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Literatenfunk

Schiffbruch #2 Jean-Yves Domalain

Quelle: Karl van Worm / Wald auf Savaii, 2014

Michael Kröchert
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piqer: Michael Kröchert
Freitag, 16.12.2016

Schiffbruch #2 Jean-Yves Domalain

„Natürlich kommt es oft genug vor, dass ich mich fürchte, vor allem im Urwald, und daher ist es mir selbstverständlich geworden, mich dem Recht des Stärkeren zu beugen.“

„Auf eine Dummheit mehr oder weniger kommt es ja jetzt nicht mehr an.“

Panjamon. Jean-Yves Domalain.

Draußen ist es kalt. Nieselregen. Ein Grad Celsius. Miese Laune. Zeit sich zurückzuziehen. Alleine zu sein, das Internet auszuschalten, das Handy zu verstecken, Verbindungen zu kappen. Desintegration? Autosegregation? Whatever! Ich drehe die Heizung hoch. Kontrolliere die Vorhänge. Tee und Kekse müssen her. Ein Glas Schnaps. Fehlt nur noch eine Kleinigkeit. Ich gehe zum Regal mit den Reiseberichten und greife zu. Lasse mich in den Sessel fallen. Der Trip geht nach Borneo.

Unser Gefährte für die nächsten Stunden heißt Jean-Yves Domalain. Unschwer zu erraten aus welchem Kulturkreis er stammt. Er trampt von Europa über Pakistan und Indien bis nach Indonesien. Der Stil, in dem er sein Buch verfasst, ist typisch für ein Abenteuerbuch. Was allerdings nur am Anfang stört, denn von Seite zu Seite werden seine Erlebnisse so aufsehenerregend und ungeheuerlich, krude und wahnsinnig, dass Stil unwichtig wird. Die wahre Tonart, in der diese Story erklingt, wird eh auf einer anderen Ebene vorgegeben. Es passiert auf Seite 9, als er erwähnt, dass er von einem Affen begleitet wird, den er an einem Kettchen mit sich führt. Wie und unter welchen Umständen er dieses Äffchen an sich nimmt, ist dem Autor keine drei Zeilen wert. Wie dem auch sei; er nennt das Tier Totoche. Nun sind wir zu dritt. Wir betreten den Urwald. Ich brauche einen zweiten Schnaps.

Der Klappentext kündigt unseren Mann als Zoologen und Verhaltensforscher an. Doch schon nach zwanzig Seiten ist klar, dass es sich hier nicht um einen Wissenschaftler handelt, sondern um einen Chaoten, Vollblut-Autodidakten und Abenteuer-Schwerenöter. Eine reizvolle Mischung! Vor allem seine radikale Verantwortungslosigkeit gegenüber sich selbst, seinem Körper, seiner Umgebung und allen seinen Handlungen hat etwas Erfrischendes.

Längst sind wir mitten im tiefsten Regenwald Borneos. Unser Held weiß selbst nicht, ob er sich noch in Indonesien oder schon in Malaysia aufhält. Ja, er gibt sich längere Zeit der Beobachtung von Tieren hin, aber schnell setzt er sich in den Kopf, zu den Kajans und dann zu den Ibans zu reisen, die ohne Kontakt zur „Zivilisation“ den Urwald bewohnen. Kurz darauf irrt er mehrere Wochen allein und orientierungslos durch den Urwald. „Selbst heute kann ich meine Entscheidungen mitten im Urwald weder analysieren noch verstehen. Ich muss damals etwas durchgedreht gewesen sein, auch schrecklich leichtsinnig, wozu wahrscheinlich eine gute Portion Fatalismus kam.“ Erst kurz bevor er verhungert, entdeckt er eine Reuse in einem kleinen Bach und weiß, dass endlich Menschen in der Nähe sind.

