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Literatenfunk

Nicholson Baker gibt Vertretungsstunden
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Freitag, 06.01.2017

Nicholson Baker gibt Vertretungsstunden

Wie ich hier schon mehrmals zu begründen versucht habe, ist Nicholson Baker für mich einer der originellsten und inspirierendsten amerikanischen Autoren, wobei ich nur die wenigsten gelesen haben dürfte, was meine Aussage natürlich stark relativiert, aber so redet man halt als Rezensent. Sein neues Buch „Substitute – Going to School with a Thousand Kids" ist noch nicht auf Deutsch erschienen und ich bin gespannt, ob es bei uns einen Verlag findet, denn es ist 719 Seiten lang und ich würde niemanden dafür verachten, wenn er es langweilig findet, da es ja auch viel von Langeweile handelt. Aber am Ende ist das natürlich gerade wieder hochinteressant. Nicholson Baker hat sich 2014 in einem Kurs zum Aushilfslehrer („Substitute") ausbilden lassen, was man in den USA anscheinend kann, wenn man einen Highschool-Abschluss und ein sauberes Führungszeugnis hat. Man bekommt dann z.B. um 5:40 Uhr am Morgen einen Anruf von so etwas wie einem Dispatcher und erfährt, wo man heute im Schulbezirk als Vertretung gefragt ist. Dann fährt man in diese Schule, unterrichtet oder beaufsichtigt einen Tag lang eine oder mehrere Klassen und bekommt dafür ein paar Dollar Gehalt. Vielen wird es nicht so gehen, aber mich wird das Thema Schule wohl nie loslassen, weshalb es mich immer gereizt hätte, noch einmal zur Schule zu gehen. Entweder, um eine Allmachtsphantasie à la „Feuerzangenbowle" auszuleben oder als teilnehmender Beobachter, der das Gefühl genießt, jederzeit wieder in die Freiheit gehen zu können, wie in „Retour au collège" vom fabelhaften Riad Sattouf, der für dieses Buch einen Monat lang an ein Collège im reichsten Viertel von Paris gegangen ist. Als ich mit meiner Tochter das erste Mal ihren Klassenraum betrat, wäre ich auch am liebsten geblieben, trotz der zu niedrigen Stühle. Diese zeitlose Klassenraumfolklore, Konjugationstabellen (da stand tatsächlich „Tunwörter"), Kunstprojekte („Wir kleben unsere Eltern aus Konfettischnipseln"), fröhliche Buntpapierfiguren im Fenster. Es interessierte mich, wie es dort heute zuging, weil ich immer noch nicht verstanden hatte, was in meiner Schulzeit eigentlich passiert ist. Am wenigsten habe ich verstanden, wie es passieren kann, dass so vielen (den meisten?) Kindern in diesen Jahren ohne böse Absicht ihre natürliche Neugier so weit ausgetrieben wird, dass sie nichts so lieben wie das Wort „Ausfall", dass sie sehr gut darin werden, jeder Anstrengung aus dem Weg zu gehen, dass sie Lernen als eine Belastung empfinden und noch als Erwachsene regelmäßig Alpträume haben, in denen sie die Schule nicht schaffen. Nicholson Baker, der in Schulen in Maine ausgeholfen hat, was sicher nicht repräsentativ für die USA ist, schreibt minutiös mit, was sich an den 28 Schultagen, die er erlebt hat, zugetragen hat. So minutiös, dass man ständig einen Stullenbüchsengeruch in der Nase spürt und den Verdacht bekommt, er habe die Gespräche mit seinem Handy mitgeschnitten. Man erlebt engagierte Lehrer, die - immer wieder überfordert vom Temperament oder Phlegma der Schüler - versuchen, einen für alle fairen Schulalltag zu organisieren, was mich stellenweise an meine eigene Schulzeit erinnert hat: in Reihen Antreten vor dem Verlassen des Klassenraums, die „leiseste" Reihe darf zuerst, Alarmübungen, der Kampf darum, wer beim Mittag den Tisch abwischen muss, Vergehen bezahlt man mit Pausenzeit, oder man bekommt in der Pause „walltime" und muss stillstehen, die Vorliebe für Abkürzungen: DEAR Time – Drop Everything And Read, CAFE method of reading – Comprehension, Accuracy, Fluence an Expanded vocabulary, der Morgenappell, der hier die „pledge of allegiance" ist, also das über Lautsprecher angekündigte rituelle Aufstehen zum Rezitieren einer Art Schwur auf die amerikanische Flagge und die von ihr repräsentierten Werte. Neu ist für mich, welche große Rolle Medientechnik spielt. Wenn ich denke, dass wir manchmal die Hofpause verkürzen mussten, weil das Schulfernsehen nicht im Takt unserer Schulstunden sendete. (Ich habe das regelmäßig vergessen und kam zu spät zur TV-Russischlektion, böser Blick der Lehrerin und ein Eintrag.) Heute haben es die Lehrer leichter, man zeigt einfach youtube-Clips. In Bakers Klassen guckt jeder auf seinem ipad, der sowieso immer präsent ist. Eine Lehrerin lässt die Kleinen sogar die Schreibschrift mit dem Finger auf dem iPad einstudieren. Neu war mir auch die Rolle von