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Literatenfunk

Parallele Metro-Prosa
Andreas Merkel
Einzelsportarten, die man nicht allein betreiben kann

Sachbuchautor über Romane in Berlin. Letzte Veröffentlichung: über ein Leben mit dem 1. FC Köln ("Fanfibel", culturcon). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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piqer: Andreas Merkel
Samstag, 23.12.2017

Parallele Metro-Prosa

Zum Fest zwei Uni-Romane mit garantiert null Weihnachtsbezug, dafür aber mit diesem studentischen Lebensgefühl zwischen End- und Unfertigkeit, das sich speziell im Winter und vielleicht nicht nur auf dem ewigen Campus Berlin ja schon mal einstellen kann:

Auf Patricia Hempels "Metro Folklore" (Tropen) war ich wegen des tollen Titels und der schönen Covergestaltung aufmerksam geworden, eine oversexed Lovestory im lesbischen Archäologie-Studentinnen-Milieu, fresh. Auf Sebastian Lehmanns "Parallel leben" (Voland & Quist) war ich noch zufälliger aufmerksam geworden durch eine launige Literaturbeilagen-Rezension in der FAZ, die der perlentaucher noch launiger zusammenfasste:

Rezensent Jan Wiele fällt kein besseres Lob ein für Sebastian Lehmanns Debütroman: Einen "Campusroman für Anfänger" legt der Autor laut Rezensent vor. Anfänger, weil seine Tiefe nicht weit reicht und etwa der der dauernde Perspektivwechsel nicht überzeugt. Campusroman, weil Lehmann bei David Lodge abgeschaut hat, wie man einem schweineöden prekären Dasein im akademischen Mittelbau etwas Pfiff verleiht. Man lasse eine geheimnisvolle Frau auftauchen und den Campusroman in eine vertrackte Beziehungsgeschichte abbiegen, erklärt Wiele.

Beginnen möchte ich also mit dem "Campusroman für Anfänger", denn den Slogan fand ich aus Bad Writing-Perspektive sofort super.

Es geht um den Doktoranden Paul Ferber (geiler Max Frisch-Name), der an der FU für seinen Prof Emrald bocklose Seminare über sein Diss-Thema "Liebe in der deutschen Nachkriegsliteratur" hält und sich - obwohl eheähnlich in Kreuzberg mit der Hörbuchproduzentin Johanna und deren Sohn Robert zusammenlebend - auf einer Konferenz in Leipzig in die Fachkollegin Lea verliebt, der er schließlich sogar für einen Sommer nach New York folgt.

Die Beziehungen zwischen Paul, Johanna und Lea bleiben generation-Y-mäßig im Ungefähren. Man begreift zusammen mit dem Ich-Erzähler nie so richtig, was wer jetzt an wem liebt. Warum man sich überhaupt noch lieben soll. Aber natürlich gibt es immer diese Sehnsucht nach einem anderen Leben, einem Parallel-Universum, einem leeren Zimmer in Leipzig oder Brooklyn, Möglichkeiten in Metropolen.

Diese undramatische Entscheidungslosigkeit, die nur für den Klappentext-Plot in einer "Katastrophe" enden muss, erzählt Sebastian Lehmann, von dem ich vorher noch nie was gehört hatte, angenehm zurückhaltend und genau so: unaufgeregt, einfach, klar. Kaum zu glauben, dass das der Lesebühnentyp ist, der auf youtube immer mit verstellten Stimmen seine Mutter anruft.

Am besten gelungen ist ihm das schöne Buddy-Movie zwischen Doktorand und Professor. Ferber und Emrald führen eine strikte Nachnamen-Beziehung und hängen schon vormittags gemeinsam antriebslos bei Kaffee mit Rum zwischen Seminar-Büro und Mensa rum, diskutieren Uni-Klatsch ebenso intensiv wie die Großartigkeit von Thomas Bernhard im Vergleich zur Beschissenheit von Martin Walser (so ahnt Emrald sofort, was mit dem liebeskranken Ferber los ist, als der beginnt, sich für "Ein fliehendes Pferd" zu halten - "Martin Walser! Ferber, sind Sie verrückt geworden!") und kümmern sich also doch ganz wunderbar umeinander - als die größten Traumtänzer, wie Emrald einmal Ferber gegenüber ausholt:

Wir Literaturwissenschaftler interpretieren ständig die Ideen und intellektuellen Auswüchse der großen und leider auch nicht allzu großen Autoren. Und was machen die? Sie entwerfen diese Welten, die wir durchleuchten und schließlich kritisieren, wenn sie nicht kohärent sind. Das ändert aber nichts daran, dass wir uns in ihnen aufhalten, in ihnen leben. Es handelt sich nicht um unsere eigenen Welten, wir kennen uns darin viel schlechter aus als ihre Schöpfer – auch wenn wir die ganze Zeit behaupten, sie besser zu verstehen. Wir sind nur zu Besuch, doch wir sind der Gast, der bis zum Ende der Party bleibt – und noch darüber hinaus, denn niemand schmeißt uns hinaus in die kalte Nacht der Realität. Wir sind wahrscheinlich noch viel größere Phantasten als die Schriftsteller!

Was nicht ganz so gut funktioniert, sind dann leider doch die ja auch schon von der FAZ inkriminierten kurzen Fremd-Ich-Perspektiven zwischendurch. Hier verrät Lesedüne Lehmann seine Figuren etwas billig an die Rollenprosa, etwa wenn Prof Emrald sich ein paar natürlich "naturgemäße" Gedanken zum Zustand des Fachs machen muss oder Lea in (betont?) unbeholfenen Relativsätzen Leben und Leute in New York erklärt. Aber das sind nur kleinere Strukturschwächen in der Geometrie eines Plots, die man dem durch und durch sympathischen Überraschungs-Roman dieses Herbstes nicht weiter übelnimmt.

