhafte Distinktionsgewinne verschaffte mir ein rotes Halstuch aus Seide, unsere waren aus Kunstfaser und der Rotton war etwas heller. All diese Schätze habe ich irgendwann weggeworfen, was ich inzwischen natürlich bereue (dafür hob ich meine Bifi-Verpackungen lange auf). Ich weiß noch, wie seltsam ich es in den 80ern fand, daß westliche Cousinen sich von uns Lenin-Anstecker wünschten, die seien in der Hamburger Punkszene gerade in Mode. Damit konnte ich sie versorgen, mir lag daran nichts.

Die Briefmarken, auffällig oft mit Lenins kahlem Kopf als Motiv, waren viel opulenter und dynamischer gestaltet als unsere. Mit raffinierten, geradezu poppigen grafischen Mitteln, mit Gold- und Silberfarbe, mit Reliefdruck wurde das immer gleiche Thema variiert. Bei den Ansichtskarten wurde oft mit Dauerbelichtung gearbeitet, man sah menschenleere, nächtliche Moskauer Straßen, durch die sich bunte Schleifspuren von Autoscheinwerfern zogen. Besonders beliebt waren auch 3-D-Postkarten, deren Geheimnis man nie ergründen konnte. Einen 3-D-Taschenkalender besitze ich noch, man sieht darauf den Hund und sein Herrchen aus "Weißer Bim Schwarzohr", einem der traurigsten Kinderfilme, die ich je gesehen habe. Ich fand das damals alles aber wesentlich weniger attraktiv als ein einziges Tim-und-Struppi-Album oder Fix-und-Foxi-Heft, aber die ungewohnte Ästhetik hat dennoch einen Eindruck hinterlassen. Das Konfekt schmeckte furchtbar, aber die Verpackung fiel auf.

Wenn ich mir "Designed in the USSR. 1950-1989" durchlese, ein im Phaidon-Verlag erschienenes Buch zu einer Ausstellung des Moskauer Designmuseums von 2012 - der ersten, die die sowjetische Alltagskultur zum Thema hatte-, kommt die Erinnerung an Sergejs Briefe hoch, und ich grübele, wie man diese Ästhetik beschreiben könnte. Es ist interessant, daß die sowjetische Alltagskultur in einer englischen Ausgabe einem englischsprachigen Publikum vorgestellt wird, denn vieles, was hier zu sehen ist und beschrieben wird, gilt genauso für DDR-Alltagskultur, nur daß ich bezweifeln würde, daß diese im Ausland auf Interesse stoßen würde. Ich habe auf Reisen mühsam ähnliche Bücher aus Bulgarien, Tschechien, Ungarn und Jugoslawien aufgetrieben und träume von einem wissenschaftlich kuratierten Museum der Alltagskultur des Ostblocks, in dem das Design aus den verschiedenen Ostblockstaaten, einschließlich Vietnam, Kuba, Angola und Moçambique gesammelt und verglichen würde. Woran erinnern sich die Menschen? Was ist noch in Gebrauch? Was wird wieder hergestellt? Welche Produkte aus den "Bruderländern" waren jeweils bekannt oder populär? (Dauerlutscher aus Polen, Tischtenniskellen aus Vietnam, Orangen aus Kuba, Etch-A-Scetch aus Ungarn, Letscho aus Bulgarien). Wurde nach der Wende überall so schnell und so viel wie möglich ausgetauscht und weggeworfen, oder nur, wenn man es sich finanziell leisten konnte?

Welche Parallelen zur DDR gab es in der Sowjetunion? Auf jeden Fall die Nonchalance, mit der man westliche Muster kopierte, z.B. eine Vespa (aber auch den ostdeutschen Goggo-Roller, der hier Tula T-200 hieß), oder einen Tischventilator von Braun. (In Bulgarien hat man gleich den ganzen Apple II nachgebaut). Wobei die Anweisung oft von Oben am, weil man Kosten sparen wollte, weswegen eigene, interessante Entwürfe nicht zur Ausführung kamen. Mich haben immer die merkwürdigen Doppelungen irritiert, daß es einen Pinocchio gab, der aber Burratino hieß, und daß "Der Zauberer der Smaragdenstadt" auf dem "Zauberer von Oz" basierte, auch "Hase und Wolf" erinnerte auffällig an "Tom und Jerry". Daß "Dr.Aybolit" ein Vorbild namens "Dr.Dolittle" hatte, wurde mir erst Jahre später klar.

