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Literatenfunk

Andreas Merkel
Einzelsportarten, die man nicht allein betreiben kann

Sachbuchautor über Romane in Berlin. Letzte Veröffentlichung: über ein Leben mit dem 1. FC Köln ("Fanfibel", culturcon). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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piqer: Andreas Merkel
Mittwoch, 26.07.2017

Schneeflocke? - Zunge! Sommerlyrik für Sitzenbleiber

Im Juli Gedichte lesen fühlt sich zugegebenermaßen ein bisschen an wie Sechste Stunde Deutsch vor den großen Ferien und alle anderen sind schon weg (… beliebte Einsamkeitsvorstellung der letzten achtundzwanzig Sommer: als einziger sechs Wochen in der Schule sitzengeblieben zu sein). Aber das Gedicht „an meinen vater“ hab ich mir tatsächlich letztes Wochenende am Bodensee besorgt, wo es in der FAZ drin war, die ich mir in einem aus der Zeit gefallenen Tabak- und Zeitungsladen kaufte, der nur noch drei Schachteln Zigaretten im Regal führte und eben die FAZ (… für die WELT war ich dann doch noch nicht fertig genug, nachdem ich in der sogenannten „Literarischen Welt“ die Sexismus-Debatte im Literaturbetrieb entdeckt hatte – ganz im Ernst: ihr wisst schon, dass die Leute deswegen zu Trump oder zum IS gehen, weil sie vom korrupten Correctness-Empowerment des guten alten liberalen Westens die Schnauze voll haben?).

Also mit der FAZ zum Strandbad von Überlingen (nebenan wohnte Walser). Im Feuilleton stand der übliche Sommerloch-Scheiß (Julian Nida-Rümelin-Rezensionen), und ich watete zur Erfrischung erst mal raus in den flachen See und schwamm zum wassereinwärts gelegenen Sprungturm, wo es tiefer war. Nicht-Zeitungsleser Schmidt zu Ehren sprang ich vom Dreier (Jochen soll demnächst für die ZEIT vom Zehner springen, viel Glück!), vergaß aber beim Eintauchen auszuatmen und hatte anschließend den Bodensee im Nasen-Ohr-System, ein ähnlicher Geschmack in den Nebenhöhlen wie nach dem Kotzen.

Zurück auf der Liege entdeckte ich hinten im FAZ-Feuilleton dann doch noch was Lesenswertes: ein Gedicht von Arne Rautenberg, mit dem ich in Kiel mal zur Uni gegangen bin, den ich aber persönlich nicht kenne. Es heißt „an meinen vater“ und ist in der schönen Reihe LYRIKPAPIRI im Horlemann-Verlag erschienen, der dazugehörige Band heißt auch super, nämlich „nulluhrnull“ (aktueller amazon-Rang 292.396). Das Gedicht lasen wir uns gegenseitig von Liege zu Liege vor:

an meinen vater

für dich bin ich

gestorben

so wurds mir kolportiert

was zwischen uns

verdorben

hat unsern weg

markiert

nun bist du alt

ich werd es auch

und muss dein schweigen

schlucken

nun wirst du schlank

ich kriege bauch

spür unser

achselzucken

uns eint mein leichtes

kindheitsall

auch wenn du dich

abwendest

bist du mir warmer

widerhall

wo immer du auch

endest

Danach die Interpretation von Kai Sina aus der FAZ-Anthologie, wodurch ich überhaupt erst den Einstieg anders kapierte. Und zwar den umgangssprachlichen Sinn („der is für mich gestorben“). Ich war im Gedicht-Modus gewesen und hatte es eher wörtlich biblisch genommen: wenn der Sohn tatsächlich für den Vater stirbt. Dazu (zur Überlieferung in der Bibel) hätte auch das schöne „so wurds mir kolportiert“ gepasst, fand ich. Und ehrlich gesagt war mir noch nicht mal klar, wer genau für wen gestorben war. Möglich erschien mir auch eine Version, in der dem Sohn erzählt wurde, der Vater hätte gesagt, dass er (also der Vater) für ihn (also den Sohn) gestorben wäre. Oder gerade stirbt, denn alles andere wäre ja posthume Kommunikation, Telepathie (also rein lyrisch auch möglich, denn rein lyrisch ist alles möglich).

Aber diesen ganzen Gedankenzweig hatte Sina da überhaupt nicht reingelesen, siehe unten. Ich dachte dann noch eine Weile in der Sonne liegend über das merkwürdig archaische Konzept des „für jemanden sterben“ nach, das uns ja überhaupt nur eben gerade noch so bekannt, aber nicht mehr vertraut ist, und dazu fiel mir ausgerechnet die andere komische Feuilleton-Debatte dieser Tage um den FAZ-Theaterkritiker Simon Strauß ein, beziehungsweise dessen neuen Roman „Sieben Nächte“. Florian Illies hatte mit ihm in der ZEIT die Rückkehr des „Pathos in den Besteckkasten der Moderne“ ausgerufen und Michael Wolf auf nachtkritik.de das Buch gegen die „feige Ironie“ der Gegenwart gelobt.

Im Gegensatz zur gängigen Kulturkritik weiß ich nicht, ob „Feigheit“ überhaupt noch ein Begriff für unseren „Besteckkasten“ ist – und ob man das bedauern oder befürworten soll (ganz abgesehen davon, dass Ironie bei allem Nervpotential wohl doch eher eine Erkenntnis denn eine Moral innewohnt). Jedenfalls bleibt Feigheit auch in postheroischen Zeiten einer der schwersten Vorwürfe, der miesesten Charaktereigenschaften, die ich mir vorstellen kann. Und ebenso sicher gibt es in unserem Leben einen Mangel an Anlässen, nicht feige (oder tapfer) zu sein. Vielleicht wäre es nicht feige, für jemanden zu sterben, aber dafür fehlten mir an diesem letzten sonnigen Julitag im Strandbad die geistigen Settings (höchstens dramatischere Formen von Organspende, oder wie sich Winnetou schützend vor Old Shatterhand wirft, oder wenn Jeff Tweedy singt: I will always die so you can remember me…).

Und ganz am Ende war ich mir auch nicht mehr so sicher, ob das Ende von Arne Rautenbergs Gedicht so versöhnlich ist, wie von Kai Sina interpretiert. Dafür ist mir die Gegenüberstellung von „abwenden“ und „enden“ zu leicht weggereimt. Ich würde es eher als beeindruckend kalte Gleichgültigkeit lesen. Eine kalte Gleichgültigkeit (zwischen Vätern und Söhnen), die sich in besser Momenten wie die Bedingung aller Aussöhnung anfühlt. In schlechteren wie das Ende der Welt (in einem Gedicht).

PS: Die Überschrift zitiert ein anderes, sensationell kurzes Gedicht von Arne Rautenberg (das im Link sehr schön erklärt wird). Das auf dem Foto ist nicht Arne Rautenberg, sondern mein Lieblingslyriker (kleine Belohnung fürs Gesamtgenre).

Schneeflocke? - Zunge! Sommerlyrik für Sitzenbleiber
7,1
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Kommentare 1
  1. Milla Well
    Milla Well · vor 9 Monaten

    für mich steht hier in der vorschau "estorben" was meinen Leseeindruck arg verwirrt hat