Vollkommen anders, im Overdrive des Pop und Trash, geht Patricia Hempel an ihre "Metro Folklore" ran. Eigentlich müsste sie die Lesebühnenautorin unter den beiden Roman-Debütanten (sie 1983 in Berlin, er 1982 in Freiburg geboren) sein, hat aber real Ur- und Frühgeschichte in Berlin und danach Schreiben in Hildesheim studiert (Klappentext-Wissen). "Heute arbeitet Patricia Hempel als freie Journalistin und Autorin in Berlin".

Eine lesbische Archäologie-Studentin verliebt sich zwischen Ovid-Romantik und WG-Leben in möglicherweise heterosexuelle Schönheit - und vögelt sich den Kummer anderswo von der Seele. Ganz erfrischend und vergleichsweise unverkrampft kann die Autorin auch über den studentischen Schreibprozess Auskunft geben, der für ihren Roman eine große Rolle gespielt zu haben scheint (und weil dem Schreiben ja auch immer und ganz generell ein studentisches Grundgefühl anhaften kann):

ORi: Das Buch beschreibt die Liebesirrungen und -wirrungen einer jungen Studentin in der Metropole Berlin. Worum geht es Dir eigentlich in dem Buch?

P.H.: Es ging mir immer um etwas anderes oder besser: Es kam immer mehr dazu, das ich unbedingt ansprechen wollte. Bei einem so “langsamen” Medium wie etwa ein Roman, ist es gar nicht so leicht einen modernen und aktuellen Zeitbezug aufrechtzuerhalten und sicher zu stellen, dass der Text in zwei Jahren nicht ganz veraltet rüberkommt. Da wäre eine Kolumne oder eine kürzere Form etwas dankbarer. Das Buch ist also inzwischen so einiges: Eine Milieustudie, ein Bericht, ein Abschied, ein 200 Seiten langer Liebesbrief und somit auch ein Spiel mit Metaebenen. Die Leiden des jungen Werther in lesbisch und dann auch noch eine Hommage (oder Persiflage) an den Poproman in der Camouflage antiker Odyssee. Der Text hängt irgendwie zwischen den Stühlen, zwischen Autobiographischem und dreister Fantasie – vielleicht ist es einfach nur eine Posse. Außerdem: Mit Ende 20 gehört man doch an Unis eher zu den Langzeitstudenten.

ORi: Es gibt ungeheuer viele Versatzstücke aus der Antike, die Liebe als Krieg (Ovid), die Geliebte heißt Helene, das erinnert an Hellenas und den Trojanischen Krieg, man kann aber auch an die Odyssee denken, das Herumirren der Heldin im Dauerzustand des Ungeliebtseins. Dann gibt es die lesbische Liebe Sapphos und viele kleine spielerische Andeutungen. Hat die Antike irgendeinen besonderen Sinn für Dich?

P.H.: Genau! Die Versatzstücke sollen genau dieses Epische, oder eben auch Romantische, aufmachen, was die Wirklichkeit wieder zerschlägt. Ich habe ja, wie die Hauptfigur auch, Archäologie studiert und nicht alte Literatur oder so. Aber das ist nur am Rand der Grund, warum diese Versatzstücke auftauchen. Denn in diesem Studiengang hat man es meistens mit Epochen zu tun, in denen es keine schriftlichen Quellen gibt (jedenfalls sind sie nicht überliefert). Mein Spezialgebiet ist die Bronzezeit, also grob das zweite Jahrtausend vor Christus. Ovid und Co. standen da noch nicht auf dem Plan. Eher nordische Langschwerter und Moorleichen. Und die auch nur, wenn man Glück hat. Beim Schreibprozess kam ich erst wirklich in Kontakt mit der “Antike”, wie Du sie jetzt anmerkst. Ovid als total sexistischen Liebesratgeber auftauchen zu lassen oder Twitter mit Seneca aufzuwerten, fand ich ziemlich reizvoll. #pseudohumanismus. Und natürlich Petrarca, die arme Sau, der seiner Laura so verfallen war, bis die Verse von seinen grauen Haaren berichten – im Buch nenne ich das Sonette-Stalking. Frauen, die man beminnt, fühlen sich unwohl. Oder was würdest Du machen, wenn ein obsessiver Verehrer zweimal die Woche unter Deinem Fenster auftaucht und über Deine Brüste singt?

Hashtag AntikeTwitterLove: da ist mir Hempels "Metro Folklore" leider ein bisschen zu witzig, feuchtforsch und auf so eine indiehafte, pseudoauthentische Art "derb". Aber das macht ja nichts: too old & hetero? Vom Lesen ist noch jeder schwul geworden. Und vielleicht nimmt Patricia Hempel ja die jüngeren Semester sofort mit zu sich ins Buch. Dafür hier noch ein kleiner Check mit vagem Weihnachtsbezug:

Bevor ich mir den Bauch vollschlage, checke ich die Gäste ab. Die Professoren haben ihre Ansprachen zum Glück vor unserer Ankunft beendet und stehen in Traubenformation, um sich gegenseitig in den Arsch zu kriechen. Einige Studenten umschleimen den Kader. Eine fiese Mischung aus Ehrgeiz und Selbstbestätigung. Am liebsten würde ich jedem von ihnen zum Saisonausklang auf die Fresse hauen. Wenn ich im VIP-Bereich herumstreune, dann weil einer der Dozenten es aus ästhetischen Gründen verdient hat. Die anderen sollten es dabei belassen, ihrem Beruf nachzugehen, anstatt sich den Abend über wie Festtagsbraten im eigenen Saft zu suhlen.

Pro(u)st.

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