Jean-Yves wird von den Ibans, die als extrem gefährlich und mordlustig eingestuft werden, nicht umgebracht, sondern bestaunt und nach einem furchterregenden Gelage aufgenommen. Ab sofort lebt der Franzose unter den Bedingungen, unter denen unser aller Vorfahren vor x-Tausend Jahren gelebt haben: In einem Familien- und Stammesverband bestehend aus 50 bis 80 Personen, die von der Jagd, vom Sammeln und (spärlichen) Reisanbau leben. Ihre Haustiere leben halb-wild in ihrer unmittelbaren Umgebung. Ein Nachbardorf ist viele Tagesmärsche entfernt. Nur ganz wenige Gegenstände aus Eisen oder Kupfer sind vorhanden. So gesehen nehmen wir an einer doppelten Zeitreise teil. Schon der erste Schritt ist verhältnismäßig gewöhnungsbedürftig: Domalain startet Mitte der 1960er Jahre, kurz bevor der Hippie-Rush auf Asien eingesetzt hat. Doch der zweite Schritt ist faszinierend, denn wir befinden uns tatsächlich in der Vorzeit, sagen wir vor 30000 Jahren. Keiner der Dorfbewohner weiß, was ein Meer oder was eine Stadt ist. Alles was Domalain aus Frankreich erzählt, wird ihm nicht geglaubt. Schriftzeichen halten die Ibans für Schmuck. Was sie von seinen Fotoapparaten halten, teilt uns Domalain nicht mit. Erst seine Fähigkeiten, Schlangen mit der bloßen Hand zu fangen („Zoologe“), bringt ihm den nötigen Respekt ein.

Wie gesagt, Domalain ist kein Mann, der sich unnötig lange mit Details oder Dingen, die nicht unmittelbar seine Person betreffen, aufhält. Domalain betreibt auch keine ernstzunehmende Reflexion über ihre Mythen, ihre Legenden oder ihrer Religiosität. Dafür dürfen wir mehrere Monate mit ihm in diesem Dorf leben und stellen fest, dass die real praktizierte Religiosität der Ibans nicht über die Maßen ausgeprägt ist. Dass sie sogar mit ihrer animistischen Religion und ihrem Aberglauben ungefähr so umgehen wie wir mit unserem Yoga, unserem Kapitalismus, unserer Kunst und Philosophie. Unserer Demokratie. Hin und wieder spielt es eine Rolle, oft auch nicht. Jeder legt sie so aus, dass er etwas davon hat. Die anderen kümmern sich schon! Wird schon gut gehen! Ist immer gut gegangen! Nur der Medizinmann erinnert an einen Fanatiker, der anscheinend in keiner Gesellschaft fehlen darf.

Domalain heiratet die Tochter des Häuptlings, jagt, lernt die Sprache und nimmt an den regelmäßig stattfindenden Orgien teil. Kurz, er passt sich allen Bräuchen und Verhaltensweisen der Ibans an und schenkt uns damit nicht nur eine spektakuläre Zeitreise, sondern auch eine Erzählung über – Achtung! Aufreger-Thema Nummer 1! - Integration.

Mit größter Hingabe lässt er sich auf alles und jedes ein. Oft denkt er dabei an den eigenen Vorteil. Immer ist er neugierig. Die sexuellen Sitten der Ibans sind locker. Bevor er heiratet, wird ihm das Muster offengelegt, nach dem die Männer mit den Frauen anbändeln. Es ist leicht zu erlernen. Verheiratet Frauen dürfen nicht verführt werden, aber es ist kein Problem, mit unverheirateten Frauen Sex zu haben. (Wie alt diese unverheirateten Frauen sind, kann sich jeder denken. Die Lebenserwartung liegt bei 25 Jahren.) Domalain genießt die Freizügigkeit. Und hier wird die Begegnung mit diesem Mann unangenehm und sehr aufschlussreich. Es gibt Passagen, in denen sich unser Zoologe eher wie ein Lüstling anhört.

So wird das Buch auch zum Quellentext für das Denkmuster des „weißen Mannes“, für die Beweggründe von „Kolonisation“, für einen sich rassistisch und sexistisch äußernden Europäer. Man will ihm nicht zugutehalten, dass das der Mainstream der 1960er Jahre war.

Nach dem Vollzug der Hochzeit geht seine sehr junge Frau Lintaü zu den anderen Frauen des Dorfes und erzählt haarklein wie Jean-Yves im Bett ist. Jedes anatomische und technische Detail wird erläutert und diskutiert. Der weibliche Teil des Dorfes bricht in schallendes Gelächter aus! Das stimmt versöhnlich mit Jean-Yves Domalain.

