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Literatenfunk

Mohnblumen aus dem Irak
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Freitag, 07.07.2017

Mohnblumen aus dem Irak

In „Les petits riens", Lewis Trondheims mit den Jahren immer meisterhafter gezeichneter, fortlaufender Chronik seiner Reisen, seines Familienlebens, seiner Idiosynkrasien und hypochondrischen Ängste, taucht natürlich auch seine Frau Brigitte Findakly auf, allerdings erfährt man nicht viel über sie, meistens sitzen die beiden müde auf dem Sofa und sehen eine DVD, wenn die Kinder endlich schlafen. Trondheim und seine Familie leben in Südfrankreich, in einem Haus voller nerdigem Krempel und Zeichenutensilien, von wo er sich ungern aber oft auf Reisen zu Comic-Messen begibt, wo es zu Begegnungen mit der internationalen Zeichner-Community kommt. Urlaub macht er manchmal auch noch, meistens auf La Réunion, wo er versucht, die Berge hochzuwandern, aber an seiner Untrainiertheit scheitert. Natürlich gibt es für so einen Menschen eigentlich keinen Urlaub, er ist immer auf Empfang und registriert in der Fremde von der schrägen Typographie bis zu speziellen Snacks im Supermarkt jede Menge interessanter Dinge. Dass so ein Leben im Spannungsfeld von unendlich viel Arbeit und unendlich viel Freiheit das Paradies ist, wird klar, wenn man die nun erschienenen Kindheitserinnerungen von Brigitte Findakly liest, die von Lewis Trondheim gezeichnet, von ihr selbst aber koloriert worden sind, denn das ist ihr Beruf (Brigitte Findakly „Mohnblumen aus dem Irak", Reprodukt). Ich lese von Comicautoren besonders gerne autobiographische Kindheitserinnerungen, vielleicht liegt es daran, dass viele von ihnen große Kinder sind und sich mit dem Thema besonders gut auskennen. Riad Sattoufs „L'Arabe du futur", die beiden wundervollen „Le petit Christian"-Bände von Blutch, Chester Browns Pubertätshölle „I never liked you" und Masturbationselend „Playboy", den aggressiven Slacker-Humor von Julia Wertz in „Fart party" , Mawils Bücher. Humor, Sinn für Details und die Kunstform des Comics machen autobiographisches Material so faszinierend. Besonders reizvoll ist es, zu lesen, was ein Autor berichtet, der in einer anderen Kultur aufgewachsen ist. Aus Zeina Abiracheds abstrakt stilisiertem „Je me souviens" erfährt man, wie es war, im Beirut des Bürgerkriegs aufzuwachsen. Die Kinderperspektive auf so ein Leben überrascht, weil Kinder einen anderen Fokus haben als Erwachsene, und sie entlastet den Leser, da Kinder die Fähigkeit haben, sich auch in einer schrecklichen Welt zuhause zu fühlen. Nachdem Brigitte Findakly berichtet hat, wie es in ihrem Land, dem Irak, in wenigen Jahren zu Militärumstürzen, Despotenregimen, Hetzjagden, Pogromen, Spionage-Paranoia, öffentlichen Hinrichtungen, Terror gekommen ist, sagt sie, dass sie in den 60er Jahren, als Kind, nur einmal ein Gefühl von Gefahr hatte, als sie im Juni '68 in Paris aufgefordert wurden, ein Café zu verlassen, weil eine Studenten-Demonstration sich näherte und die Kellner Schüsse befürchteten. „Damals dachte ich, in Frankreich ist es aber gefährlich." So pointiert und mit Sinn für das Absurde sind ihre Erinnerungen an vielen Stellen, dazu kommt die durchweg spürbare Liebe zu ihrer mit unsicheren Lebensumständen gestraften Familie. Die Geschichte des Iraks scheint wie eine endlose, katastrophale politische Kettenreaktion. Erhängungen, Erschießungen, Gewalt zeichnet Trondheim mit Figuren wie aus einem Kinderbuch, was für mich die Lektüre erst erträglich macht. Die Gewalt ist auch nur der Hintergrund für interessante Details, von denen ich so noch nicht gehört hatte. Dass ab 1969 im Kino vor jedem Film ein schriftlicher Hinweis vor Spionen im Publikum warnte. Wie neidisch die kleine Brigitte war, weil sie im Sommer nicht wie die anderen Kinder durch von Autos zur Mückenbekämpfung versprühte DDT-Wolken toben durfte (ihre französische Mutter verbat ihr das.) Dass man im Irak den Bräutigam vor der Hochzeit fragt, ob er wünscht, dass der Schambereich der Braut vollständig enthaart werden solle. Dass Ärzte als unfähig angesehen wurden, wenn sie statt Spritzen Tabletten verschrieben. Dass Brigitte nach ihrer Übersiedlung in der französischen Schule Schwierigkeiten mit ihrem ersten Aufsatz hatte, weil noch nie von ihr verlangt worden war, ihre eigene Meinung wiederzugeben.

Eine Kindheit, von er kaum etwas geblieben ist, die halbe Familie ist inzwischen über die Welt verstreut, antike Stätten, in deren Ruinen Brigitte gespielt hat, sind vom IS zerstört worden, ihre Eltern leben zwar in Frankreich in ihrer Nachbarschaft, sind aber uralt und unglücklich in der Fremde. Ihr Vater, der in Mossul ein beliebter Zahnarzt gewesen ist, wäre in Frankreich gezwungen gewesen, das Abitur nachzuholen. Als Kind war Brigitte begeistert vom Schuhputzer, der regelmäßig ins Viertel kam. Sie half ihm und war fasziniert von seinem Köfferchen mit den vielen, wohlsortierten Fächern. Sie wollte unbedingt Schuhputzer werden. Zum Glück hat sie dieses Buch gemacht.

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