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Literatenfunk

Nach Babel
Jan Kuhlbrodt
Autor und Philosoph

*1966 in Karl-Marx-Stadt
Studium in Leipzig und Frankfurt am Main
Redakteur bei EDIT und Ostraghege
freier Autor
letzte Veröffentlichungen: Kaiseralbum (Verlagshaus Berlin), Das Modell (Edition Nautilus)

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piqer: Jan Kuhlbrodt
Donnerstag, 30.03.2017

Nach Babel

Aufgewachsen bin ich in dem festen Bewusstsein, um mich herum würde die Zukunft errichtet. Und im Zentrum der Stadt, wo ich das tat, erhob sich ein riesiger steinerner Kopf, der die Züge Karl Marx' trug und finster drein blickte, denn im Haus gegenüber befand sich ein Intershop, wo man mit Forumschecks einkaufen konnte, die man vorher in der Filiale der Staatsbank gegen Westmark eintauschen musste. Als Wechselgeld erhielt man zuweilen Eiskonfekt oder Kaugummi.

Für mich war das normal. Und zu meiner Normalität gehörte auch, dass ich die Bürger der Sowjetunion als Helden und Kommunisten betrachtete. Russe galt als Schimpfwort, und von Ukrainern zum Beispiel, oder Esten war nichts zu hören. Sie gehörten den Völkern der Sowjetunion an, die keine weitere Bezeichnung brauchten. Mein Weltbild war fest gefügt. Risse bekam es, als ich 1984 in die NVA einberufen wurde und durch Lektüren. Und gerade Lektüren sowjetischer Autoren waren es, die den Zweifel in mir sähten und nährten.

Allen voran erschütterte die Lektüre Isaak Babels Erzählungen in der Sammlung „Die Reiterarmee“, die in den achtziger Jahren auf meinem Schreibtisch landete. Angeschafft hatte ich mir dieses Buch um mein Mütchen zu kühlen, denn ich bewunderte Budjonny, den Anführer dieser revolutionären Bande, der mir als verwegener Kriegsherr vorgestellt worden war, mit dem Herzen am rechten Fleck. Und dann Passagen wie diese:

„Stabskommandeur Z. steht in voller Uniform auf der Treppe. Die entzündetet Lider halb geschlossen, hört er den Beschwerden der Bauern mit sichtlicher Aufmerksamkeit zu. Doch seine Aufmerksamkeit ist nicht mehr als ein Trick. Wie jeder geschulte übererschöpfte Militär weiß er, in leeren Minuten des Daseins die Gehirntätigkeit gänzlich auszuschalten. In diesen wenigen Minuten kuhseliger Gedankenlosigkeit schüttelt der Chef unsres Stabes die abgenutzte Maschine wieder auf.“

Alle Heldenhaftigkeit verlor sich, löste sich auf in der Brutalität des Krieges. Die wir Vorbilder nennen sollten, stellten sich dar als brutale und zuweilen dumme Militärs. Das korrespondierte der Erfahrung, die ich in meinem Militärdienst machen sollte, wenn auch nicht auf derart drastische Art.

Die zitierte Passage stammt allerdings nicht aus meiner damaligen Ausgabe, auch wenn sich auch darin vergleichbares findet, was mich im Nachhinein ehrlich verwundert, herrschte doch in der DDR eine harsche Zensur. Aber vielleicht waren die Zensoren ja so blöd und naiv wie ich vor der Lektüre und dachten, ohne den Text gelesen zu haben, dass ein sowjetischer Schriftsteller so hart nicht über einen revolutionären Kommandanten hätte schreiben können.

Das Zitat stammt aus der 2014 im Carl Hanser Verlag unter dem Titel „Mein Taubenschlag“ erschienenen Ausgabe sämtlicher Erzählungen Isaak Babels. Darin findet sich auch eine Zeittafel und ein instruktives Nachwort von Bettina Kaibach.

Übersetzt wurden die Texte von Bettina Kaibach und Peter Urban. Die zitierte Passage stammt aus der Erzählung „Die Kavallerie-Reserve“, die zum Reiterarmee-Zyklus gehört, der Urbans Beitrag am Buch ist und schon einmal in der Friedenauer Presse erschienen war.

Inzwischen bin ich restlos genesen von jugendlicher Revolutionsromantik, so dass die sprachlichen Feinheiten der Texte endlich zum tragen kommen, zumindest so weit sie sich übersetzen lassen. Und ich denke, sowohl Urban als auch Kaibach haben Großes geleistet und den lakonisch Stil Babels in ein ihm entsprechendes Deutsch gebracht, das die Erschütterung der Texte transportiert.

Isaak Babel wurde 1894 in Odessa geboren und am 27. Januar im berüchtigten Lubjanka-Gefängnis in Moskau erschossen.

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