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Literatenfunk

Mutmaßungen beim Trödel
Annett Gröschner
Schriftstellerin und Journalistin
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piqer: Annett Gröschner
Freitag, 01.07.2016

Mutmaßungen beim Trödel

Seit einiger Zeit fahre ich immer, wenn ich in Frankfurt/Oder bin, bei einem Gebrauchtwarenhändler vorbei, der dort im ehemaligen Industrie-, heute Gewerbegebiet, eine Fabrikhalle zur Trödelhalle umfunktioniert hat.

Vor allem Nachlässe Verstorbener kommen kistenweise rein und werden von dem, was der Chef als wertvoll erachtet, bereinigt, ehe der Rest der Allgemeinheit angeboten wird. Das können dann auch mal ausgekippte Schubladen mit allerhand Firlefanz sein.

Etwas versteckt auf einer Empore stehen die Kisten mit Büchern und Videokassetten.

Es gibt leider inzwischen mehr Videokassetten als Bücher und manchmal auch Bücherimitate, in denen Videos ohne Beschriftung versteckt sind. Ganz sicher befinden sich auf den Bändern keine Verfilmungen des Zauberberg oder des Untertan, aber es lässt sich nicht nachprüfen, denn es gibt kein Abspielgerät.

In jeder Bücherkiste dagegen steckt ein Leseleben; und es macht Spaß zu erraten, was für eine Person welchen Geschlechts sich dahinter verbirgt, ob sie ost- oder westsozialisiert ist, alt oder älter.

In den Bücherkisten von Frankfurt/Oder gibt es eindeutig mehr vor 1989 im Osten erschienene Bücher als gesamtdeutsche Literatur. Großer Favorit ist der Bestsellerautor und „Konsalik des Ostens“ (Der Spiegel) Harry Thürk, dessen Bücher in Millionenauflage erschienen. Vor allem sein berühmtestes Buch Der Gaukler liegt in fast jeder Ost-Frankfurter Kiste. Der Titelheld ist eine von der CIA gesteuerte Marionette, die Ähnlichkeiten mit Solschenizyn hat.

Ich glaube, ich habe diese Kiste ausgesucht, weil Der Gaukler da nicht drin ist und weil die Auswahl mehr Abwechslung verspricht als viele andere Buchkartons, die ich fotografiert habe. Das ist keine Frauen- oder Männerkiste im Sinne des Buchhandels (für die Frauen die Liebe, für die Männer der Weltraum). Es ist eher eine Auswahl aus der Bibliothek eines Ehepaars. Sie haben auch nach der Wende noch gelesen, wenn auch weniger und vor allem Krimis. Agatha Christi ist zweimal da. Auch Raymond Chandlers berühmtestes Werk Das hohe Fenster stand im Bücherregal (vielleicht war es auch eher eine Schrankwand mit jeder Menge Nippes vor den Büchern). Interessant ist, dass die Buchbesitzer sich trotz grenzenloser Freiheit nach 1990 mehr für die Entdeckung der eigenen Umgebung interessierten: Deutschland FFO Reiseland. FFO steht für Frankfurt/Oder. Wohin der Dumont-Reiseführer sie begleitete, ist von Clochemerle und Physik verdeckt. Patience und Sterben waren nach der Wende von Interesse, vielleicht legte sie ja noch echte Karten und ihr Partner las ihr dabei aus Elisabeth Kübler-Ross’ Interviews mit Sterbenden vor oder aus dem Roman Das wolkenlose Fenster von einer der erfolgreichsten deutschen Schriftstellerinnen, Alexandra Cordes, die eigentlich Ursula Hornbach hieß und deren Sterben tragisch war. 1986 wurde sie, 50-jährig, von ihrem depressiven Gatten im Verlauf eines erweiterten Suizids erschossen. Vielleicht hat ja die Besitzerin der Bibliothek Alexandra Cordes noch vor dem Ende weggelegt und stattdessen Arthur C. Clarkes Unsere Zukunft im Weltall zur Hand genommen, das Sachbuch zum bekannteren Werk des Autors, 2001: Odyssee im Weltall, von Stanley Kubrick unsterblich gefilmt.

