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Literatenfunk

Putzen als Passion
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Freitag, 28.04.2017

Putzen als Passion

Wie jeder vernünftige Mensch hasse ich es, putzen zu müssen, und schon gar nicht lese ich mir in der Gebrauchsanweisung neuerworbener Geräte die Pflegehinweise durch. Ich will einfach nur, daß halbwegs Waffenstillstand herrscht zwischen mir und den Mikroben. Die Philosophieprofessorin Nicole C. Karafyllis, Autorin von "Putzen als Passion", putzt gerne und das Befremden, das sie (vor allem im Milieu ihrer Akademikerkollegen) mit diesem Bekenntnis auslöst, war einer der Gründe für sie, dieses Buch zu schreiben. Am Putzen läßt sich kulturwissenschaftlich (Körperreinigung), ethnologisch (Schmutztabu), psychologisch (Schuld – man denke an die historisch enge Beziehung von Putzgeräten und Prügelstrafe: Teppichklopfer) und religionswissenschaftlich (Bestrafung, Ritual) viel über Gesellschaften ablesen. Es ist für manche immer noch hochproblematisch, eine Putzfrau zu beschäftigen (also eine Fachkraft), womit sie gleichzeitig deren Arbeit abwerten, die sich andererseits jeder zutraut (man hat es nur nicht nötig, bzw. denkt qua Ausbildung, mit seiner Zeit Nützlicheres für die Gesellschaft leisten zu können.) Handwerker haben ihre Tätigkeit immer ein wenig mit Geheimnis umgeben können (man versuche mal, mit einem Handwerker eine gemeinsame Sprache zu finden. Im Unterschied zum Intellektuellen, der als arrogant gilt, wenn er Fremdwörter benutzt, und dafür in Amazon-Kritiken angezählt wird, spielt der Handwerker seinen Fachwortschatz gnadenlos aus), die ihnen einen Status sichert, den Putzkräfte erst hätten, wenn sie sich organisieren und ihre Tätigkeit so verwissenschaftlichen würden, wie es angesichts der komplexen Aufgabe angebracht wäre.

Karafyllis sieht Putzen nicht als notwendiges Übel, sondern als Entspannung, eine Gelegenheit, seine Gedanken zu ordnen, Fitnessübung, Erbauung, Anreiz zum Lernen. Putzfrauen-Beschäftiger sparen in Wirklichkeit gar keine Zeit. Sie müssen die Putzfrau überwachen, weil sie Angst vor Diebstahl haben, oder weil sie befürchten, sie mache nicht richtig sauber (eine Szene aus der Hölle: ein Kaffeekränzchen deutscher Frauen, die über die Versäumnisse ihrer Putzfrauen klagen: die Unterseite der Waschbecken!). Oder man traut sich nichts zu sagen und putzt hinterher noch einmal selbst, findet es aber auch zu peinlich, die Putzfrau deswegen zu entlassen. (In Abu Dhabi konnte die Autorin ihrem Putzmann, einem Kind der Wüste, nicht erklären, daß er mehr als einen Eimer Wasser zum Wischen des großen Hauses verwenden sollte. Wasser war für ihn einfach zu wertvoll.) Oder man muß vorher für die Putzfrau aufräumen. Oder man macht gar nicht mehr sauber, weil ja übermorgen die Putzfrau kommt, wodurch man die meiste Zeit im Dreck lebt.

Warum also nicht selbst putzen? Während wir heute im Zuge der DIY-Bewegung wieder alles selbst machen ("'Selbstgemacht' heißt die Devise des spätbürgerlichen Klassenkampfs der oberen Mittelschicht, seien es nun Strickpullover, Marmorkuchen oder Bücherregale.") entdecken wir das Putzen nicht als sinnstiftende Tätigkeit. Manche benutzen ihre Wohnung kaum noch, um weniger putzen zu müssen, sie duschen im Fitnessstudio und essen auswärts, wobei die Wohnung trotzdem dreckig wird. Aber was ist überhaupt Schmutz? Seit wann sind wir in unserer vermeintlichen natürlichen Reinheit von einem "Schmutzall" umgeben? Schmutz verändert sich historisch. Neue, unsichtbare Formen von Schmutz bedrohen uns: Feinstaub, Elektrosmog, Prionen, Legionellen. Die Autorin erkennt interessante Tendenzen, wie die zum Universalreiniger, zur Wisch+Weg-Mentalität, und vor allem die Tendenz zur Sprühreinigung (nicht mehr die Hand benutzen zu müssen). "Das Wannenspray ist ein ideologisches Produkt, verkauft in einer Pistole. Es geht um die Bewaffnung im Haushalt. Denn die Sprühpistole führt zu einem Ermächtigungsgefühl beim Nutzer, weil sie glauben macht, daß der Mensch seinen Schmutz aus der Distanz bekämpfen, wenn nicht gar bekriegen kann. Deshalb hat die drehbare Sprühdüse zwei Einstellungen: eine zum zielgenauen Treffen des Feindes mit einem Putzmittelstrahl, eine zu seiner großflächigen Auslöschung mit einem Sprühnebel." Eine der vielen großartigen Beobachtungen, die dieses Buch auszeichnen. (Eine andere ist die Erklärung dafür, warum manche von uns Angst vor den Abflüssen in unserer Wohnung haben, die ins Unbekannte führen. Ethnologisch steckt darin das Ordnungsdenken von flußabwärts/flußaufwärts: "Was flußabwärts schwimmt, scheint weg zu sein, aber vereinzelt schwimmt etwas gegen den Strom. Das erzeugte schon immer Angst.")

