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Literatenfunk

Schön schwindelig
Jan Kuhlbrodt
Autor und Philosoph

*1966 in Karl-Marx-Stadt
Studium in Leipzig und Frankfurt am Main
Redakteur bei EDIT und Ostraghege
freier Autor
letzte Veröffentlichungen: Kaiseralbum (Verlagshaus Berlin), Das Modell (Edition Nautilus)

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piqer: Jan Kuhlbrodt
Freitag, 31.01.2020

Schön schwindelig

Es gab in den Literaturlisten, die ich anfertigen musste, um während des Studiums meine akademische Redlichkeit zu beweisen, die Trennung von Literatur und Sekundärliteratur. Letzteres sollte wohl Texte bezeichnen, die sich auf andere vorliegende Texte bezogen, den Gehalt aus ihnen zogen, sich gewissermaßen parasitär aus anderen Texten speisten. Solche Texte mag es geben, aber warum sollte man sie lesen, wenn sie dem, auf das sie sich beziehen, nichts zusetzen? Dann kann ich doch gleich das Original lesen. Das Original zu lesen, heißt aber auch, auf Prüfungshilfen zu verzichten, die einen Text in wenigen Grundthesen zusammenfassen, auf Schlagworte herunterbrechen, in Prüfungswissen verwandeln, das man wahrscheinlich eine halbe Stunde nach der Prüfung wieder vergessen hat. Aus Sekundärliteratur ließe sich also nur ein Wissen ziehen, welches dann schon nicht mehr sekundär sondern maximal tertiär zu nennen wäre. Zumeist werden solche Produkte der Sekundärliteratur von Wissenschaftlern oder Wissenschaftlerinnen angefertigt, die damit weniger Wissen schaffen, sondern vorhandenes eher verwalten, und im Verwaltungsakt geht immer Substanz verloren.

Anders verhält es sich mit Literatur, die sich zwar auf vorliegende Texte bezieht, sich aber in ihrer Beschäftigung nicht auf die Reproduktion des Vorliegenden beschränkt, die das Vorliegende umkreist, in es eindringt, daraus Kraft zieht, um ihre eigene Kraft zu entfalten, die also, wenn man so will, als Sekundärtext startet, aber im Verlauf wie ein im Schnee rollender Schneeball an Substanz gewinnt, sich letztlich selbst als primär erweist, die als auslegender, kommentierender Text also selbst wieder Auslegungen und Kommentierungen zulässt und auch herausfordert, und somit einen Diskurs, der irgendwann mit einem fremden Text den Anfang nahm, über sich hinaus treibt. Ich glaube, es war Christoph Menke, der in seinem Buch „Die Souveränität der Kunst“ darauf verwies, dass das Kunstwerk den Mittelpunkt bilde, um den sich ein endloser Diskurs ranke, ein Mittelpunkt, der dahingehend leer bleibe, dass er niemals erschöpfend ge- oder erklärt werden kann.

Ein Buch von Thomas Schestag, das gerade bei Matthes & Seitz erschienen ist, trägt den bezeichnenden Titel „Namenlose“, bezeichnend dahingehend, dass es auf eine Unmöglichkeit der eindeutigen Bezeichnung abhebt, aber auch auf das Changieren in der Mehrdeutigkeit der Sprache, der literarischen Sprache zumal, die einerseits die Abwesenheit eines Namens in diesem Begriff konnotiert, aber eben auch eine fehlende Festigkeit im Namen. Und solcherart Doppel- oder Mehrfachdeutigkeiten begegnen den Leserinnen und Lesern immer wieder, lassen sie aus ihrer Rolle treten, erst zum Interpreten werden und später letztlich auch zu Textproduzenten, aus dem Sekundären heraus ins Primäre.

Schestag lehrt derzeit in Providence, dieser Stadt mit dem bezeichnenden Namen, und ist darüber hinaus Essayist und Übersetzer. Zum Beispiel übersetzte er den Band "Hölderlin-Hybride" der ebenfalls in Providence ansässigen Dichterin Rosmarie Waldrop.

Im Zentrum von Schestags Buch, oder zumindest dort, wo mir als Leser im Augenblick das Zentrum des Buches erscheint, findet sich eine Erzählung von Franz Kafka. Sie heißt: „Die Sorge des Hausvaters“ und ist typografisch so abgesetzt, dass sie wie ein Samen wirkt, oder besser ein Kraftfeld, aus dem sich weiterer Text generiert. Es geht in dieser Erzählung um Odradek, einem Wesen, das an eine Treppe gelehnt, einer Zwirnrolle gleicht, Sternzwirn, der in der Rolle zwar rollen kann, aber in einem bestimmten Rhythmus, von der Sternförmigkeit der Pappe vorgegeben, auf der, oder um die herum er aufgerollt ist. Vielleicht verleiht dieses rhythmisch Unrhyrhmische dem rollenden Humpeln etwas menschlich Künstliches. Aus dieser Kafkaschen Erzählung heraus entspinnt sich ein Text, der die verschiedensten Impulse aufnimmt, über Namen reflektiert und zum Beispiel auch über die Doppeldeutigkeit des Begriffes Abfall im Sinne von Müll, aber eben auch im Sinne vom Abfall von einer Religion.

Der Text Schestags bohrt auch andere Kraftquellen an. Von Goethe über Auerbach bis Homer.

Es kann einem zuweilen schon schwindelig werden bei der Lektüre, aber es ist der Schwindel einer Achterbahnfahrt oder einer Fahrt auf dem Kettenkarussell. Ein Schwindel, der nicht geschwindelt ist, und den zumindest ich als Leser genießen kann und der letztlich zu einer neuen oder erweiterten Klarheit führt.

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