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Literatenfunk

Nicolas Mahler widmet sich Marcel Proust
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Sonntag, 31.12.2017

Nicolas Mahler widmet sich Marcel Proust

Zum Jahresende fragt sich der Mensch, wo die Zeit geblieben ist, in den seltensten Fällen hat er sie damit verbracht, Marcel Prousts "Suche nach der verlorenen Zeit" zu lesen, dieses 3600 Seiten dicke Grundlagenwerk zum Seelenleben der "Nervösen" (die ja nur genauer und weniger von Gewohnheit geschützt wahrnehmen, was alle empfinden). Nicolas Mahler, ein Künstler der Reduktion, bei dem Schatten nur noch einfache Striche sind (die lakonische, vertikale Steifigkeit seiner Figuren erinnert mich manchmal an den großen Henry Büttner) hat sich die "Recherche" als Vorlage für einen Comic ausgesucht, für den Fan ist das, als würde Tarantino einen Startrek-Film drehen. Beim Lesen rekapituliert man als Proustianer die Handlung, bzw. die mit bestimmten Frauen verbundenen Gedächtnisschichten, die vom Erzähler analysiert werden und man schämt sich (vor wem eigentlich?) weil man so viel davon vergessen hat. (Eine tröstliche Phantasie, für den Rest des Lebens alle anderen Bücher beiseite legen und nur noch in einer Endlosschleife die "Recherche" lesen.) Andererseits beobachtet man interessiert, wie ein eigentlich unkürzbarer Text, dessen Held in nicht unbedeutendem Maß die Sprache ist, in ein populäres Genre übersetzt wird (nicht zum ersten Mal), dessen formale Mittel dazu eingesetzt werden, so effizient wie möglich zu erzählen. Die Holzverschlingungen des Notenhalters vom Klavier, auf dem Odette spielt, werden auf einem späteren Bild zum Labyrinth und Möbiusband. Verblassende Erinnerungen können durch "Schmelzen" der Konturen dargestellt werden, das erklärt sich von selbst. Drei Punkte in einer Sprechblase bedeuten leeres Gerede. Weil Marcel das Liebesschicksal Swanns ("Wenn ich denke, daß ich mir Jahre meines Lebens verdorben habe, daß ich sterben wollte, daß meine größte Liebe einer Frau galt, die mir nicht gefiel, die nicht mein Genre war!") wiederholt, biegt er nachts mit Hut und Schal um dieselbe Ecke in Paris, um die schon Swann als Opfer seiner Eifersucht gebogen ist. Eine besonders überraschende optische Pointe ist das Fensterkreuz über Marcels Bett (in dem er die letzten Jahre mit Schreiben verbracht hat), das einem nicht aufgefallen ist, und das am Ende, wenn nach der Beendigung des Buchs und dem Tod des Autors das Licht im Raum gelöscht wird, zum Grabkreuz wird.

Der Erzähler Marcel hat bei Mahler einen Mittelscheitel, der über seinem Kopf schwebt wie ein Heiligenschein, er sieht aus, als sei er schon als Baby in einen Ganzkörper-Vatermörder gewickelt worden und deshalb ausschließlich in die Länge gewachsen. Finger sind bei Mahlers Figuren nur angedeutet oder fehlen völlig, auch auf Augen kann man verzichten, die Nasen sagen schon genug (bei Playmobil fehlen ja die Nasen, weil kleine Kinder sie angeblich nicht zeichnen.) Der Erzähltext stammt direkt aus dem Roman, es geht in den verwendeten Passagen um Kunst als eine Form von Schmerz, die man genießen kann, um das erschütternde Vergessen, das Altern ("Wie auf einer Pflanzung, wo die Blüten zu verschiedener Zeit zu Früchten reifen, hatte ich sie am Strand von Balbec bereits als alte Dame gesehen, als jene vertrocknete Fruchtschote, jene schwammige Wurzelknolle, die sie eines Tages sein würde.") um die Unmöglichkeit, den Gegenstand seiner Liebe ganz zu besitzen, da er sich im Raum und in der Zeit bis zu allen Punkten ausdehnt, die er berührt hat und berühren wird. Da sich Proust gerne der Dummheit der Menschen widmet, deren Reden er genüsslich zitiert ("Madame de Villemur, Monsieur Detaille bewundert als großer Maler, der er ist, gerade ihre Nackenlinie."), ist die "Recherche" an vielen Stellen von großer Komik. Diese Komik wird bei Mahler noch einmal übersetzt in Zeichnungen, die durch ihren eigenwilligen Stil selbst sehr komisch sind. Die Frisuren von Albertine, die ausladenden Gesäße der Frauen in den entsprechenden Kleidern, der Gegensatz von Marcels vertikaler Statur und einem zusammengestauchten Hotelboy, ein Effekt wie bei einem Zerrspiegelkabinett auf dem Jahrmarkt, so einfach wie komisch. Wenn man Mahlers "Recherche" gelesen hat, die leider nur einen Band umfasst, hat man eigentlich keine Ausrede mehr, nicht auch Prousts "Recherche" zu lesen.

9,1
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