Kulturell codiert ist im übrigen auch, was man mit Putzen erreichen will. Hygiene? Sauberkeit? Langlebigkeit seiner Objekte (Vererben!)? Es ist ein großer Unterschied, ob es sauber aussehen oder sauber sein soll. Der heutige Fetisch "Glanz" ist ein Relikt der feudalen Lebensweise, wo nur wenige Menschen glänzende Materialien besaßen. Weil in Wirklichkeit (vor allem in Büros) immer weniger kompetent geputzt wird (aber "staubabweisende Oberflächen" und nanobeschichtete schmutzabweisende Badezimmereinrichtungen verkauft werden), kommen immer mehr Raumsprays zum Einsatz ("alpenfrisch"), denn der Geruchssinn wertet "Frischeduft" als Reinheit. (Ich denke an die an allen Autorückspiegeln baumelnden Duftbäume meiner Sommer in Bulgarien.) Gleichzeitig wird der Schmutz verbal geleugnet, man spricht von "Rückständen", "Belägen" oder "Partikeln", statt von Küchenschmiere, Grind, Klecksen oder Sudel. Wir erleben eine Konjunktur der Desinfektionsmittel für den Haushalt (die nichts nützen, außer, daß vielleicht Krankenhauskeime auch irgendwann bei uns zuhause mutieren). Hier ist eine allgemeine Inkompetenz bei den Putzmitteln zu bemängeln. (Das "Domestos-Problem", ein häufiger Haushaltsunfall, weil beim Mischen von Domestos mit Essigreiniger Chlor freigesetzt wird.) Man greift gerne zu extremeren Mitteln, aber die Stärke des Putzmittels verführt nur dazu, weniger zu putzen. Egal, was man tut, am Ende bleibt: "Die tiefe Niederlage, wenn man eine Mehlmotte fliegen sieht." (Die "ubiquitäre Abwesenheit" von Ungeziefer bewirkt bei seiner zufälligen Anwesenheit besonderen Ekel.)

Karafyllis analysiert die verschiedenen Putztypen unter uns, besonders schön "der Psychoanalytiker", der sich freut, wenn er Schmutz an unerwarteten Stellen findet und sich für die Geschichte interessiert, die der jeweilige Schmutz erzählt. Übrigens werden Frauen auch dann pathologisiert ("Putzfimmel"), wenn sie zu häufig putzen. Männer pflegen gerne Dinge, die sie lieben, aber nicht das große Ganze, die Wohnung. Männer kaufen Spezialreiniger, Frauen Universalreiniger. Tatsächlich habe ich neulich mit Möbel-Öl ("für alle geölten und offenporigen Holzarten") meinen 100 Jahre alten Lesesessel behandelt und über den Effekt gestaunt.

Man lernt in diesem Buch wundervollen Fachwortschatz: Blähton (Hydrokulturpflanzen), Biofilm (der Lieblingsschmutz der Autorin, Innenseite der Gummistöpsel), Abziehlippe, Schwallschutzlippe. Man erfährt mehr über das "Interdependenzproblem" (Wäscht man die Gardinen, sieht man die dreckigen Fenster) und den "infiniten Regress" (Auch die Putzmittel verschmutzen und müssen geputzt werden.) Putzen bedeutet Lernen (Physik, Chemie, Biologie, Selbsterkenntnis), Geduld (bis sich der Schmutz löst), Perspektivenwechsel (beim Besteigen der Leiter), Toleranz (Schmutz aushalten, denn: "Sich zu wünschen, nie mehr zu putzen, ist wie sich zu wünschen, nicht zu sterben.") Ein bißchen macht das Buch aber auch Angst, wenn man erfährt, was die Autorin alles putzt: das Drehkreuz vom Schreibtischstuhl, die Handtasche, die Geldbörse (!), den Reisekoffer (aussaugen), die Haustür von außen, den Klingelknopf, die Klappe vom Briefkasten (!!) Tatsächlich habe ich nach der Lektüre zum ersten Mal einen Blick auf die Unterseite der Lamellen meiner Heizkörper geworfen und Unmengen Staub gesehen, von dem ich nichts geahnt hatte. Hätte ich das Buch lieber doch nicht lesen sollen? Nein, denn so ein schöner Vorrat an Dreck ist in Wirklichkeit eine Ressource: "Das Vollbringen des Putzens, und damit die Anerkennung der Leistung, es wirklich zu einem erreichten Ende gebracht zu haben, [ist] erst dann wirklich 'rund', wenn man einen Unterschied zwischen Vorher/Nachher erkennt."

9,3
12 Stimmen
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Kommentare 3
  1. Werner Willker
    Werner Willker · vor 6 Monaten

    Hatte den "Literaturfunk" neu abonniert und lese als erstes eine Rezension über das Putzen und habe mich köstlich amüsiert und in Teilen ertappt gefühlt. Der Text war für mich sprachlich ein Genuss. Werde den "Literaturfunk" nicht abbestellen. 😉

    1. Jochen Schmidt
      Jochen Schmidt · vor 6 Monaten

      Vielen Dank, das gibt mir Schwung!

    2. Moritz Orendt
      Moritz Orendt · vor 6 Monaten

      Freut uns :-)