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Literatenfunk

Seethaler vs. Johnson
Jan Brandt
Schriftsteller

Geboren 1974 in Leer (Ostfriesland), veröffentlichte 2011 den Roman "Gegen die Welt" und 2015 den Reisebericht "Tod in Turin". 2016 erscheint "Stadt ohne Engel – Wahre Geschichten aus Los Angeles".

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piqer: Jan Brandt

Seethaler vs. Johnson

Monatelang haben Freunde mich immer wieder auf „Ein ganzes Leben“ hingewiesen, den Bestseller von Robert Seethaler. Das, sagten sie, müsse ich lesen. Das werfe einen um. Jetzt habe ich es gelesen. Und es hat mich nicht umgeworfen. Seethaler erzählt darin die Geschichte von Andreas Egger, der in den österreichischen Bergen aufwächst, von seinem Ziehvater zum Krüppel geschlagen wird, der ungeachtet dessen Bäume fällt und Seilbahnen baut, der sich verliebt und seine Frau bei einem Lawinenabgang verliert, der im Zweiten Weltkrieg im Kaukasus auf einem Gipfel die Stellung hält und in Kriegsgefangenschaft gerät, der zurückkehrt und weiterlebt in seinem Heimatdorf bis zum Ende.

Ein karges Leben, ohne Luxus und Sehnsucht nach Mehr, und doch trotz all der Härte, trotz aller Widrigkeiten ist es ein erfülltes Leben. Seethaler bedient sich einer einfachen und kraftvollen Sprache, jeder Satz sitzt. Das Buch hat mich nicht umgeworfen, weil ich, als ich es jetzt las, Denis Johnsons Novelle „Train Dreams“ schon kannte, weil dieses noch schmalere Buch zum Besten gehört, was je geschrieben wurde, und weil die Ähnlichkeiten frappierend sind, auch wenn Seethaler nicht von Johnson abgeschrieben hat.

In beiden Büchern ist es die Geschichte eines einsamen, starken Mannes, der sich dem Schicksal stellt und unter den Schlägen nicht zerbricht. Die Szenen bei Johnson sind eindrücklicher, der Dialoge nachklingender. Und das Übernatürliche, Geisterhafte, das beide Texte durchzieht, ist bei Johnson motivisch konsequenter umgesetzt. Während Egger der kalten Frau begegnet, einer Wiedergängerin seiner großen Liebe, ist es bei Johnson ein Wolfskind, in dem Robert Grainier, der Held, seine eigene Tochter wiederzuerkennen glaubt. Und einmal, ganz am Schluss, hört er bei einer Freakshow den Gesang eines Wolfsjungen, „ein Geräusch wie ein Wind, der aus allen vier Himmelsrichtungen kam, tief und furchterregend … das ursprüngliche Ideal aller solcher Geräusche …“. Diese Magie bleibt unübertroffen. 

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Kommentare 1
  1. Ulrike Draesner
    Ulrike Draesner · vor etwa einem Jahr

    danke für den hinweis auf johnson. das "genre" einsamer starker mann und wolf/berg/lawine... interessiert mich. sollte mal verändert werden.

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