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Literatenfunk

SEIN GELASSEN  - das Trostbuch
Monika Rinck
Autorin
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piqer: Monika Rinck
Donnerstag, 04.05.2017

SEIN GELASSEN - das Trostbuch

„Prolegomena zu einem Trostbuch, das nie geschrieben worden sein würde.“ Über viele Jahre hinweg wurde dieses Buch angekündigt. In unzähligen Gesprächen in irgendwelchen dunklen Klitschen und halb entleerten Bars kreiste es als das lange erwartete Trostbuch. Das war sein Arbeitstitel: Das Trostbuch. Dann bestellten wir wieder die letzte Runde, und wieder. Über der Tür tickte die Uhr, die nicht anhielt, was auch immer wir herauszögerten bis zum Morgengrauen. Das war vor fast 20 Jahren. Jetzt ist das Buch erschienen; es heißt „SEIN GELASSEN“, und fügt sich in die Gattung der „Aufzeichnungen“ ein. Der Dichter und Übersetzer Hendrik Jackson hat es geschrieben. Das Buch ist etwa so groß wie eine Postkarte, aber natürlich viel dicker. Die scharfen Kanten der Buchstaben wirken auf der grauen offenen Pappe des Einbandes wie erhellt, der erste Satz ist darauf im Reliefdruck ertastbar.

Er lautet: „es waren sonderbare Umstände, unter denen ich eines Morgens aufwachte: jener Halbschlaf, der uns zuweilen verschwommene Bilder eingibt, die auch noch im Wachzustand unsere Gedanken verwirren, war es nicht, der mich einhüllte, sondern hellste Klarheit stand im Raum, oder war da, wie Musik aus Kopfhörern in einem ist, nicht von links und nicht von rechts, sondern in einem weiten Raum ausgebreitet, einem Raum, den der Kopf gar nicht umgrenzen könnte.“

So beginnt es also bereits, bevor es angefangen hat. Die Schrift im Buch (namens Portrait Text) wirkt größer als sie ist. Ich habe diesen Band in der letzten Zeit vier Mal gelesen, gewisse Stellen acht Mal oder zwölf Mal, er hat mich auf vielen Reisen begleitet, und ich weiß immer noch nicht, worum es sich handelt und wie ihm gelingt, was es tut. Egal, wo man das Buch aufschlägt, scheint es neu zu beginnen. Ich stellte fest, dass ich es kaum beschreiben kann, ohne dass sein Stil mich affiziert; eine unfreiwillige Anverwandlung findet statt, eine Versuchung oder meine Unfähigkeit, mich zu distanzieren.

Worum geht es: Der Erzähler verliert eine Freundin oder Geliebte, die er noch nicht lange kannte, sie ist in der Donau ertrunken, man vermutet, sie habe sich umgebracht. Angesichts der unaufhörlichen Gegenwärtigkeit des Verlustes beobachtet der Erzähler noch die kleinsten Veränderungen in dieser Zeit und liest, wenn er die Geduld zur Lektüre findet, die vorsokratischen Fragmente des Parmenides: Sein ist und Nichtsein ist nicht. Als wäre da noch ein winziges Ding in einem Resonanzraum, der sich katastrophal weitet, angesichts einer Antwort, die immerzu ausbleibt. Tertium datur, ein Drittes entsteht? Ist das so? Sich in die altgriechischen Buchstaben hineinzuvertiefen, wie in das Bild einer Schrift: das ist eine undurchdringliche Form der Andacht, eine Meditation des eigenen Unvermögens, die unersetzliche Entzifferung „diese[r] für mich fast sprachlosen Sprache“.

