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Literatenfunk

Papiertütenkunst
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Montag, 27.02.2017

Papiertütenkunst

Bei meinen Recherchereisen für mein Buch „Gebrauchsanweisung für Ostdeutschland" kam ich auch durch Beeskow, eigentlich wollte ich hier einen Blick ins Kunst-Archiv werfen, in dem seit 1990 vor dem Wegwerfen gerettete DDR-Kunst aus Betrieben, Ferienheimen, Kulturhäusern und Speisesälen gesammelt wird, aber in einem Fahrradladen, der auch noch jede Menge Simson-Ersatzteile anbot, fand ich etwas Schöneres: einen Stapel DDR-Papiertüten mit einem bezaubernden Motiv, ein Mädchen im Petticoat, das „kess" behauptete: „Meine Mutti kauft hier". Diese braunen Tüten schienen für mich schon als DDR-Kind aus der Zeit gefallen, man musste an märchenhafte Krämerläden denken, in denen man seine Waren noch abgewogen und in Tüten geschüttet bekam, wobei die Eier vorher durchleuchtet wurden. In der DDR wurden den Kunden auch saure Drops, Radiergummis, Bücher oder Sicherungen in Papiertüten übergeben, ich habe einmal im „Haus für Sport und Freizeit" einen Satz Schraubstollen für Fußballschuhe in eine solche Tüte gepackt bekommen. Manchmal ergab sich eine rührend-komische Distanz zwischen Hülle und Inhalt, manchmal, vor allem beim mageren Angebot an Obst und Gemüse, stand der Inhalt in krassem Widerspruch zur Aufschrift: "Esst Obst!"

Die Tüten in Beeskow waren zum Mitnehmen gedacht, und ich freute mich über diesen Zufallsfund. Heute kann ich so etwas nicht mehr wegschmeißen, in der DDR wäre ich nie darauf gekommen, solche Zeugnisse unserer Rückständigkeit zu sammeln. (Übrigens hat Flake, der Keyboarder von Rammstein, sein erstes, sehr empfehlenswertes Buch „Grün & Blau", in dem er seine Zeit bei Feeling B beschreibt, mit der Schreibmaschine auf DDR-Papiertüten getippt, die sein Vater damals schon gesammelt hat.) Wie aufregend es für jeden mit soziologischer Neugier ausgestatteten Besucher aus dem Westen gewesen sein muss, dieses Land zu besichtigen, dessen Konsumkultur in einer anderen Zeit steckengeblieben zu sein schien. Die braunen Papiertüten waren mit einfachen Mustern bedruckt, es wirkte wie Kartoffeldruck (in Wirklichkeit handelte es sich um „Flexodruck"), die Ornamente wie aus einem Baukasten zusammengesetzt, Wellen, stilisierte Blumen, Kacheln, Flechtwerk, Schmetterlinge. Man konnte sich sofort vorstellen, dass Kinder die Tüten im Zeichenunterricht bestempelt hatten, um sich für die Volkswirtschaft nützlich zu machen. Der Stempel war ja überhaupt ein Emblem des Sozialismus. Besonders absurd wirkten die seltsamen, den Kunden mit dem Leben oder mit dem Warenmangel versöhnenden Mantras: „Gut gekauft, gern gekauft" oder „Freude am Einkauf". In der subventionierten Planwirtschaft war jede Ware auch ein bisschen ein Geschenk des Staats an seine Bürger und entsprechend wurde die Geschenkübergabe gefeiert.

