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Literatenfunk

Roberto Bolaños Eisbahn

Andreas Merkel

Sachbuchautor über Romane in Berlin. Letzte Veröffentlichung: "Mein Leben als Tennisroman" (Blumenbar). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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Andreas MerkelSamstag, 20.11.2021

Der Krimi-Plot im Buch ist natürlich wieder so hanebüchen und lyrisch, dass es ein Segen ist. Weil der große Roberto Bolaño vielleicht erst mit seinen beiden Kinder-Berufswünschen (Detektiv oder Dichter) scheitern musste, um mit derart gebrochenen Ambitionen dann unser aller Lieblings-Romanautor (2666 usw.) werden zu können.

Die Eisbahn (S. Fischer) ist angeblich Bolaños erster Roman (im Original 1993 immerhin schon bei Anagrama erschienen), der jetzt als letzter auf Deutsch erscheint, wie immer hervorragend von Christian Hansen übersetzt (ich habe natürlich keine Ahnung, weil ich kein Spanisch kann, aber es klingt so professionell literaturkritisch, kurz den Übersetzer zu loben, und immerhin schreibt Hansen ein ausreichend abenteuerliches Deutsch, dass man sich dauernd fragt, wie jemand auf Spanisch so super schreiben kann - oder ob Spanisch vielleich doch die bessere Sprache und Denke ist).

Erster, letzter, egal. Ehrlich gesagt habe ich angesichts des gespenstischen Outputs von Bolaño, der 2003 mit 50 an Leberversagen starb ("viel zu früh", wie Kämmerlings unten verlinkt in der Welt schreibt, interessante Gedankenspiele über Timing und Tod provozierend). Das hat er angeblich die letzten zehn Jahre gewusst und nur noch alkoholfreies Bier getrunken und wie ein Maniac geschrieben. Deswegen wurde mir auch erst während der (deutschen) Lektüre bewusst, dass ich den Roman längst auf Englisch besaß: The Skating Rink, vor Jahren bei Powell's in Portland besorgt (wie alles, was dort die Regalmeter des in den USA noch populäreren Bolaño füllt). Dann naturgemäß nie mehr geschafft, wieder reinzukucken. Aber dafür jetzt für meine Verhältnisse einigermaßen atemlos in nur zwei Wochen (für 217 Seiten) durchgelesen!

Es geht im allerweitesten Sinne um einen durchgeknallten Mordfall (eine obdachlose Opernsängerin wird auf einer illegal in einem verfallenen Palast gebauten Eisbahn erstochen), der in kurzen Kapiteln aus der unzuverlässigen Polyperspektive von drei unzuverlässigen Ich-Erzählern mit unzuverlässigen Namen ("Remo Morán"! "Gaspar Heredia"! "Enric Rosquelles"!) umkreist wird. Das alles zusammengehalten von einem noch viel unzuverlässigeren Beziehungsgeflecht, in dessen Zentrum drei Frauen stehen, die nur Vornamen haben: die hübsche Eiskunstläuferin Nuria, das anorektische Messermädchen Caridad, die Opernsängerin Carmen. Die Handlung spielt im Wesentlichen an einem Campingplatz an der Costa Brava. Also einem Campingplatz wie dem, an dem Bolaño damals als Nachtwächter arbeitete und (noch!) keine Zeit für bessere Namen, längere Kapitel oder kniffligere Kriminalfälle hatte.

Aber man spürt bereits, dass da was in der Pipeline ist! Dass da jemand mit seinen (lyrischen!) Schwächen und (detektivischen!) Stärken ringt wie zwei hünenhafte Deutsche auf einem spanischen Campingplatz:

Die beiden waren reichlich betrunken, wie ich näherkommend bemerkte, hatten wirres Haar und geiferten mit stark vorquellenden Augen und angespannten Armen, schon ganz in die Welt des Kampfes versunken, der sie erwartete, dabei von erhabener Gleichgültigkeit gegenüber allem, was nicht mit ihm zusammenhing.

Bolaños Nachtwächter gehen dazwischen und gewinnen: Ein Mädchen mit Messer (oder nur die mit den Kämpfenden geteilte Vision eines solchen Mädchens) hinter sich, die noch viel bedrohlicheren Mächte der Imagination im Rücken.

Aus irgendeinem Grunde habe ich hinten in mein Buch ein paar Artikel von aktuellen Kriminalfällen reingelegt, die ich aus der FAZ, der SZ und dem Spiegel ausgeschnitten habe und die noch bizarrer, brutaler und verstörender (also menschlicher) sind als Die Eisbahn. Die Artikel sind über den Prozeß gegen die fünffache Kindermörderin von Solingen (im Gerichtssaal "äußerlich ruhig", "keine menschliche Regung" zeigend). Über erpresserische Pornoproduzenten (auf einem Tennisplatz fotografiert). Über grausame Aufnahmerituale belgischer Burschenschaften (ein Toter). Und über den Mord eines Münchener Selfmade-Millionärs an seiner noch reicheren Gattin (mehrere Messerstiche, in ihrer Wohnung am Nymphenburger Kanal). Wie gesagt: Vollkommen zusammenhangloses Material, hinten in sein Buch gelegt, als würde ich die Fälle dort für Bolaño aufbewahren.


Roberto Bolaños Eisbahn

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Kommentare 6
  1. Frank Willmann
    Frank Willmann · vor 16 Tagen

    Als Bolañoboy habe ich das Buch natürlich lesen müssen. Und danach irgendwo ganz unten einsortiert. Mal sehn, was dort mit dem Buch passiert, das ich nur deshalb (natürlich an EINEM Tag) ausgelesen habe, weil es (angeblich?) von Bolaño ist.

    1. Andreas Merkel
      Andreas Merkel · vor 14 Tagen

      Lese-Lebens-Ziel: von Bolaños Books (Nachlass-Produktion!) überdauert werden. Hola, Bolañoboy!

  2. ursula drees
    ursula drees · vor 16 Tagen

    jedes mal wenn ich eine rezension von ihnen lese, kann ich nicht anders. ich muss das buch bestellen. es sind viele geworden, ich komme mit mühen hinterher. die stapeln sich auf dem sofatisch, der fussablage vor der coach und in zwei säulen, wackelig mittlerweile, auf dem papierschrank im büro.

    1. Andreas Merkel
      Andreas Merkel · vor 14 Tagen

      Leseziel: mit Büchern leben! - Danke für den schönen Kommentar, liebe Ursula Drees, sehr gefreut.

  3. Marcus von Jordan
    Marcus von Jordan · vor 16 Tagen

    ach ja...
    "interessante Gedankenspiele über Timing und Tod provozierend"
    :D

    1. Andreas Merkel
      Andreas Merkel · vor 14 Tagen

      Lebensziel: genau rechtzeitig sterben!

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