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Knud von Harbou
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piqer: Knud von Harbou

Nur noch die Angst

Eine historisch spezifische Dialektik von Zeit und Geschichte wird Dank eines nicht mehr für möglich gehaltenen Aktenfundes zu neuem Leben geweckt. Und das fast achtzig Jahre nach dem Höhepunkt stalinistischer Tyrannei, die noch immer Verständnislosigkeit, totale Verstörung, grenzenloses Mitleid auslöst und eine durch Generationen sich hindurch ziehende Traumatisierung hinterlässt. Die psychologischen Folgen des „Großen Terrors“ Stalins sind bis heute nicht aufgearbeitet. Erst jüngst gaben die Bücher von Swetlana Alexijewitsch und Sergej Lebedew davon Zeugnis wie nun auch Olivier Rolins „Der Meteorologe“ (Verlag Liebeskind 2015). Der französische Romancier, ursprünglich ultralinker Provinienz zu Zeiten der Pariser Studentenrevolte, später Herausgeber im Verlag Le Seuil, nennt sein Buch spröde einen „Bericht“. Tatsächlich ist es jedoch eine feinsinnig dramaturgische Konstruktion aus Erzählung, Biographie und Essay, die es so überhaupt erst ermöglicht, den Hintergrund des Verfolgungswahns in der Sowjetunion der 30er-Jahre zu erfassen. Fast wie in den Romanen des Existenzialismus führt er den Antagonismus von pervertierter Revolutionsideologie und bedrohter Menschlichkeit in diesem so unendlich berührenden Buch vor. Doch der Reihe nach.

Hauptperson ist der, seine aristokratische Herkunft ablegende Wissenschaftler Alexei Wangenheim, der schon früh „eine Neugier für Lufterscheinungen in sich aufkeimen spürte“. Eine Neigung, die ihn im Ersten Weltkrieg zum Leiter des Wetterdienstes machte, ging es doch um gesicherte Vorhersagen, woher der Wind kommt, ob es regnen wird, denn das war die Basis für erfolgreiche Gasangriffe. Sein Wissen nutzten die Kommunisten, Anfang der 30er-Jahre wurde er Leiter des zentralen Hydro-Meteorologischen Dienstes der UdSSR. Er träumt von einem weltweiten Wetterdienst, hat Pläne, das Riesenreich mit Windenergie zu versorgen. Ganz im Sinne Isaak Babels „Die Zukunft war unser unbestrittenes Eigentum“, schmiedete er Pläne für die Beherrschung der Stratosphäre, der Erschließung der Nordostpassage für die Seefahrt. Stalins Kollektivierungsterror in seiner Heimat, der Ukraine, mitsamt einer unvorstellbaren Hungernot schien seinen Aufbruchsgeist nicht zu trüben; den Zynismus des Diktators „Ein Toter ist eine Tragödie, eine Million Tote ist eine Zahl“, nahm er aufgrund übergeordneter Ziele hin. Doch am 8. Januar 1934 folgte eine Zäsur: er wurde in den Isolationstrakt der Lubjanka, dem Sitz der GPU, eingeliefert. Vermutlich werden ihn aber Ahnungen beschlichen haben, denn schon ein Jahr zuvor wurde ein enger Mitarbeiter verhaftet unter dem Vorwurf der Gründung einer konterrevolutionären Organisation innerhalb des Wetterdienstes, mit dem Ziel, mittels gefälschter Wettervorhersagen den Kampf gegen die Dürre zu sabotieren. Man brauchte Sündenböcke für die katastrophalen Ernten und die noch frischen Massengräber. Stalins Gegnerphobie war durch nichts mehr zu stoppen. Hier setzt eigentlich Olivier Rolins Erzählung ein. Er fand in den vermoderten Resten des ersten Gulags auf den Solowetzki-Inseln im Weißen Meer, östlich von Finnland, wohin Wangenheim zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt wurde, in einer Ablage achtzig Jahre später ein kleines Büchlein.

Dieses enthielt Briefe an seine Frau und knapp vierjährige Tochter, für die er eigens liebevoll Natur- und Tierzeichnungen, Bildrätsel anfertigte, um Normalität vorzugaukeln (ergreifend sind sie der Buchausgabe beigefügt). Das Schicksal Wangenheims, der bis zum Schluss ein gutgläubiger Kommunist blieb, steht stellvertretend für den Irrsinn Stalinscher Politik. Nie verstand dieser hochdekorierte Forscher, warum er überhaupt deportiert wurde. Wie sollte er auch, erst später fand man heraus, dass die Aburteilungen nicht nur willkürlich erfolgten, sondern dass dafür im vorhinein pro Bezirk Quoten festgelegt wurden, um etwaige „konterrevolutionäre Aktivitäten“ bereits im Keim zu ersticken. Das passte zu seinem Urteilspruch, bei dem man Paragraphen einfach verwechselte. So fand sich Wangenheim in einem wunderschönen Kloster nebst unmenschlicher Behausungen, die schon dem letzten Zaren als Gefängnis gedient hatte, wieder. Für seinen Lebensmut tödlich erwies sich das absolute Nichtverstehen, warum Moskau mit ihm so verfuhr. Rolin: „Man sieht einen Mann, der sich wehrt und dabei immer tiefer im Treibsand versinkt.“ Der mörderische alltägliche „Strudel des Irrsinns“ in diesem Gulag wird auch nicht durch kärglichen Briefverkehr, seine Mitarbeit in einer kleinen hochgebildeten, kosmopolitischen Häftlingsgruppe, die über die Hinterlassenschaft von 30 000 unzensierten (!) Bänden aus Wissenschaft und Weltliteratur zu wachen hatte, gemildert. Er begann „nur noch Asche in sich zu fühlen“, verzweifelt klammerte er sich an zwei Haltepunkte, „die Liebe der Seinen und die Zuverlässigkeit seines Verstandes“.

Als er 1937 ohne Begründung erneut zu zehn Jahren Haft ohne Recht auf Briefverkehr verurteilt wurde, was nichts anderes als die Umschreibung seines Todesurteil bedeutete, ahnte er, wie es um ihn steht. Ende Oktober verliert sich seine Spur für sechzig Jahre. Dank der Aufarbeit der russischen Organisation „Memorial“ wissen wir heute um die Umstände seiner Ermordung, die Rolin im Anhang seines Buches präsentiert. Bis heute hat die russische Föderation zwar bedauerliche Fehler eingeräumt, nicht aber die Orte der Verbrechen oder gar die „Irrtümer“ preisgegeben. Wangenheims Todesurteil wurde post mortem (!) annulliert, aber auf seinem offiziellen Totenschein ist vermerkt, dass er am 17. August 1942 (!) an einer Bauchfellentzündung gestorben sei, alle Angaben zum Sterbeort blieben offen. So starb er „an zwei gleichermaßen unbekannten Orten“.

Rolin versteht seinen „Meteorologen“ im Zusammenhang mit einer Utopie, von der man zumindest zu einem bestimmten Zeitpunkt glaubte, sie sei dabei „Wirklichkeit“ zu werden. Doch der innere Zusammenhalt von Menschlichkeit erwies sich stärker als die revolutionäre Illusion inmitten dieses russischen Malwerks von Zeit und Geschichte, wo „die Angst alles, was das Leben der Menschen normalerweise ausmacht, in uns erstickt“ (Nadeschda Mandelstam). 

Nur noch die Angst

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