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Musiltext
Felix Lorenz
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piqer: Felix Lorenz
Sonntag, 19.03.2017

Musiltext

Bei Jung und Jung erscheint in diesen Monaten und Jahren eine neue Ausgabe der Werke Robert Musils. Das Schöne ist: Zeitgleich mit den einzelnen Bänden wird die Edition auch unter www.musilonline.at ins Netz gestellt. Dort erhält man den Text und, wenn man auf ein kleines Augen-Symbol unter den Kapitelüberschriften klickt, auch Scans der Erstausgaben und Vorabdrucke. Vor Kurzem ist der dritte Band vom Mann ohne Eigenschaften erschienen und damit sind jetzt alle zu Lebzeiten veröffentlichten Teile online zugänglich. Spannend wird die Edition aber vor allem mit den nächsten Bänden werden, wenn die verschiedenen Fragmente und Fortsetzungen nebeneinander einsehbar sind und sich vielleicht eine Art Schluss des Romans andeuten könnte.

Der Mann ohne Eigenschaften ist ein Roman, dem ein Ruf vorauseilt, und wie bei den meisten Romanen, denen ein Ruf vorauseilt, tut ihm das nicht gut. Eine Schwierigkeit liegt sicher darin, dass der Roman nicht fertig geworden ist und an seinen Enden auswuchert. Es hat aber auch etwas mit Musils Stil zu tun.

Im Mann ohne Eigenschaften geht es um eine Gesellschaft, die vor einem Krieg steht, ohne es zu wissen. Die moderne Gesellschaft des Jahres 1913, die sich in den Ersten Weltkrieg bringen wird und ohne dass die Frage ausgesprochen wird, geht es darum, wie das möglich werden konnte. Vor allem geht es aber um Ulrich, den Mann ohne Eigenschaften, jemanden, der sich ein Jahr "Auszeit vom Leben" nimmt, weil er sich, egal wie die Weltlage ist, für keine Lebenshaltung entscheiden kann. Er ist der exemplarische Intellektuelle in der Moderne, der sich keiner Tradition mehr verpflichtet fühlen braucht und trotzdem für alles eine Begründung sucht und der sich deshalb zunächst einmal überall ausprobieren muss.

Dieses Austesten verschiedener Entwürfe der eigenen Person schlägt sich auch in Musils Schreibweise nieder. Zu jedem Standpunkt artikuliert der Roman eine Alternative, weil er sich nie über sich selbst sicher sein kann. Musil pflegt dabei eine ausschweifende Präzision, die zu einer gewissen Umständlichkeit in den Formulierungen führen kann. Er neigt zur Überspezifikation und manchmal hat man den Eindruck, dass da einer die Dinge extra glasklar machen möchte, obwohl sie eigentlich schon glasklar sind.

Aber man macht sich ein falsches Bild, wenn man an den Mann ohne Eigenschaften nur als einen Ideenroman herangeht. Musil ist umständlich, aber nicht unwitzig. Man kann der eigenen Unentschiedenheit nämlich nicht nur mit einem noch größeren Drang zur Präzision begegnen. Man kann die Welt auch ironisch nehmen.

Gerade beim Lesen historischer Texte gibt es die Gefahr, ihre Ironie zu übersehen. Wenn man nicht auf Ironie eingestellt ist, schießt die Erwartung quer. Das kann man schon im sperrigen ersten Satz des Romans bemerken. Wenn man darauf hofft, dass man mit literarischem Pomp in ein großes Werk geführt wird, kann man von der technisch-ungriffigen Formulierung nur enttäuscht werden: "Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Rußland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen”. Die Angelegenheit wird dann noch etwas unübersichtlicher, weil diesem Satz noch eine alternative Beschreibung hinzugefügt wird: “Mit einem Wort, das das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas altmodisch ist: Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913.” Wenn einem entgeht, dass hier die eröffnenden Naturbeschreibungen großer realistischer Romane des 19. Jahrhunderts karikiert werden (und gleichzeitig deplazierte wissenschaftliche Überexaktheit mitkarikiert wird), fragt man sich sehr schnell, was der Quatsch eigentlich soll.

Hier führt einer verschiedene Möglichkeiten vor, wie man einen “Großen Roman” anfangen kann (auf eine ähnliche Art kann man übrigens auch die ersten Absätze von Rainald Goetz’ Johann Holtrop verstehen), und er zeigt den Lesern gleich zu Beginn an, was sie erwartet, welches Denkproblem dieses Buch enthält und auf welche Art der Mehrfachbeschreibung und der Unentschiedenheit man sich einlässt, wenn man weiterlesen will. Lasst, die ihr eintretet, alle Einfachheit fahren.

