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Literatenfunk

Mozart auf der Reise nach Prag
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt

Mozart auf der Reise nach Prag

Ich kenne Kollegen, die, seit sie nicht mehr studieren, nur noch Gegenwartsliteratur lesen. Das verstehe ich nicht. Als hätte Gegenwärtigkeit etwas mit dem Entstehungsjahr zu tun. Man muß doch erstmal gründlich gucken, was es schon alles gibt. Was für großartige Texte man immer wieder findet, von denen man nichts geahnt hatte! Das Buch von Eduard Mörike (ja, der von "Frühling läßt sein blaues Band"), lag mal wieder auf dem Grabbeltisch am Bahnhof, wo ich auf Reisen immer noch etwas kaufe, obwohl ich schon zuviele Bücher mitschleppe. Die Sprache ist so wundervoll anders als unser heutiges Deutsch, so souverän verschraubt und dabei genau, wie hat man damals so zu schreiben gelernt? Und einen Lektor hatte Mörike ganz sicher nicht. "'Du siehst', rief er, 'ich bin daran, mit meiner Kur mich völlig ins Geschirr zu werfen. Ich will das Wasser trinken, mir alle Tage Motion im Freien machen …" Ich hatte leider, wie so oft, schon nach einem Jahr fast völlig vergessen, worum es im Buch ging. Also nochmal die Anstreichungen ansehen: "Von jeher gab es wenige Dinge, welche Mozart so unglücklich machten, als wenn nicht alles hübsch eben und heiter zwischen ihm und seiner guten Hälfte stand." Das klingt ganz anders als in "Amadeus". Und wem geht es heute nicht so mit seiner guten Hälfte? Mozart reist mit Constanze nach Prag, wo Don Giovanni uraufgeführt werden soll. Unterwegs hat er beim Anblick einer Pomeranze im Garten eines Adligen einen echten Proustschen Moment, ihm fällt eine Reise nach Italien ein und sogleich auch eine Melodie, die er noch brauchte, so daß er die Pomeranze gedankenverloren zerschneidet. Ein Moment der Inspiration, das liest man ja immer gerne. Er spielt seinen Gastgebern etwas am Klavier vor: "Die Wirkung eines solchen Vortrags in einem kleinen Kreis wie der gegenwärtige unterscheidet sich natürlicherweise von jedem ähnlichen an einem öffentlichen Orte durch die unendliche Befriedigung, die in der unmittelbaren Berührung mit der Person des Künstlers und seinem Genius innerhalb der häuslichen bekannten Wände lieg." Und jetzt Zeit für Motion im Freien!

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Kommentare 2
  1. Marcus von Jordan
    Marcus von Jordan · vor 12 Monaten

    ...ich hatte als Kind eine Schallplatte davon! "Pomeranze" ist eines meiner mystischen Worte geblieben...so wie Samarkand oder Rübezahl.

  2. Kurt Tutschek
    Kurt Tutschek · vor 12 Monaten

    Ja, ein noch immer lesenswertes Buch.
    Außerdem war Herr Mörike auch ein kleiner Schelm, was ihn umso sympathischer macht:

    "Gott schütze uns vor Feuer und Wind
    und vor Arbeitern, die langsam sind."

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