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Literatenfunk

Oswald Eggers Fluss

Oswald Eggers Fluss

Jan Kuhlbrodt
Autor und Philosoph

*1966 in Karl-Marx-Stadt
Studium in Leipzig und Frankfurt am Main
Redakteur bei EDIT und Ostraghege
freier Autor
letzte Veröffentlichungen: Kaiseralbum (Verlagshaus Berlin), Das Modell (Edition Nautilus), Die Rückkehr der Tiere (Verlagshaus Berlin)

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Jan KuhlbrodtFreitag, 12.11.2021

 Zu Oswald Egger: Entweder habe ich die Fahrt am Mississippi nur geträumt, oder ich träume jetzt.
Vorauszuschicken ist, dass dieses letztens bei Suhrkamp Buch eines der schönsten ist, wenn nicht das schönste, das dieses Jahr erschienen ist, und zugleich ist es auf vielfältige Art zu lesen und zu betrachten. Der konservative Leser (ich) wird zunächst Seite für Seite vorgehen. Aber der Text besteht aus 386 nummeriert Textblöcken, die jeweils ungefähr eine halbe Seite lang sind. Am Ende jedes Textblocks befindet sich eine Nummer, die auf einen anschlussfähigen Textblock verweist. Und er wird an den Zeichnungen verweilen wie an den Ufern von Wasserläufen. Landkartenhaft geäderte Strukturen.

Man kann sich im Buch also auch mäandernd bewegen und verlieren, wie auf den Wasserwegen in einem verzweigtem Flussdelta, dem des Mississippi vielleicht.
Und der Sprecher sinkt immer wieder zurück in Traumsequenzen, oder die Erinnerung an kindliche Fernsüchte. Das Abheben eines Schwarms Pelikane. Bei offenem Fenster übrigens höre ich derzeit immer wieder die Rufe der Graugänse, dass keines der Tiere den Anschluss verliert.

Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen im Vorschulalter und sicher auch in den Jahren danach war es, in einer alten Ausgabe von Mayers Universallexikon, die in 24 Bänden im Bücherschrank meiner Großeltern väterlicherseits stand, die farbigen Tafeln zu betrachten. Gezeichnete Erklärungen und Darstellungen zu einzelnen Einträgen. Manche konnte man ausklappen, wie zum Beispiel eine, auf der verschiedenste Schmetterlinge dargestellt waren. Man konnte sie ausklappen und in diesen Zeichnungen nach der Natur versinken.
Ich bekam, obwohl es sich um Abbilder handelte, einen Eindruck von der Vielfalt und Unerschöpflichkeit natürlicher Formen. Die künstlerische Darstellung auf de Lexikontafel, die ja niemals alles hätte abbilden können, deren Zeichner also eine Auswahl reffen musste, den Schmetterling also zum Beispiel seinem Hintergrund, einer Pflanze entreißen, verstärkte diesen Eindruck vor allem noch. Der Dschungel aber, den ich solchermaßen betreten hatte und den ich niemals im Leben sah, bisher nicht, wurde so zum vertrauten Terrain.
Auch in diesem Buch finden sich Tafeln, die zuweilen Darstellungen verzweigter Flussläufe suggerieren. Und so ziemlich genau in der Mitte sind ausklappbare Tafeln, die florale Motive aufrufen, an tropische Pflanzen gemahnen.

Seit einigen Jahren jedenfalls lese und betrachte ich Bücher des in Südtirol geborenen und heute auf der Raketenstation Hombroich lebenden Autors und Künstlers Oswald Egger, und ich muss zugeben, dass ich ihnen immer mal wieder mit einen gewissen Misstrauen begegnete, weil sich mir der Eindruck vermittelte, er wolle mich an der Nase herum führen. Der Eindruck entstand, weil Egger sich zuweilen einer Terminologie bedient, die an wissenschaftliche Sprache erinnert. Das machte mich anfangs nervös. Zu sehr bin ich eine Anhänger der Aufklärung, auch wenn ich um die Gefahren des Umschlags ins Repressive weiß. Oder gerade, weil ich darum weiß, meine ich, sie vor dem Irrationalen schützen zu müssen, vor einem gewissen nonchalanten Heideggerismus, der eine Erkenntnis mit einer Welle von Umdeutungen der Terminologie und mit einer zweiten Welle an Neologismen zuschüttet.

Aber Oswald Egger ironisiert nicht, steht nicht breitbeinig mit überlegenem Lächeln neben dem Diskurs, sondern er transponiert die heuristische Qualität in einen anderen Raum. In einen Traumraum, der zugleich ein Labor ist, ein Versuchslabor, der den Möglichkeiten der Sprache nachgeht, dort wo sie sich einem Raumfahrer gleich vom rationalen Gerüst abstößt, und aufgrund des Impulses, der sie zurückbindet, auf neuen Bahnen im Raum bewegt.

„Es war keine leichte, sogar spielerisch zu betätigende Arbeit. An der einen Seite ziehen sich flache Riefungen hin, die teils auf matte Bahnen fortgesetzt sind und zumeist glänzende Einmuldungen bilden.“

Spätestens mit diesem Buch hat mich Oswald Egger eingefangen.

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