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Literatenfunk

Roulez moins vite, vous pourriez écraser Roland Barthes

Quelle: Tiphaine Samoyault "Roland Barthes - Die Biographie", S.27

Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Montag, 22.02.2016

Roulez moins vite, vous pourriez écraser Roland Barthes

Als ich in den 90ern in Berlin "ein paar Semester Philosophie studierte", bzw. einfach in alle Seminare ging, die mich interessierten, kam man um die vielen Franzosen nicht herum, Foucault, Lyotard, Deleuze, Althusser, Virillo, Baudrillard, Lacancan und Derridada, alle irgendwie bei Suhrkamp oder Merve erschienen. Mußte man sich für einen entscheiden? Sie konnten ja nicht alle gleichermaßen recht haben? Bis heute weiß ich nicht, ob meine geistige Arbeit überhaupt einen Sinn hat, wenn ich so viele Denker auf einmal ignoriere, aber es gelang mir einfach nicht, mich durch die "Grammatologie" zu kämpfen. Schade, vielleicht liegen dort Antworten, die meine Werke überflüssig machen würden. Wirklich gelesen habe ich nur Roland Barthes, weil er die schönsten Titel hatte: "Fragmente einer Sprache der Liebe", "Die Lust am Text" oder "Mythen des Alltags". Interessanterweise schien es einen Barthes I und einen Barthes II zu geben (das kannte ich von mir, ich war ja auch in Wirklichkeit kein Student, sondern ein Schriftsteller, nur daß das keiner wissen durfte). Barthes I hatte in der damals angesagten Sprache der Strukturalisten mit hermetischen Studien brilliert und Barthes II Mythen des Alltags dechiffriert (also eigentlich Pop-Texte geschrieben) und später seinen Körper, seine Trauer und sein Begehren zum Thema seines Denkens gemacht. Wirklich gepackt haben mich seine posthum erschienenen Vorlesungen, die "Vorbereitung des Romans" und "Wie zusammen leben". Wenn Uni doch so gewesen wäre! Und jetzt 850 Seiten über sein Leben: "Roland Barthes – Die Biographie", wie es auf Deutsch gleich mal heißt. Die Autorin Tiphaine Samoyault, die erschreckenderweise kaum älter ist als ich, schreibt souverän und wenig voyeuristisch über diesen Mann, dessen Leben eigentlich nur aus Schreiben bestand, weswegen es eher um sein Denken und seine Arbeit geht. (Leider überfordert mich auch hier die Sprache manchmal: "Der Nullpunkt des Neutrums ist kein Entweder-oder, ist nicht das verschwommene Dazwischen einer kleinbürgerlichen Goldenen Mitte, sondern ein zweiseitiger Begriff, der die Diskurse der Doxa destabilisiert und einen neuen Bedeutungstypus, der das Unbestimmte mitberücksichtigt hervorbringt.") Ein großes Plus von Barthes scheint mir, daß er so sympathisch unideologisch war, in einer aufgeregten Zeit, in der französische Star-Intellektuelle sich zu Maoisten erklärten und Sympathien für die Attentäter von München äußerten. Während Barthes dem Sprechen (gerade dem politischen) mißtraute, da es immer Macht ausüben will. Er etablierte für sich die entwaffnende Sanftmut als politische Utopie. Kein Wunder, daß für diesen Autor des Nebensächlichen, Ephemeren, Fragmentarischen, des Schwebenden, Knusprigen, Luftigen, der Nuance, dessen, was andere übersehen Japan mit seiner Ästhetisierung des Alltags zu einer Leidenschaft wurde, ein Land, in dem man mit Stäbchen, also verlängerten Fingern auf jeden Bissen zeigt, bevor man ihn zu sich nimmt, während man sich bei uns ehemaliger Beutewaffen als Besteck bedient. Ein vielfacher Außenseiter, Linkshänder, aufgewachsen im Südwesten Frankreichs, weit von Paris, homosexuell und wie Tschechow, Kafka, Bernhard, Proust auch noch lungenkrank. Es klingt fast idyllisch, den Zweiten Weltkrieg in einem Bergsanatorium für lungenkranke Studenten (mit eigener Zeitschrift) zu verbringen, aber dafür mußte er tagelang 18 Stunden bewegungslos in einer schrägen Position verbringen, die Beine höher als der Kopf. Die Jahre als Lektor im Nachkriegs-Bukarest mit aufblühendem Stalinismus, die unendlich vielen Freundschaften, die er pflegte (Foucault und er gingen gerne zum Catchen), die regelmäßigen erotischen Reisen nach Marokko, das Zettelarchiv, das er anstatt eines Tagebuchs pflegte (Zettelautoren, immer sympathisch). Aber auch das lebenslange Gefühl der Illegitimierung, die Angst, als Hochstapler entlarvt zu werden. Noch als er ans Collège de France gewählt wurde (in einem archaisch anmutenden Wahlverfahren und mit einer Stimme Mehrheit) bekam er anschließend Alpträume, weil es so knapp gewesen war. Daß man als weltweit auf Konferenzen gefragter Denker noch unter solchen Komplexen leiden kann, macht demütig. Es ging ihm nicht um Bekanntheit, sondern darum, für seine Texte anerkannt zu werden. Die schlimmste Lebensprüfung, die immer auf ihn wartete, der Tod der Mutter, hat ihn mit 62 Jahren tatsächlich ein Jahr verstummen lassen, der Verlust war nicht zu tragen. Dann kam "Die Vorbereitung des Romans", die mit der Ankündigung eines Romanprojekts "Vita nova" schließt, dem er sich von nun an widmen wollte (sympathisch, daß er den Roman über die Wissenschaft stellte. Aber er war vielleicht einfach zu klug zum Schreiben, er scheiterte schon daran, sich Eigennamen auszudenken: "Im Augenblick fühle ich einen Widerstand, Namen zu erfinden, während ich gleichzeitig große Lust habe, welche zu erfinden. Vielleicht werde ich an dem Tag einen Roman schreiben, an dem ich die Eigennamen für diesen Roman erfunden haben werde."). Kurz nach Abschluß dieser letzten Vorlesung wurde er vom Lieferwagen einer Kleiderreinigung angefahren und starb einen Monat später, geschwächt von einer Krankenhausinfektion, an neuerlichen Lungenproblemen.

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