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Literatenfunk

Sing
Jan Kuhlbrodt
Autor und Philosoph

*1966 in Karl-Marx-Stadt
Studium in Leipzig und Frankfurt am Main
Redakteur bei EDIT und Ostraghege
freier Autor
letzte Veröffentlichungen: Kaiseralbum (Verlagshaus Berlin), Das Modell (Edition Nautilus), Die Rückkehr der Tiere (Verlagshaus Berlin)

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piqer: Jan Kuhlbrodt
Samstag, 25.07.2020

Sing

Ich habe das Buch gestern mit der Post erhalten, und ich habe eine ziemlich unruhige Nacht verbracht, weil ich es nicht lange zur Seite legen konnte. Immer wieder habe ich danach gegriffen. Irgendwann bin ich dann doch eingeschlafen, aber nur, um heute am Morgen, nachdem ich mir einen kräftigen Kaffee gemacht hatte, weiterzulesen.

Es sind kurze Geschichten anfangs. Die Spannung ergab sich also nicht aus einer übergreifenden Gesamthandlung. Jede Geschichte für sich ist kristallin. Aber ich entwickelte beim Lesen eine Sucht, die mit dem Ende jeder einzelnen Geschichte auf die jeweils folgende übersprang. Das hat natürlich auch mit der Sprache zu tun.

„Ungeachtet dessen, dass ich ich in diesen Städten keinen Job habe, schaue ich nach Häusern, und frage mich, ob sie ein Zuhause sein könnten.“

So heißt es in einer Geschichte, und dieser Satz, der eine generelle Unbehaustheit ausdrückt, könnte als Motto über dem Ganzen stehen. Nicht nur dem Ganzen dieser Texte.

„Sing so it“ heißt der neuer Band mit Stories von Amy Hempel, der 2019 im New Yorker schienen ist und nun in deutscher Übersetzung von Annette Kühn und Christian Lux unter dem Titel „Sing“ im Marix Verlag vorliegt. Es ist der dritte Band Hempels in deutscher Übersetzung, und ich meine, es ist gut sie alle zu lesen, weil sich die Kunst der Autorin aufbaut und gleichzeitig konzentriert, und was in diesem neusten Buch literarisch vorgeht ist einzigartig.

Eine Geschichte heißt „Vier Anrufe in der letzten halben Stunde“, sie ist nur eineinhalb Seiten lang, aber in Ihr konzentriert sich auch eine Poetik dieser Geschichten; die Differenz zwischen Sehnsucht und des Erfüllungspotentials.

Vor einigen Tagen hatte ich ein Buch von Hempels Kollegin Lydia Davis vorgestellt. Diese beiden Autorinnen sind für mich so etwas wie die Fixsterne zeitgenössischer kurzer Prosa. Wenn Davis aus dem universitären Raum in die verwobenen Strukturen der Aktualität leuchtet, um aus den Reflexionen Geschichten zu bauen, bezieht Hempel ihr Licht aus dem Schimmer amerikanischer Vororte, mit Häusern, die einen festen Zustand nunmehr suggerieren. Unter der obersten Farbschicht beginnen sie zu zerbröseln. So wie letztlich auch die Protagonistinnen und Protagonisten auf schwankendem Boden operieren und versuchen, ihre Festigkeit aus künstlichen Idealen zu gewinnen. Alles, was aus den ersten Blick als vorbildlich taugen könnte, erweist sich bei näherem Hinschauen als marode.

So entpuppt sich zum Beispiel in der letzten Geschichte des Bandes ein Vater, der im Nachbarhaus der Protagonistin lebt, seinen Adoptivtöchtern gegenüber als das Gegenteil von einem Retter. Und sicher sucht die Protagonistin nach einem Halt, der ihr vorenthalten wird. Der Einzige, der ihr freundschaftlich einen bieten könnte, stirbt an Aids. Das erfährt man in kleinen erzählerischen Einsprengseln, die kaleidoskopartig aufploppen. 

Das ist aber nur ein Moment des Grauens in dieser letzten Geschichte, die mit rund achtzig Seiten die längste des Bandes ist. Zugleich ist sie ein Paradebeispiel gelingender narrativer Struktur. In dieser Story sind die verschiedenen Erzählungen so verschränkt, dass die beiden Hauptstränge sich auf eine beklemmende Art gegenseitig beleuchten und gleichzeitig ein punktuelles Aufflammen von Akzidenzien erlauben. Die erzählte Gegenwart der Hauptheldin, die in der ambulanten Pflege in Florida tätig ist, bekommt immer wieder Stöße aus einer dramatischen Vergangenheit. Ich möchte an dieser Stelle nicht zu viel verraten, auf jeden Fall sei gesagt, dass die Unmöglichkeit eines Abschüttelns vergangenen Lebens hier einen grandiosen Ausdruck findet.

Wie meist, wenn ich an das Grauen denke, fällt mir natürlich Poe ein, der allerdings in seinen Geschichten das Unheimliche noch heranzitieren muss, während es sich bei Hempel aus einer inneren Struktur des Alltäglichen selbst ergibt. Dabei sind die Erzählungen von eine einzigartigen Sanftheit. Hammer!

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