Es gibt offenbar keinen Aspekt an der DDR, der sich nicht für ein Sachbuch oder einen Bildband eignen würde, auch nicht die DDR-Papiertüten, für deren Vielfalt und, ja, Schönheit, mir das Buch „Freude am Einkauf – Papiertüten in der DDR" aus dem Verlag Bien & Giersch die Augen geöffnet hat. Die vielen Beispiele stammen aus der Sammlung von Dieter Mink, der in den 80ern auf Ostbesuch zu sammeln begann und bald einige tausend besaß. Er handelt damit inzwischen auf einem Berliner Flohmarkt. Die größte Freude an den Kreationen hätten übrigens Touristen aus Japan. (Kein Wunder bei der japanischen Papierkultur. Woran man wieder sieht, wie schwer es die vielfach diskreditierte DDR-Alltagskultur im innerdeutschen Zusammenhang haben musste. Besucher von weiter weg haben weniger Berührungsängste. Das gleiche gilt ja auch für die abstrakte Motivvielfalt der Betonformsteine.) In der Häufung fällt einem erst auf, dass die Muster gar nicht eintönig waren, sondern eher experimentell wirken. Dazu kommt dieser eigenartige kindliche Charme, den das Regime selbst ja gerade nicht hatte. Aber alles, was von unserer übermächtigen, globalisierten Konsumwelt abweicht, gewinnt heute automatisch einen gewissen utopischen Charakter. Der Sozialismus war ein Paradies der Behelfsverpackungen, es hatte ja wenig Sinn, die Ware durch ihre Verpackung anzupreisen, bzw. es war schon kaum genug Material für die Produkte selbst vorhanden, Verpackung war Verschwendung. Und das ist im Zeichen der Nachhaltigkeit heute schon wieder ein fortschrittlicher Standpunkt, wenn es in der DDR auch eine Mangelerscheinung war. Gegen die Reize westlicher, bunter Plastetüten, mit denen man sich beim Spazierengehen schmückte, hatten die schlichten Papiertüten natürlich bei mir keine Chance. Aber heute reiße ich, um die Umwelt zu schonen, im Bioladen immer Papiertüten vom Bündel, statt jedes Gemüse in eine eigene Plastetüte von der Rolle zu tun, die sich auch immer so unbequem abreißen und öffnen lassen. Dafür habe ich einen Trick entwickelt, wie ich mich endlich von meinem Einpack-Stress beim Kassieren befreie, ich lege die vielen Papiertüten mit Obst und Gemüse einfach als letztes aufs Band, die Kassiererin muss jede einzeln öffnen, um zu sehen, was drin ist, das dauert so lange, dass ich die nötige Zeit gewinne, die anderen Waren schon in meine Einkaufsbeutel zu tun, so dass ich damit manchmal schon fertig bin, wenn ich die Summe genannt bekomme!

Joseph Beuys, dessen Installation „Wirtschaftswerte", ein Regal mit DDR-Waren, ein früher Beleg für den Reiz war, den die östliche Konsumwelt auf Außenstehende hatte, hat DDR-Papiertüten gesammelt, beschriftet und verkauft. Wie Bazon Brock in einem Gespräch im Buch sagt: „Der Osten war für ihn vor allem eine Art Purgatorium, ein Labor zur dringend benötigten Reinigung von allem Überfluss." Das ist natürlich immer wieder provozierend für DDR-Bürger, die unter dem Mangel zu leiden hatten. Andererseits stimmt es ja, man könnte auf so vieles verzichten. Mich persönlich hat der Überfluß an austauschbaren Waren nie beeindruckt, und dass die Verpackung eine Lüge ist, deren Sprache man als Kunde zu entschlüsseln lernen muss, hat mich immer abgestoßen. Die DDR-Papiertüten ließen für mich aber keinen Zweifel daran, dass wir den Westen nie überholen würden. Bazon Brock sieht es im Buch anders: „Ich persönlich hätte großes Zutrauen zur Bleibekraft des Regimes, Vertrauen zu seiner Beständigkeitsbehauptung, wenn ich beim Einkauf dreißig Jahre lang die gleiche Tüte ausgehändigt bekomme." Für ihn sind diese Tüten sogar Kunst: „Also kann man durchaus behaupten, dass die Papiertüten die Höhlenzeichnungen der DDR oder des Sozialismus wären, weil sie eben unüberbietbar auf Dauer bestehen. Wie auch die Höhlenzeichnungen unüberbietbar waren. Es wird niemals etwas geben, was sie gestalterisch übertrumpfen könnte." Und damit schließt sich der Kreis, denn ich war ja nach Beeskow gefahren auf der Suche nach Kunst.

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