Medikamenten, weil die Menschen, wie die Schulkrankenschwester Baker verrät, mit Gefühlen nichts mehr anzufangen wüssten. Viele als ADHS-krank eingestufte Kinder nehmen Medikamente, andere nehmen sie gegen Ängste, leiden unter Nebenwirkungen und können nicht mehr schlafen. Das kann Nicholson Baker nicht gefallen und seine Einmischung führt bei einigen Amazon-Kritikern zu heftigen Protesten. (Überhaupt äußern sich dort viele beleidigte Lehrer, ein Aushilfslehrer könne nie ein realistisches Bild vom Schulalltag bekommen, weil die Klassen ihn nicht respektierten.) Aber andererseits gibt es viele Assistenz-Lehrer, die sich parallel zum Unterricht um Einzelfälle kümmern, und Schüler, die sich schwer tun mit Rechnen oder Rechtschreibung, haben im Numeracy Room oder im Literacy Room Extra-Trainingsstunden (wieder am iPad), die allerdings, wie wir erleben, mangels Motivation wenig bringen. So wie der meiste Teil des Tages nach Baker eigentlich nichts bringt und eine gigantische Zeitverschwendung ist, wo die Kinder doch nur diese eine Kindheit hätten. Er wundert sich, dass sie nicht bezahlt werden für die Leistung, den ganzen Tag still zusitzen, Anweisungen zu befolgen und Aufgaben in Form von Worksheets abzuarbeiten. (Sofort hätte ich Lust, mich durch diese thematischen Aufgabenzettel zu arbeiten, aber ich bin ja auch ein Erwachsener, mir macht so etwas Spaß. Die Mehrheit der Kinder scheint es nicht anzusprechen.) Baker führt einen ständigen Kampf um Stille, weil die Schüler ihn nicht ernst nehmen und es schnell so laut wird, dass einzelne Schüler darum bitten, auf dem Gang arbeiten zu dürfen, weil eine Lehrerin nicht weiß, dass man den Ventilator auch leiser stellen kann, weil immer wieder Lautsprecher-Durchsagen über die Erfolge des Lacrosse-Teams oder den Essenplan beim Lunch die Ruhe stören. Wenn einmal 10 Minuten „silent reading" wirklich in Stille stattfinden, bekommt Baker vor Erleichterung offenbar eine Gänsehaut. Er hat viel Respekt für die Lehrer und bewundert sie dafür, dass sie das ein Leben lang durchhalten. Aber manche reden ihm zu laut (bei uns schrien immer die älteren, schon halb nervenkranken Hortnerinnen). Es ist wohl eine Berufskrankheit, schließlich kann Kindergeschrei für Erwachsene eine Folter sein. Baker, der viel von einem großen Kind hat (die Frage ist, ob das eine gute Voraussetzung für einen Lehrer ist), protokolliert minutiös, es kann einen fordern, das alles zu lesen, aber am Ende ergibt es doch einen Sinn, denn es geht ja darum, den von unzähligen banalen aber eigentlich ja auch wieder hochinteressanten Details geprägten Schulalltag naturgetreu abzubilden. An wenigen Stellen verlässt ihn die Contenance und er äußert sich offen kritisch oder stellt rhetorische Fragen. Ist es richtig, den jungen Menschen einen youtube-Clip vorzuführen mit einem Oprah-Winfrey-Special, die sich von Elie Wiesel durch Auschwitz führen lässt? Das kann eigentlich nur schiefgehen. (Er selbst muss es an dem Tag gleich mehrmals hintereinander sehen.) Wozu trichtert man den Schülern fremdwortlastiges, wenig vernetztes Wissen ein? Was hat es für einen Sinn, literarische Texte nach einem „Konflikt" abzusuchen. Es sind zu viele Schüler pro Klasse und der Tag ist zu lang. Für einige Schüler, vor allem die, denen stillsitzen schwer fällt, wäre täglich eine Stunde mit einem Tutor zuhause wesentlich effektiver. Wie wäre es, fragt er, wenn man den Verteidigungshaushalt halbieren würde, den Schultag auf zwei Stunden beschränkte, massenweise gut bezahlte Lehrer anstellte - die andernfalls für ihren Lebensunterhalt irgendwo Cappuccinos kochen müssen - und die Klassen auf fünf Schüler verkleinerte: „Ah, but we couldn't do any of that, of course: school isn't actually about efficient teaching, it's about free all-day babysitting while parents work. It has to be inefficient in order to fill six and a half hours." Baker selbst versucht, mal erfolgreich, mal resignierend, Enthusiasmus zu wecken, Mut zu machen, Freude zu vermitteln, Hemmschwellen abzubauen, oder z.B. einmal darauf zu achten, wie schön die kursive Schrift General Mills G auf der Cheerios-Verpackung aussieht. Die Welt ist schließlich auch ohne die Schule voller Dinge, die man beobachten und erforschen kann. Manchmal geht es für ihn nur darum, dass die Schüler von einem langen Schultag eine einzige nützliche Sache fürs Leben mitnehmen, nämlich dass 9 mal 7 63 ist, was er einer Nachhilfeklasse, die sich mit den Malfolgen abquält, ganz altmodisch einzutrichtern versucht (in Opposition zur modernen Doktrin, dass Auswendiglernen, auch bei den Malfolgen, abzulehnen sei.)