Wie in der DDR wurde ein zentrales, staatliches Design-Institut geschaffen (wobei das Wort "Design" bis in die 80er Jahre verpönt war, man nannte es "technische Ästhetik", in der DDR "Formgestaltung"). Wie in der DDR waren Fabrikdirektoren nicht an gestalterischen Innovationen interessiert, so etwas störte nur dabei, den Plan zu erfüllen. In der DDR konnten die Glasbläser die Nachfrage nach den beliebten Römergläsern nie erfüllen, wozu sollte man dann von Designern gestaltete Gläser herstellen, die die Arbeiter häßlich fanden?

Typisch war, daß der Mangel zu einer Art Kultur der Nachhaltigkeit zwang. Geplante Obsoleszenz war undenkbar, man sollte die Produkte fürs Leben kaufen und selbst reparieren können. Das DDR-Handrührgerät RG28 hat manche Ehe überlebt. Material wurde gespart, wo es ging und durch billigere Varianten ersetzt. Immer mehr Metall- und Holzteile waren bei neueren Modellen aus Plastik. (Ich besitze noch eine DDR-Steckdosenleiste, die bunt gesprenkelt ist, weil sie offenbar aus geschmolzenen Kunststoffresten besteht. Immerhin funktioniert sie einwandfrei, anders als die Steckdosenleisten von OBI, in die man kaum einen Stecker gewürgt bekommt.)

Genau wie in der DDR wurden in der Sowjetunion Einkaufsnetze benutzt (ich benutze meins heute noch). Sie waren praktisch unzerstörbar, dehnten sich beim Befüllen immer weiter aus und nahmen andererseits kaum Platz in der Tasche ein. So war man für den Fall gewappnet, daß es irgendwo unerwartet "etwas gab". Wie in der DDR gab es in der Sowjetunion (die von manchen anbiedernd lässig "SU" genannt wurde) Periskop-Trinkbecher, die man immer dabeihaben konnte, und die man dort für die Trinkautomaten benutzte, an denen sonst alle aus demselben, dort bereitstehenden Glas tranken. Viele Fähigkeiten, die man heute, angesichts von Corona, wieder bräuchte (einwecken, basteln, improvisieren, tauschen, borgen, Geduld) waren damals selbstverständlich und sicherten einem Vorteile dabei, den Mangel an Konsumgütern auszugleichen.

Wenn in der DDR aus ideologischer Borniertheit, oder aufgrund von Weisungen aus Moskau, tragischerweise die Chance verpaßt wurde, nach dem Krieg an das Bauhaus-Erbe anzuschließen (auch wenn viele Bauhäusler in der DDR gearbeitet haben), dann war in der Sowjetunion ein ähnlicher Fall mit den Konstruktivisten gegeben, deren radikale Ansätze einer ästhetischen Gesellschaftsreform aus den 20er Jahren mit dem sozialistischen Realismus verdrängt wurden (auch wenn die konstruktivistische Ästhetik in der graphischen Gestaltung immer wieder auftaucht, aber z.B. auch im Design von Plastikspieltieren.) So, wie die Konstruktivisten im Orkus versanken, ereilte die sowjetische Ästhetik mit dem Fall der Mauer das Schicksal, verdrängt zu werden, inzwischen gibt es aber auch dort Retro-Phänomene, nur daß von so etwas nicht immer das Design und die Produkte betroffen sind, die es verdienen würden (bei Netto gibt es Büchsen mit "NVA-Feldsuppe". Wahre Kostbarkeiten kann man dagegen bei formost.de bestaunen und bestellen.)

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Kommentare 1
  1. Cornelia Gliem
    Cornelia Gliem · vor mehr als ein Jahr

    interessant

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