Die Beziehung der Ibans zu ihrer Religion und ihrem Aberglauben, zum Sex und zur Privatsphäre ist leicht in ein Verhältnis zu unserem eigenen Leben zu setzen. Vor allem die allseits geliebten, mehrtägigen Orgien beweisen, dass unsere Lebensweise sich stellenweise sehr wenig von der unserer Vorfahren unterscheidet. Stellenweise sehr stark: Gearbeitet wird nur das Allernötigste. Die Jäger sind den ganzen Tag unterwegs, niemand kontrolliert sie oder beschwert sich, wenn nichts gefangen wurde. Wenn eine Eidechse ihren Weg kreuzt, brechen sie – getreu ihrem Aberglauben- die Jagd ab und geben sich dem Müßiggang hin. Wer dennoch Lust hat zu jagen, dreht der Eidechse seinen Rücken zu oder übersieht sie einfach. Domalain schildert viele und langanhaltende, paradiesische Momente.

„Langsam mache ich mir die Lebensart und Mentalität der Ibans zu Eigen. Das Leben ist sicher sehr hart, aber man erträgt es leicht. Zwar hat jeder seine Verpflichtungen, aber doch keine echten Sorgen. Man schlägt sich den Bauch voll, wenn viel Fleisch vorhanden ist, und man isst Gräser, wenn es kein Rusa oder Babi mehr gibt. Eifersucht existiert weder zwischen den Frauen noch zwischen den Männern, die für das Schicksal des Stammes verantwortlich sind. Jeder einzelne versucht ein guter Jäger zu sein, man muss keine gesellschaftlichen Status aufrecht erhalten. Jeder weiß über den Reichtum und das Privatleben des anderen Bescheid, und es ist unmöglich irgendetwas vorzutäuschen. All diese Faktoren schaffen eine Art äußerst entspannender Harmonie.“

Angesichts der täglich hereinbrechenden Katastrophen (fischende Kinder werden von Krokodilen gefressen, Männer werden von wilden Tieren getötet, Frauen sterben im Wochenbett), haben sich die Ibans für eine durch und durch positive Einstellung zum Tod entschieden: Nach dem Tod wird eine nicht endende Orgie stattfinden.

Bedeutend ist in diesem Zusammenhang Domalains wahnwitzige Neugier. Und man ist versucht zu schlussfolgern, dass dieser Vertreter des Typus „Abenteurer aus Europa“, Eigenschaften besitzt, die charakteristisch für Europa sind. Die Neugier wird zur Gier, und Gier gemischt mit Hyperaktivität und einer amtlichen Portion Rücksichtslosigkeit gegenüber sich selbst und allen anderen ist nur bedingt liebenswürdig. Wie soll das ein gutes Ende nehmen?

Domalains Leben als Iban, das er mehrere Jahre führt, nimmt kein gutes Ende. Nachdem er alles getan hat, um ein Iban zu werden (der Initiationsritus wird an ihm vollzogen, er überlebt ihn nur knapp), begreift er, dass er kein Iban geworden ist, dass er naturgemäß keiner werden kann, weil er nicht als Iban geboren wurde. So einfach ist das! Heimweh setzt ein. Und nach einer für ihn so typischen Impuls-Handlung muss er aus dem Dorf fliehen. Die Menschen, die gestern noch seine Freunde waren, verfolgen ihn. Man versucht sich gegenseitig umzubringen.

Ich schließe das Buch, stehe auf und merke, dass ich schwanke. Trotzdem brauche ich einen letzten Schnaps. Borneo, born, neo. Born-neo. Iban, IBAN. Domalain. Dummerlain. - Das Buch legt sich wie ein riesiges Gewicht auf die innere Waage und bringt sie noch mehr aus dem Gleichgewicht. Ich trinke den Schnaps. Zu gerne würde ich einen Reiswein mit den Ibans trinken, zu gerne eine Nacht mit ihnen feiern. Oder doch lieber mit einem Mädchen zum Fluss gehen, um zu fischen? - Stimmt das denn überhaupt? Bin ich ehrlich zu mir selbst? Ich gehe auf den Balkon, rutsche auf einem Kuscheltier meiner Tochter aus, breche mir fast das Bein, rauche eine Zigarette. Der Hinterhof ist dunkel, die Bäume und ihre Gerippe sind nass und glänzend schwarz. Von der Indira-Gandhi-Straße kommt ohrenbetäubender Straßenlärm. Jetzt begreife ich, dass es gar kein Problem ist, mit den Ibans zu feiern. Ich muss nicht einmal das Haus verlassen. Ich bin selbst ein Iban.

Jean-Yves Domalain, “Panjamon”, B. Arthaud, Paris, 1971. Deutsch: „Panjamon“, Paul Zsolnay Verlag, Wien/Hamburg, 1972.

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