Die Ironie hat ein vertracktes Wesen. Sie kommt nicht nur als rhetorisches Mittel daher, sie kann sich auch zur Persönlichkeit auswachsen (man spricht von einem "Ironiker") oder eine ganze Poetik beschreiben (die "romantische Ironie"). Aber so vielfältig die Gestalten sind, in denen die Ironie auftreten kann, so wenig ausgereift sind doch die Instrumentarien, sie systematisch zu beschreiben.

Bei Musil kann man die verschiedensten Funktionen der Ironie versammelt sehen. Neben der Ironie im Stil zeigt er auch die historische und strukturelle Ironie. Über weite Strecken des Romans wird heimlich eine “Parallelaktion” geplant: Zum Thronjubiläum Kaiser Wilhelms II. im Jahr 1918 soll in der k. u. k. Monarchie eine noch größere Jubiläumsfeier für Franz Joseph I. aufgeführt werden, um sich mit den Preußen zu messen. Dass Franz Joseph 1916 stirbt und 1918 die Monarchie abgeschafft wird, können die Figuren noch nicht wissen, aber alle ihre schillernden Ideen werden beim Lesen von der weiteren geschichtlichen Entwicklung mit dem blassen Teint der Lächerlichkeit versehen.

Historische Witze sind das eine. Die Ironie ist aber auch Ulrichs Form, sein Hadern mit der Welt zu bestreiten. Er kann verschiedene Lebensformen durchdenken, ohne dass er sich auf eine festlegt, solange er sich dabei ironisch begleitet. Mittels “Witz und Ironie […] kann das Bewußtsein sich selbst als fehlerhaft darstellen, aber eben doch als bewußt fehlerhaft”, heißt es bei Niklas Luhmann an einer Stelle (und der war ja nun auch kein geringer Ironiker). Der Mann ohne Eigenschaften kann sich wie wenig andere Bücher in verschiedene Denkoptionen hineinbegeben, sie durchspielen, daran wachsen, und sie wieder fallen lassen. Man ist danach oft nicht unbedingt weiter, aber vieles ist klarer. Und in den besten Passagen weiß man manchmal gar nicht, wohin einen die Beschreibung mitnimmt. Da wäre zum Beispiel die Stelle mit dem Klavier:

Ulrich war seit seiner Rückkehr schon einigemal bei seinen Freunden Walter und Clarisse gewesen, denn diese beiden waren trotz des Sommers nicht verreist, und er hatte sie mehrere Jahre lang nicht gesehen. Jedesmal, wenn er ankam, spielten sie Klavier. Sie fanden es selbstverständlich, ihn in einem solchen Augenblick nicht zu bemerken, ehe das Stück zu Ende war. Es war diesmal Beethovens Jubellied der Freude; die Millionen sanken, wie es Nietzsche beschreibt, schauervoll in den Staub, die feindlichen Abgrenzungen zerbrachen, das Evangelium der Weltenharmonie versöhnte, vereinigte die Getrennten; sie hatten das Gehen und Sprechen verlernt und waren auf dem Wege, tanzend in die Lüfte emporzufliegen. Die Gesichter waren gefleckt, die Körper verbogen, die Köpfe hackten ruckweise auf und nieder, gespreizte Klauen schlugen in die sich aufbäumende Tonmasse. Unermeßliches geschah; eine undeutlich umgrenzte, mit heißem Empfinden gefüllte Blase schwoll bis zum Platzen an, und von den erregten Fingerspitzen, den nervösen Runzeln der Stirn, den Zuckungen des Leibs strahlte immer neues Gefühl in den ungeheuren Privataufruhr. Wie oft hatte sich das wohl schon wiederholt?

Ulrich hatte dieses stets offene Klavier mit den gefletschten Zähnen nie leiden mögen, diesen breitmäuligen, kurzbeinigen, aus Teckel und Bulldogg gekreuzten Götzen, der sich das Leben seiner Freunde unterworfen hatte; selbst die Tatsache, daß es kein Hausmädchen gab, sondern nur eine Zugeherin, die kochte und fegte, gehörte dazu. Hinter den Fenstern dieses Haushalts stiegen die Weinberge mit Gruppen alter Bäume und schiefen Häuschen zu den geschwungenen Wäldern an, aber in der Nähe war alles unordentlich, kahl, vereinzelt und verätzt, wie es ringsum ist, wo sich die Ränder großer Städte ins Land vorschieben.

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