Das Physikbuch hatte ich auch in der 9. Klasse. Entweder ist es von den Kindern übrig geblieben oder mittelalte Menschen haben sich von ihren Büchern getrennt. Vielleicht war sie auch Physiklehrerin. Aber warum ist das Buch dann so schmutzig, als wäre es vor Wut auf die Straße gepfeffert oder einmal durch die nächstbeste Pfütze gezogen worden?

Das Physikbuch ist halb verdeckt von der den Ostdeutschen zweitliebsten Buch-Reihe nach der Bibliothek deutscher Klassiker, die Romanzeitung, die im Verlag Volk und Welt erschien. Wie die Lyrikreihe Poesiealbum bekam man auch die Romanzeitung im Abo. Gabriel Chevalliers Clochemerle ist das 341. Buch, von August 1978. Auf schlechtestem Papier gedruckt, kostete ein Heft nur 80 Pfennig und man konnte es, weil es leicht war, in jeder Akten- oder Handtasche mitnehmen und auf dem Weg zur Arbeit in öffentlichen Verkehrsmitteln lesen. Manchmal gelang es den Herausgebern, heiße Ware zwischen zwei Luschen zu schmuggeln. Wegen Clochemerle rollten sicher keine Köpfe. Genaugenommen ist es kein Roman, sondern eine Novelle, 1934 erschienen. Der Titel ist der Name einer fiktiven Stadt. Glaubt man Wikipedia, geht es um den Bau einer öffentlichen Bedürfnisanstalt vor einer Kirche, was von „sittenstrengen Bürgersfrauen“ zu verhindern versucht wird. Die Verfilmung, mit Sir Peter Ustinov als Erzähler, wurde 1972/73 in Ost wie West gezeigt.

Rudolf Weiss’ Die Spur führt nach Bombay geht eher in Richtung Harry Thürk, es ist ein sozialistischer Spionageroman. „Es gibt keinen Zweifel, die Explosionen in den Maschinenräumen und die Brände in den Laderäumen unserer Handelsschiffe, die die Südostasienroute befahren, sind nicht zufällig. Genossen vom Ministerium für Staatssicherheit nehmen die Spur auf...“ Auch Licht über Koordi erzählt von sozialistischen Abenteuern. Sein Autor, Hans Leberecht, war Este und schrieb auch in dieser Sprache. Angeblich soll das Buch Stalin gefallen haben, weil es die Kollektivierung in Estland in den rosigsten Farben schildert. Ungelesen sieht es nicht aus. Genauso wenig wie Erdmann Graesers Spreelore, im Gegensatz zu einigen in der Kiste kein so schlechtes Buch, Typ gehobener Unterhaltungsroman mit Berliner Herz und Schnauze. Graeser war zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr populär. Noch in meiner Kindheit wurden alle Mädchen, die Schlittschuh liefen, Eisrike gerufen, nach der Titelfigur eines anderen Romans von Graeser. Spreelore wohnt mit ihrer Mutter, einer Wäscherin, in einem der Häuser der Friedrichsgracht, ein freches Berliner Ding, das auf einer Zille geboren wurde und zu oft den Dativ benutzt, aber trotzdem nicht auf den Kopf gefallen ist.

Tom Crepons Leben und Tod des Hans Fallada stand in vielen DDR-Bücherregalen, weil Fallada ein populärer Autor war und wenn man alles ausgelesen hatte, dürstete man nach mehr und fand Tom Crepon. Ein Name, der wie ein Pseudonym klingt, aber keins ist, mit Alexandra Cordes hätte er ein herrliches Namenspaar abgegeben. Sein Deckname bei der Staatssicherheit war dagegen eher von der profaneren Sorte. Klaus Richter. In dieser Eigenschaft hinderte er einen anderen Falladaforscher an seiner Arbeit und wurde so die unliebsame Konkurrenz los.

Bleibt noch Momo von Michael Ende, das wegen seiner Farbe aus der Kiste herausleuchtet. Es erschien 1984 als Lizenzausgabe auch in der DDR. Dies hier ist, wie unschwer zu erkennen, ein nicht zurückgegebenes Bibliotheksexemplar. 3 Jo ENDE ist ein angemessener Abschluss eines Leselebens.

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