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Sabrina

Sabrina

Andreas Merkel

Sachbuchautor über Romane in Berlin. Letzte Veröffentlichung: "Mein Leben als Tennisroman" (Blumenbar). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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Andreas MerkelDienstag, 25.09.2018

Realität ist heilbar ist ja wohl der beste Slogan seit Langem, der mir in den östlichen Ausfallstraßen von Berlin von den Billboards ins Auge springt. Beworben wird die neue Serie "Maniac" und selten war ich kürzer davor, mir ein Netflix-Abo zu besorgen, was ich dann trotzdem nicht gemacht habe, unter anderem wegen Hintergrundstories über Corporate America wie dieser hier.

Dass Realität heilbar ist, bleibt momentan allerdings nicht nur aufgrund der deutschen Tagespolitik die steilste These, sondern auch, wenn man Nick Drnasos fantastische, superdüstere Graphic Novel „Sabrina“ gelesen hat. Auf „Sabrina“ stieß ich aufgrund einer immer noch nicht ganz auskurierten Feuilleton-Sucht, die mich einen Artikel von Alex Rühle in der SZ (online leider nur hinter der Bezahlschranke) verschlingen ließ:

Die Graphic Novel war in diesem Jahr als erster „Comic“ für den Man Booker Prize nominiert (und schaffte es dann natürlich trotzdem nicht auf die Shortlist – womit die Jury die Chance verspielte, das Genre endlich mal so zu würdigen, wie es in diesem Frühjahr dem Rap passierte, als Kendrick Lamar den Pulitzer Preis erhielt). Aber das alles kann einem herzlich egal sein, solange man das Buch (bisher nur auf englisch bei Granta erhältlich) liest.

Nick Drnaso, gerade mal 29 Jahre alt und aus Chicago stammend, erzählt in „Sabrina“ vom Verschwinden einer jungen Frau aus einem dieser uns popkulturell nur zu unheimlich vertrauten amerikanischen Suburbs. Ihr Freund Teddy vegetiert danach nur noch in Verschwörungstheorien vor sich hin (alle Gewalttaten in den USA würden von der „Regierung“ begangen, um die Bevölkerung mit Angst und Schrecken in die Vereinzelung zu treiben, beziehungsweise der Pharmaindustrie Milliardengewinne durch den Verkauf von Antidepressiva zu ermöglichen). Teddy findet Unterschlupf bei seinem Kindheitsbuddy Calvin Wrobel, der selbst gerade von Frau und Kind verlassen wurde und nur noch aus seinem Bürojob für das Militär zu bestehen scheint, wo er in einem tristen Compound „das Internet“ überwacht. Und Sandra, die hinterbliebene Schwester, bricht endgültig zusammen, als ein Video im Netz auftaucht, das die brutale Folterung und Ermordung Sabrinas zeigt, was Nick Drnaso nie zeichnet, dafür aber umso effektvoller als Trauma aller Beteiligten … ausmalt ist der falsche Begriff:

Denn Drnaso zeichnet zwar immer noch im Stil der Ligne Claire (Tim und Struppi und so weiter), aber seine Figuren erinnern eher an geschlechtslos klobige Zeichenmännchen aus Notfallpiktogrammen in trostlosester Umgebung – Supermärkte, Tankstellen, Suburbia. Die Dynamik der Story scheint aber gerade darin zu bestehen, dass das Lesen passend zum Inhalt so eine Zumutung ist. Als müsste man sie auf dem Bildschirm eines electronic device entziffern, der für zum Beispiel Smartphone-Leser auf Bürgersteigen längst ihr „reales“ (s.o.) Umfeld ersetzt hat.

Die Panels sind cartoonklein, das Lettering muss man gewissermaßen mit der Lupe entziffern und irgendwas an der für die Bindung oder Kolorierung des Buches verwendeten Chemikalien verfolgt einen als Geruch mindestens ebenso stark wie die erzählte Geschichte über unsere zweifellos dem Untergang geweihte hyperdigitale Gegenwart. Die Story als drastischste Nebenwirkung, die man erst im Kleingedruckten findet.

Denn was habe ich überhaupt auf den östlichen Ausfallstraßen Berlins zu suchen, wo Netflix-Plakate zu mir sprechen? Tagelang versuchte ich, mir einen Geruch aus der Nase zu radeln, der mich irgendwie an Herbst, verbrannte Kastanien, irgendwas mit Laub und Rauch oder das Aufkommen einer möglichen Erkältung erinnerte. Bis mir klar wurde, dass "Sabrina" daran schuld war.

Ich habe das Buch heute fertig gelesen, es hat mir mehr zugesetzt als jede Serie, jeder Film oder jeder Roman in diesem Jahr so far. Oder, um es mit amazon-3-Sterne-Rezensentin Book Beach Bunny zu sagen:

Overall I liked this especially some maddening and thoughtful bits concerning how the media exploits and uses dead women and how conspiracy theorists and other people latch on to that and begin to insert themselves. But I wasn't big on the art. I couldn't really tell women apart (and actually for a story about a woman) it settles mostly on a soldier whose connection to her is simply through her boyfriend. It all left me feeling mostly removed. Didn't like anyone. Though my expectations might have been too high because it was nominated for the Man Booker. Also poor display of cat ownership.

not big on the art, didn’t like anyone: Genau so! Alles andere ist heilbar.

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