Wie soll ich sagen: „SEIN GELASSEN“ ist wirklich ein trauriges und ein tröstliches Buch. Es ist ein hellwaches, ein schlafwandlerisches Buch, ein Buch, das die in den Halbschlaf zurücksinkenden Gedanken festhält und loslässt. Das erhellt und verdunkelt. Es ist ein Erinnerungsbuch, das sich von den Erinnerungen löst und sie auf keinen Fall preisgibt. Es ist sehr klar, und gleichzeitig verwaschen oder verklärt, geblendet, verschwommen und streng. Und ohne jede Strenge, wie etwas, das resignativ aufgeht, weil nun ja doch alles gleich ist. Aber es ist nicht gleich. Es ist verdreht. Und völlig unverdreht. Bei jedem Lesen ist es anders. Es ist wach und niemals aufgewacht. Es schläft und ist niemals eingeschlafen. Es folgt noch dem geringsten Reiz und bleibt stehen, wo der Strom das Ufer mitnimmt. Es rauscht, schaut, blinzelt und öffnet kein einziges Auge. Es wird die Lider nie wieder schließen. Es hat diese Stimme. Es hat die andere Stimme. Es ist ein Schneebild, und es steht im Finstern. Und es flackert so langsam, dass das Auge nicht mit kann. In der Zwischenzeit verändert sich Berlin, die Freundinnen und Freunde verdienen ihr Geld nur noch auf Reisen, nie sind sie da. Die Erhöhung der Mieten treibt sie auseinander, die Zeit wird knapp, gedankenlose Differenzen setzen sich ungehindert durch. Man kann sich nicht mehr treffen. Über der Tür der dumpfen Klitsche tickt immer noch dieselbe Uhr. Hin und wieder hört man, es sei jemand schwer erkrankt, aber inzwischen, zum Glück, auf dem Weg der Genesung. Und immer wieder: Tickets buchen.

Auf Seite 93 heißt es: „zugleich fielen mir immer öfter diese Zeilen des Dichters Zajc ein: für alles wirst du bezahlen, aber am meisten für deine Geburt.

     und das schloss die anderen ja mit ein, waren wir gefangen, nicht nur in uns selbst, alle ineinander, sondern noch in etwas Größerem, aus dem wir nicht lebend hinauskommen würden.

     das Wort mag es richten, beruhigte ich mich. und wenn ich ironisch zu einem Freund sagte: „meine unsterbliche Freundin ist gerade bei mir“ – so waren doch diese Worte dazu „angetan“, das Gefühl ihrer Präsenz fast überlaufen zu lassen, unerhörte Nähe zu simulieren – und das trotz des Sentiments, das die Ironie kaum zu verbergen wusste und das mir zuwider war, aber hartnäckig, vergleichbar der Eitelkeit, immer wieder auftauchte.“

Das Buch beschreibt eine unauslöschliche Nähe, die so weit weg ist, dass sie sich nicht mehr erkennen lässt. Es spült Bilder ins Bewusstsein und nimmt sie wieder fort. Es tönt. Es ist ganz und gar lautlos. Es ist immer wieder anders bei jedem weiteren Lesen. Es lässt die harte Schale havarieren, durchsiebt die Kabinen, es hat die frühen Jalousien geschlossen, es hält die Fenster offen. Es ist in den Gliedern und um sie herum. Es kommt nirgends heran und ist mitten darin. Es ist ein Buch der endlosen Räume, die immerzu aufhören. Es steht alles undeutlich im hellen Licht mit scharfen Kanten ganz deformiert im Nebel da. Sie hatte sich (vermutlich) umgebracht. Er hatte es nicht kommen sehen. Er versteht und versteht es nicht. Er liest Parmenides: Sein gibt es und Nichtsein gibt es nicht. Aber wann gilt was? Die Null lässt sich noch denken, nicht aber das Minus. Die doppelköpfige Menge parliert und ist sich nicht sicher.

Es ist ein trauriges Buch, doch es ändert sich wie das Wetter, so dass es immer wieder anders ist, es wechselt ständig sein Gewicht, es wechselt seine Form. Wie es das tut? Weiß man nicht. Nur dass etwas plötzlich darin wieder anzutreffen ist, dieses kaum noch wieder zu erkennende Gefühl, das früher hin und wieder die Lektüre von Gedichten begleitete, eine knirschende Traurigkeit, die wie mit einem Seufzer weggefegte Schwere, tonlos und plastisch, als würden man mit dem Atem lesen und nicht mit den Augen, ein Fingertipp, etwas Wind, ein Gefühl, das es heut fast nicht – – – – –

Hendrik Jackson: sein gelassen. kookbooks 2016.

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