Interessant für mich ist das amerikanische Kolorit, andere Reime, Kinderbücher, Regeln, Sprüche („I mustache you a question, but I'll shave it for later"), Witze („Why was eight afraid of seven? Because seven eight nine"), andere Floskeln, mit denen die Kinder zur Ruhe aufgerufen werden. Wie sagt man „gleichschenkliges Dreieck", wie sagt man „kippeln", welche Rechtschreibfehler machen die Schüler, wenn sie schreiben lernen? Vieles, was Baker selbst in seiner Schulzeit gelernt und schnell wieder vergessen hat, muss man, wie er feststellt, heute immer noch lernen. Und vieles davon habe ich selbst wiedererkannt! Plötzlich waren diese Wörter wieder da: Meiose, Mitose, endoplasmatisches Retikulum, k.g.V. (kleinstes gemeinsames Vielfaches).

Nachdem „Mr.Baker" ein paar Monate lang flaschenweise Sanitizer zwischen seinen Händen verrieben hat, ist das Experiment für ihn beendet, er fährt nach Hause und denkt voll Liebe an diese kuriose Welt zurück: „I loved the element cubes, and the rhombuses, and the glue guns, and the Mother's Day bags, and the playgrounds, and the three-hole punchers, and the Tennsmith metal benders, and the hairy elbows, and the Pajama Days, and the Superhero Days, and the taxonomy-of-learning Posters, and the antonym eggs, and the whining robots, and the stink bugs, and the Sharpies, and the SMILE folders, and the book buckets, and the lunch counts, and the whole broken, beautiful, wasteful, totally crazy educational system I'd been part of."

9,4
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Kommentare 1
  1. Jan Böttcher
    Jan Böttcher · vor 6 Monaten

    Thanks for efficient reading of inefficient teaching. Tolle Rezension, in der nichts zu kurz kommt. Wie schon im Text zu Juul. Und "seven eight nine"! - klingt sofort nach einem They Might be Giants-Song (und ist es womöglich).

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